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Afrika

"Gott ist groß und Mursi Ägyptens Präsident"

Der Muslimbruder Mohammed Mursi, Ägyptens neuer Präsident, hat Großes vor sich: er muss die Revolutionäre einen, seine Gegner von sich überzeugen und um Machtbefugnisse mit dem Militärrat ringen.

Hamada Ramadan Abdelaziz steht auf dem Tahrir-Platz und hält die Hände zum Gebet. Zwei seiner Freunde haben den Arm um ihn geschlungen, gemeinsam lauschen sie über das Handyradio dem Chef der Obersten Wahlkommission, Farouk Sultan. Er soll eigentlich nur schnell den nächsten Präsidenten verkünden - Mursi oder Schafik - doch Farouk Sultan hält die Ägypter in Anspannung, geht jede einzelne Wahlfälschung durch, Wahlkreis für Wahlkreis, Urne für Urne.

Hamada Ramadan Abdelaziz (r.) lauscht dem Wahlergebnis (Foto: Viktoria Kleber)

Hamada Ramadan Abdelaziz (r.) lauscht dem Wahlergebnis

Eine Stunde lässt Farouk Sultan die Massen von Mursi-Anhängern auf dem Tahrir-Platz warten, quält sie mit Details, sie harren in Stille aus, die Stimmung ist angespannt. Dann endlich die Nachricht: der Muslimbruder Mursi ist Ägyptens neuer Präsident. Abdelaziz springt in die Luft schreit "Allahu Akbar" ("Gott ist groß") und umarmt seine Freunde. "Ich bin der glücklichste Mann der Welt", sagt Abdelaziz und hat Tränen in den Augen. "Es ist ein Sieg für ganz Ägypten."

Kairos Stadtzentrum – eine Mursi-Partymeile

Der Tahrir-Platz und auch jede einzelne Straße im Zentrum Kairos erscheinen in den nächsten Stunden danach wie eine einzige Mursi-Partymeile. Rot, weiß, schwarz – die ägyptische Fahne überall, Feuerwerke am Himmel, die Autos wetteifern im Dauerhupen. Und Mursi gibt es bereits als Souvenir zu kaufen: als Aufdruck auf T-Shirts, im goldenen Bilderrahmen oder als Abdruck auf einem Feuerzeug, in die ägyptische Fahne gewickelt.

Der Sieg Mursis ist historisch: Zum ersten Mal in der Geschichte Ägyptens ist der Präsident frei gewählt, zum ersten Mal in der Geschichte Ägyptens ein ziviler Präsident, noch hinzu ein Muslimbruder. Vor 18 Monaten noch undenkbar. Die Muslimbrüder - unter dem Mubarak-Regime noch verfolgt und ins Gefängnis geworfen, heute die stärkste politische Kraft im Lande.

Und dennoch, der Wahlentscheid war knapp: Rund 52 Prozent der Wählerstimmen hat Mursi ergattert und damit nur rund 890.000 mehr als Ahmed Schafik, Mubaraks alter Premier. Seine Wähler waren nicht nur Muslimbrüder, sondern auch viele Revolutionäre, so wie Rana Gaber. "Ich bin fast glücklicher darüber, dass Schafik verloren hat als dass Mursi gewonnen hat", sagt sie. "Mursis Sieg bedeutet vor allem, die Revolution geht weiter."

Mohammed Mursi muss Ägypten einen

Mohammed Mursi (Foto: Reuters)

Wahlsieger Mursi

Mohammed Mursi, 60 Jahre alt, promovierter Ingenieur und nun auch Ägyptens neuer Präsident, hat Großes vor sich. Zunächst muss er das revolutionäre Lager wieder einen. Viele Aktivisten waren enttäuscht von der Muslimbruderschaft, die sie oft - gierig nach Macht - im Stich gelassen hat. Erst Ende vergangener Woche machte Mursi ihnen Zugeständnisse, versprach, dass er sie mit in die Regierung einbinden will. Mursi kündigte auch an, er werde als Vizepräsidenten eine Frau oder einen Kopten ernennen.

Doch nicht nur die Revolutionäre muss Mursi versöhnen und mit politischen Taten zufriedenstellen, auch seine Gegner: Fast die Hälfte der Wähler hat gegen ihn gestimmt. In Nasr City, einem Stadtteil im Nordosten Kairos, haben sich erst am Samstagsbend Zehntausende von Schafik-Anhängern versammelt, die Mursi nicht gerne im Amt des Präsidenten sehen. Und auch nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse kam es zu kleineren Ausschreitungen zwischen Mursi-Fans und Gegnern. Viele Ägypter haben Angst vor einem islamistischen Staat, auch Amira Salem. "Ich habe Angst, dass Ägypten ein zweites Iran oder Afghanistan wird. Das darf nicht passieren."

Der Machtkampf mit dem Militärrat geht weiter

Doch Mursis größter Kampf gilt nun dem Militärrat, sofern keine politischen Deals hinter verschlossenen Türen abgehalten worden sind, wie in den vergangenen Tagen spekuliert wurde. Denn Mursi wird ein Präsident fast ohne Macht, der Militärrat hat ihm Befugnisse entzogen und sich in den vergangenen Wochen selbst mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet.

Hussein Tantawi (Foto: AP)

Gegenspieler Tantawi

Der Chef des Militärrats, Hussein Tantawi, bestimmt weiterhin das Budget des Militärs, ob in den Krieg gezogen wird oder nicht und hat, bis ein neues Parlament gewählt ist - frühestens in neun Monaten - auch die Macht, Gesetze zu verabschieden. Hinzu kommt seine Befugnis, jeden Artikel in der Verfassung, die von der verfassunggebenden Versammlung ausgearbeitet werden muss, zu ändern.

Mursis erstes Ziel ist es, diese Verfassungsänderungen erst einmal wieder rückgängig zu machen. Seine Anhänger und auch die Revolutionäre wollen solange demonstrieren, bis Mursi ein mächtiger Präsident ist. Hamada Ramadan Abdelaziz ist deshalb schon seit fast einer Woche wieder auf dem Tahrir-Platz. Er hat fest vor, dort auch noch länger zu bleiben. "Ich schlafe hier so lange, bis wir alles kriegen, was wir wollen." Damit meint er auch die Streichung der neuen zusätzlichen Verfassungsartikel und des neuen Notstandgesetzes. Doch darauf wird sich der Militärrat nicht so einfach einlassen.

Es sind große Aufgaben, die Mohammed Mursi nun vor sich hat. Hamada Ramadan Abdelaziz ist sich sicher, dass Mursi diese meistern wird. Auf seinem Zelt auf dem Tahrir-Platz hängt an der Eingangstür ein großes Plakat mit Mursi. Darauf steht: "Mit Gottes Hilfe schaffst du alles – auch, den Militärrat zu besiegen."

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