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Spurensuche

"Gott hat einen Sohn?"

Für einen muslimischen Jungen aus Afghanistan ist vieles an Weihnachten in Deutschland erstaunlich. Auch der christliche Glaube, wie Klaus Möllering beschreibt.

Türen öffnen

Noch zwei Wochen dauert der Advent – diese Zeit vor Heiligabend, in der wir schon als Kinder jeden Morgen ein neues Türchen im Adventskalender geöffnet und so jeden Tag mit einem neuen Bild, einem erwartungsvollen Blick begonnen haben.

In diesem Jahr hat unsere Adventszeit schon im Frühjahr begonnen, genauer gesagt: Anfang Mai. Da haben wir, meine Frau und ich, die Tür zu unserem Zuhause für einen Jugendlichen aus Afghanistan geöffnet. Für Muhammad, einen „unbegleiteten minderjährigen Flüchtling“, wie sie im Amtsdeutsch heißen. Mit dem großen Flüchtlingsstrom über die Balkanroute nach Deutschland vor gut einem Jahr kamen 5000 von ihnen nach Berlin. Nun sind wir Muhammads Pflegefamilie. Und das eröffnet ihm wie uns, aber auch anderen, die ihm begegnen, seitdem eigentlich jeden Tag eine Tür mit neuen Einsichten.

Warum tun Sie das?

Im vergangenen Sommer etwa: Da saß er eines Morgens auf dem Zahnarztstuhl - ziemlich angespannt, fand ich, vermutlich die Angst vor Bohrer oder Spritzen. Dabei gingen die beiden Zahnarzthelferinnen, beide nicht viel älter als er, doch ziemlich behutsam vor beim Zahnreinigen. Trotzdem sprang der Junge plötzlich hoch: „Nein, ich darf kein Wasser schlucken“, stieß er hervor. Ach ja, es lag also am Ramadan, am Fastenmonat. Muhammad nimmt seinen Glauben sehr ernst; tagsüber wollte er deshalb keinen Tropfen Wasser schlucken, nicht mal beim Zahnarzt. Doch dann überraschten die beiden Helferinnen ihn – und beruhigten ihn: „Wir fasten doch selbst“, sagten sie, „wir passen schon auf.“

„Und woher kommt er, was macht er bei Ihnen?“, fragte die eine dann beiläufig nach hinten, wo ich das alles verfolgte. „Er ist aus Afghanistan geflohen, seit zwei Wochen wohnt er bei uns“, erklärte ich. „Wieso? Sind Sie auch Moslem?“ fragte sie erstaunt zurück.

„Nein, ich bin Christ. “

„Aber warum tun Sie das?“ wollten beide wissen und vergaßen vor lauter Erstaunen fast die Zähne des Jungen. „Weil er ein Mensch ist“, versuchte ich es erst einmal ganz grundsätzlich. „Weil er ein Zuhause braucht. Weil er in einer Familie am schnellsten Deutsch lernt. Weil er das unbedingt braucht, als Tür in die Zukunft.“ Die beiden konnten das kaum fassen. „Krass, so was habe ich ja noch nie gehört“, meinte die eine. Und: „Cool, das muss ich meiner Freundin erzählen“, die andere. Ungläubiges Staunen, dass wir, wie viele andere hierzulande ja auch, uns so über Glaubensgrenzen hinweg um Flüchtlinge kümmern. Darüber gingen meine weiteren Erklärungen fast unter: Dass das natürlich auch mit meinem Glauben zu tun hat, mit Nächstenliebe. Aber auch, dass ich einfach nicht in einer Gesellschaft leben möchte, in der die Angst regiert, sich Mitmenschlichkeit nicht mehr leisten zu können. Und dass ich mir, bei aller Vorsicht nach den erschreckenden Gewalttaten der letzten Zeit, mein Vertrauen in Menschen nicht nehmen lassen will. Auch wenn das, was Muhammads Glauben von meinem unterscheidet, damit ja nicht einfach verschwindet.

Ungläubiges Staunen

Aber selbst diese Unterschiede bringen uns oft weiter; wir sprechen immer wieder miteinander darüber. So wie neulich: Der Advent war nicht mehr fern und ich versuchte Muhammad zu erklären, dass dies für uns Christen eine so besondere Zeit sei, weil wir bald Jesu Geburt feierten. Und Jesus sei für uns mehr als ein Prophet. „Mehr als ein Prophet?“ Das war für ihn schlicht nicht vorstellbar. „Gott hat einen Sohn?“ In seiner Rückfrage lag ein so großes, ungläubiges Staunen, dass alle meine Übersetzungsversuche daran endeten: Dies sei eben ein Ausdruck dafür, erklärte ich, dass Menschen bei Jesus so viel von Gottes Nähe erfahren hätten, dass sie das nur so umschreiben konnten. Ein altes Bild, um das kaum Fassbare darin zu fassen: Dass für uns Christen Gott tatsächlich Mensch geworden ist, in diesem Jesus. Ja, ausgetragen von einer jungen Frau mit all den Hoffnungen ihres Glaubens, geboren in ärmliche Umstände, aber unter größten Verheißungen. Und dass für uns aus all diesen Bildern ein Licht scheint, das die Welt seitdem heller macht. Anders. Menschlicher. Dass deshalb Kerzen so zum Advent gehören wie Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe zu unserem Glauben. Doch diese Adventsgedanken blieben Muhammad so fremd und fern wie mir sein Fasten zu Ramadan. Durch keine dieser Türen wollte und konnte er gehen. Das muss er ja auch nicht, denke ich jetzt. Um etwas vom Advent zu spüren, reicht ja schon der Blick durch eine solche Tür hindurch.

„Gott hat einen Sohn?“ Das ist ja auch wirklich ein verwegener, ein gewagter, ein erstaunlicher Glaube, den wir Christen da haben, merke ich. Aber das Staunen darüber gehört gerade mit zum Advent. So wie die Erwartung, dass darin wirklich etwas an Mitmenschlichkeit zu spüren ist.

Pfarrer Klaus Möllering Berlin (GEP)

Klaus Möllering (Jahrgang 1953) arbeitet seit 2009 als Pfarrer und Seelsorger im Seniorenwohnstift Augustinum in Kleinmachnow bei Berlin. Klaus Möllering ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und eine reizende Enkeltochter.