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Kultur

Gott – schmerzlich vermisst

Das Schweigen Gottes, seine Flucht aus dieser Welt, schlägt Wunden, die den Glauben erschüttern. Andererseits schreckt auch der Mensch vor der Nähe Gottes zurück, so Silvia Katharina Becker von der katholischen Kirche.

Judas Kuss Gemälde von Giotto di Bondone

Gefangennahme Jesu von Giotto di Bondone (1266-1337)

Am Karfreitag feiern alle Katholiken auf der Welt um 15.00 Uhr die Karfreitagsliturgie, exakt zur Todesstunde Jesu. Vor dem Tod am Kreuz aber stand eine Flucht. Die Jüngerflucht. „Da verließen ihn alle und flohen“: Diese kargen Worte beenden im Markusevangelium die Gefangennahme Jesu in Getsemani. Hinter der Leidensgeschichte Jesu verbirgt sich also eine Fluchtgeschichte. Sie erzählt von menschlichem Versagen: von der Angst der Jünger, ihrer tiefen Enttäuschung, ihrem überfordert Sein.

Es klingt vielleicht seltsam. Aber die fliehenden Jünger strahlen auf mich etwas Tröstliches aus, etwas zutiefst Menschliches. Ob das wohl daran liegt, dass auch ich mitunter auf der Flucht bin - auf der Flucht vor mir selbst, aber auch auf der Flucht vor den Abgründen und Ansprüchen anderer Menschen, vor den Dunkelheiten der Welt?

Immer wieder ertappe ich mich dabei, die allabendlichen Nachrichten zu „verpassen“ - endlich einen Abend ohne die verzweifelten Gesichter fliehender Menschen, martialisch aussehender Soldaten, verlorengegangener Kinder. Eigentlich müsste ich auch längst wieder einmal die kranke Nachbarin besuchen - aber gerade heute kann ich keine langatmige Krankheitsgeschichte ertragen, gespickt mit deprimierenden Details. Wo beginnt die Flucht vor den berechtigten Ansprüchen anderer, wo legitimer Selbstschutz? Die Grenze ist oft schwer zu ziehen.

Gerade angesichts der fliehenden Jünger bedeutet das Ende und gleichzeitig der Höhepunkt der Fastenzeit eine Chance, sich den eigenen Fluchtbestrebungen redlich zu stellen: Wo fliehe ich vor Herausforderungen, die vielleicht gerade mir gestellt sind? Wo fliehe ich vor mir selbst, vor der Welt, vielleicht sogar vor Gott?

Flucht vor Gott: Was für ein befremdlicher Gedanke. Ist es nicht vielmehr umgekehrt? Ist Gott nicht derjenige, der die Menschen im Stich lässt? Magnus Striet, Fundamentaltheologe aus Freiburg, meint dazu:

„Zeigt sich Gott aber nicht vor allem durch im Vermissen seiner? Friedrich Nietzsche, der große Sprachartist, hat Stendhal eine Formulierung geneidet: ‚Die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht existiert.’ Albert Camus, alle Moralisten, die für mehr Humanität stritten, für ein wenig mehr Achtsamkeit und Gerechtigkeit in einer zerrissenen und von Machtlogik beherrschten Welt, waren so durchdrungen vom abgründigen Problem der Theodizee, dass sie unmittelbar verstanden, was Stendhal gemeint hatte.“1

Das Schweigen Gottes, seine scheinbare Flucht aus dieser Welt, schlägt in der Tat eine Wunde, die den Glauben existentiell erschüttern kann. Eine Erschütterung, die übrigens auch Jesus nicht verschonte. Seine letzten Worte am Kreuz lauteten immerhin: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34)

Und dennoch frage ich mich: Hat die scheinbare Abwesenheit Gottes nicht manchmal auch damit zu tun, dass der Mensch seinen Gott hübsch auf Abstand hält, seine Nähe im Grunde seines Herzens gar nicht will? Sie könnte überfordern, diese Nähe. Konsequenzen heraufbeschwören, die nicht absehbar sind. Die bequeme Banalität des Alltags gefährden. Das Paradoxe: Auch fromme Menschen, kirchlich hoch Engagierte, sind von diesem Abwehrimpuls betroffen.

Offensichtlich gibt es in unserer Seele zwei Grundbewegungen. Da lebt einmal die tiefe Sehnsucht nach Gott und seiner grenzenlose Liebe, Augustinus' „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir“. Andererseits behaupten sich immer wieder Gegenkräfte, die uns vor der Nähe Gottes zurückschrecken lassen.

Der 1987 verstorbene indische Jesuit Anthony de Mello beschreibt dazu eine eigene Erfahrung:

„Ich hatte ein ziemlich gutes Verhältnis zum Herrn. Ich pflegte ihn um Dinge zu bitten und mich mit ihm zu unterhalten, ihn zu loben und ihm zu danken. Aber ich hatte stets das unangenehme Gefühl, er wolle mich veranlassen, ihm in die Augen zu sehen. Und ich wollte nicht. Ich redete zwar, blickte aber weg, wenn ich spürte, dass er mich ansah. Immer sah ich weg, und ich wusste warum. Ich hatte Angst, einen Vorwurf dort zu finden wegen irgendeiner noch nicht bereuten Sünde. Ich dachte, ich würde auf eine Forderung stoßen: irgendetwas wollte er wohl von mir.

Eines Tages fasste ich Mut und blickte ihn an. - Da war kein Vorwurf. Da war keine Forderung. Die Augen sagten nur: 'Ich liebe dich.' Ich blickte lange in diese Augen, forschend blickte ich in sie hinein. Doch die einzige Botschaft lautete: 'Ich liebe dich.' Und ich ging hinaus und weinte wie Petrus.“²

1 Magnus Striet: Ein Versuch über Auferstehung, Anzeiger für die Seelsorge

² Anthony de Mello, Warum der Vogel singt. Herder, Freiburg 2000, Seite 86f

Silvia Becker Kirchlicher Verkündigungsbeitrag zum Fest Fronleichnam

Silvia Katharina Becker

Zur Autorin:

Silvia Katharina Becker, Dr. phil., ist seit 2008 Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandradio und Deutsche Welle. Sie studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Daneben ist sie auch als freie Autorin tätig.

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