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Gedanken zur Woche

Gott tröstet wie eine Mutter

Die Losung aus der Bibel für 2016 verspricht etwas, das uns hilft, die Verunsicherung zu bewältigen, wie Kirchenpräsident Dr. Volker Jung für die evangelische Kirche erklärt.

Ein Bild aus dem letzten Jahr
Am Beginn dieses neuen Jahres begleitet mich noch immer ein Foto aus dem alten Jahr. Anfang September ging es um die Welt: das Bild mit dem kleinen Jungen in einem roten T-Shirt. Als für viele gerade der Sommerurlaub zu Ende war, zeigte es am Strand der türkischen Mittelmeerküste seinen leblosen Körper. Auf der Fahrt nach Griechenland war wieder einmal ein Boot mit Flüchtlingen gekentert. Der Junge ertrank wie Tausende vor ihm. Das Bild ist grausam und berührend zugleich.

„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“
Ich weiß nicht, wie viele Tränen das Mittelmeer in den vergangenen Jahren gesehen hat. Von Menschen, die an den südlichen Küsten Europas ihre Hoffnung auf ein neues Leben in Frieden und Sicherheit suchten und nie an der Küste Europas ankamen. Oder von Menschen, die um ihre Toten weinten. Oder von denen, die helfen wollten und nicht konnten. Was ich sicher weiß ist, dass sie alle eines bitter nötig haben: Trost.

„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
Dieser Satz steht in der Bibel – im Buch des Propheten Jesaja. Es ist die Jahreslosung für 2016 und soll als eine Art Leitwort durch das neue Jahr führen. Ich finde ihn hilfreich – gerade weil in der gegenwärtigen Weltlage so vieles trostlos erscheint.

Es ist ein ungewöhnliches Bild, auf das der Prophet Jesaja hier zurückgreift. Selten wird Gott mit Verhaltensweisen zusammengebracht, die traditionell Frauen zugeschrieben werden. Doch hier wird er wie eine liebende Mutter dargestellt, die immer für ihr Kind da ist. Sie passt auf, aber sie kann nicht alle schwierigen Situationen verhindern. Und sie ist da, wenn sie gebraucht wird. Wenn ihr Kind hingefallen ist, nimmt sie es in den Arm, hält es fest, spricht tröstende Worte packt an, trocknet Tränen. Sie lässt ihr Kind spüren: Ich werde für dich da sein, wenn du mich brauchst. Und sie hilft: sie versorgt Wunden und öffnet den Blick, damit ihr Kind mit neuem Vertrauen in die Zukunft geht. Die Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja sagen: So ist Gott für euch da. Wer fragt: Wie kann ich mir Gott vorstellen?, erhält diese Antwort: Wie eine tröstende Mutter!

Der Weg in eine gute und friedliche Zukunft
Der Trost einer Mutter ist innig und zugleich sehr praktisch. Dass Flüchtlinge in ihrer trostlosen Situation solchen Trost brauchen, haben – Gott sei Dank – viele Menschen gespürt. Es ist großartig, wie sich Tausende in unserem Land für andere einsetzen. Wie sie bei der Hilfe für Flüchtlinge anpacken und warme Winterkleidung beschaffen. Wie sie in Notunterkünften Deutsch unterrichten oder Asylbewerber bei Behördengängen begleiten. Oft genug brauchen die Menschen nach ihrer dramatischen Flucht aus Kriegsgebieten jede Menge Trost. Viele kommen mit schrecklichen Erlebnissen und grauenhaften Bildern im Kopf zu uns. Sie brauchen Menschen, die ihnen zuhören und mit ihnen reden und jede Menge praktische Hilfe.
Auch in den Herkunftsländern der Flüchtlinge sind Trost und Hilfe nötiger denn je. Ich bezweifle, dass allein Militäreinsätze wirklich dabei helfen können, in Syrien und im Irak dauerhaft Frieden zu schaffen. Groß ist die Gefahr, dass sie die Logik des Terrors weiter befördern. Gott, die tröstende Mutter, mahnt dazu, Frieden zu suchen – mit den Mitteln des Rechts und der Liebe. So jedenfalls lässt es sich im Buch des Propheten Jesaja nachlesen. Ja – manchmal ist es schwierig zu trösten, wirklich zu trösten und nicht nur oberflächlich zu vertrösten. Das gilt auch für die unter uns, die sich in der neuen Situation bei uns überfordert, unsicher und unbeachtet führen.

Auch sie brauchen Menschen, die sich ihnen zuwenden, mit ihnen reden und Mut machen, vertrauensvoll das neue Miteinander zu gestalten. Wirklicher Trost braucht langen Atem. Aber es lohnt sich, nach diesem Trost zu suchen – mit Gottes Hilfe.
„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Wenn ich an das Bild des toten Jungen mit seinem roten T-Shirt am Strand denke, bitte ich Gott um Trost – für den Jungen, für die Menschen, die bestimmt nach wie vor untröstlich um ihn trauern. Und ich bitte Gott um den Trost, den wir alle brauchen, um nach Kräften das zu tun, was sinnloses Sterben und Leiden verhindert. Gottes Trost weist den Weg in eine gute und friedliche Zukunft.

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinn ein trostreiches und gesegnetes neues Jahr.

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