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Kultur

"Gott kann Euch nicht schützen"

Zerbombte Kirchendächer, verbrannte Heiligenstatuen und ermordete Christen: Auf Attentäter, wie den von Charleston, scheinen Gotteshäuser eine fatale Anziehungskraft auszuüben. Dahinter steckt eine perfide Botschaft.

Hinter den Anschlägen auf Kirchen verbirgt sich ein zynisches Kalkül: Sie bringen maximale mediale Aufmerksamkeit. Die Attentäter scheinen auf die hohe Symbolkraft der Bilder zu setzen: Sie verwandeln heilige Stätten in blutige Kriegsschauplätze.

"Es geht darum, gezielt Terror zu verbreiten", meint Monika Lauer Perez, die beim katholischen Hilfswerk Adveniat für Projekte in Kolumbien und Mexiko zuständigt ist. Ein Anschlag auf eine Kirche sei auch eine Demonstration von Macht und Gewalt. "Die Botschaft lautet: Euch kann auch Gott nicht beschützen", sagt sie.

Zuflucht bei "Mutter Emanuel"

Die im Jahr 1787 gegründete "Emanuel African Methodist Episcopal Church" (EMA) in Charleston ist ein Beispiel für diese brutale Strategie. Die EMA-Kirche ist in den ganzen USA bekannt und gilt als Symbol für den

Kampf gegen Rassismus

.

"Mutter Emanuel ist mehr als nur eine Kirche", erklärte US-Präsident Barack Obama nach dem Anschlag in der amerikanischen Presse. "Es ist eine Gebetsstätte, die Afroamerikaner auf ihrer Suche nach Freiheit geschaffen haben. Es ist eine Kirche, die niedergebrannt wurde, weil ihre Mitglieder gegen die Sklaverei kämpften".

USA: Schießerei in einer Kirche in South Carolina Reaktionen (Foto: Kevin Liles/UPI /LANDOV)

Die "Mutter Emanuel" Kirche in Charleston ist ein Symbol für den Kampf gegen Rassismus

Die Angriffe auf Kirchen, Synagogen und Moscheen aus religiösen, rassistischen und politischen Motiven haben in den vergangenen fünf Jahren weltweit zugenommen. Insbesondere im Irak, in Ägypten und Syrien, im Niger, in Nigeria und Kenia, in Indien, Pakistan und Afghanistan, gehören Verfolgung und Vertreibung von Gläubigen zum Alltag.

Granate auf Gläubige

In Lateinamerika haben Anschläge auf Kirchen Tradition. Bekanntestes Beispiel ist die Ermordung des

Erzbischofs Oscar Romero

am 24. März 1980 in der "Kapelle der göttlichen Vorhersehung" in Salvador. Die Tat löste einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg in dem mittelamerikanischen Land aus.

Auch im vom Bürgerkrieg geplagten Kolumbien sind Kirchen das Ziel von Anschlägen. Bischöfe, Nonnen und Priester, die sich gegen die Gewalt von Rebellen oder Paramilitärs wehren, werden häufig entführt. Mal wollen Guerilla-Kämpfer auf diese Weise Geistliche einschüchtern, mal demonstrieren Drogenkartelle so ihre Macht in einer bestimmten Region.

"Durch einen Anschlag auf eine Kirche wird die Gemeinde bis ins Mark getroffen", weiß Kolumbien-Referentin Monika Lauer Perez. Denn die Kirche sei häufig der zentrale Treffpunkt in einem Ort. "Wer sie zerstört, zerstört auch die Identität der Gemeinde".

In Kolumbien löste das

“Massaker von Bojayá”

ein nationales Trauma aus. Die Kirche in einem Dorf im Westen des Landes wurde am 2. Mai 2002 durch eine Granate in Schutt und Asche zerlegt.

Kolumbien: Marienstatue in Bojaya (Foto: LUIS ACOSTA/AFP/Getty Images)

Blutbad in Boyajá: Eine Granate der FARC-Rebellen zerstörte die Kirche

Grund für das Massaker im kolumbianischen Regenwald waren Gefechte zwischen FARC-Rebellen und paramilitärischen Gruppen. 300 Menschen hatten vor den Kämpfen in der Kirche Zuflucht gesucht. Der Einschlag der Granate riss 111 Gläubige in den Tod.

Exodus in Nigeria

Während in Lateinamerika der politische Terrorismus abnimmt und ein Ende des Bürgerkriegs in Kolumbien absehbar erscheint, ist die Lage im Nahen Osten und einigen afrikanischen Ländern dramatisch. In Nigeria hat der Eroberungszug der islamistischen Kämpfer von Boko Haram eine wahre Angriffswelle auf Kirchen ausgelöst.

Allein in der Diözese Maiduguri im Nordosten des Landes sind über 350 Kirchen zerstört worden. In einem Bericht des örtlichen Bischofs Oliver Dashe Doeme wird das Ausmaß der Zerstörung dokumentiert: 100.000 Gläubige wurden vertrieben, 5000 Katholiken ermordet, 30 Missionsschulen geschlossen, 250 Katechisten und 26 Priester sind auf der Flucht.

"Wir sind Zeugen eines Exodus unser Brüder und Schwestern", schreibt Bischof Oliver Dashe Doeme aus Maiduguri. "Zwischen Bama und Mubi steht keine einzige Brücke mehr, es gibt kein Krankenhaus mehr, das funktioniert, und alle Schulen und Kirchen wurden zerstört".

Anschlag auf eine Kirche in Bauchi (Nigeria) (Foto:Shehu Saulawa/AP/dapd)

Selbstmordattacke: Eine Autobombe zerstörte am 3. Juni 2012 die Kirche in der nigerianischen Gemeinde Bauchi

Nigerias brennende Kirchen liefern schon langer keine Schlagzeilen mehr. Nach den Wahlen am 28. Mai hofft die verzweifelte Bevölkerung, dass der neue Präsident Muhammadu Buhari die Terrortruppen von Boko Haram stoppen kann.

"Am Anfang brannten die christlichen Kirchen, dann haben sich die Anschläge auf alle öffentlichen Einrichtungen ausgeweitet", erklärt Gabriele Huber, Länderreferentin für Nigeria bei Misereor. "Irgendwann waren alle Kirchen im Nordosten zerstört. Es gibt nichts mehr zu zerstören."

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