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THEMEN

Gott, Goethe und ein Wörterbuch

Das Goethe Wörterbuch ist ein Mammutprojekt. Es will den gesamten Goethe-Wortschatz wie ein Lexikon erfassen. Auch nach 70 Jahren ist es noch nicht vollendet. Auf einer Veranstaltung in Berlin wurde es vorgestellt.

Hamburg Arbeitsstelle des Goethe-Wörterbuchs (picture-alliance/dpa/V. Heick)

Vom Zettelkasten zum Wörterbuch

Goethe glaubte nicht an Gott. Das hat ihn aber nicht gehindert, in seinen Werken mehr als 3100 mal über Gott zu schreiben. 1800 der 3100 Erwähnungen betreffen die christliche Religion, der Rest die klassische Antike. Und dann erfahren wir, dass Goethe Gott meist klein geschrieben hat, und einmal auch nur mit einem 't'. Das und noch viel mehr findet man im Goethe Wörterbuch.

Ein ganzer Artikel widmet sich dem Themenkreis Goethe und Gott, gespickt mit Kurzanalysen, Zitaten und Werkverweisen. Mit gleicher Gründlichkeit werden danach Dutzende von Wortkombinationen aufgeführt, in denen Gott vorkommt: Von "Gottähnlichkeit" über "Gottbetörte" bis hin zu "Götzentempel". 

Auch nach 70 Jahren nicht vollendet

Bildergalerie Ferienhäuser von Dichtern und Denkern (Johann Wolfgang von Goethe) (picture alliance/dpa)

93.000 Worte: Keiner hat einen größeren Wortschatz als Johann Wolfgang von Goethe

Vor genau 70 Jahren beschloss die Deutsche Akademie der Wissenschaften in Berlin, das Mammutprojekt Goethe-Wörterbuch ins Leben zu rufen. Ein Wörterbuch, in dem jedes einzelne Wort, das Goethe in seinen Gedichten, Dramen, Briefen, den amtlichen Schreiben und naturwissenschaftlichen Aufsätze benutzt hat, präzise beschrieben und im Werk-Kontext erklärt werden sollte.

Die Zeit für das Goethe-Wörterbuch sei damals reif gewesen, sagte Arbeitsstellenleiter Michael Niedermeier von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) in seiner Ansprache zum 70. Jubiläum. Nach der NS-Zeit sehnte man sich nach einer Rückbesinnung auf unerschütterliche Werte, wie sie Goethe und seine Zeit verkörperten. Dass es ein Mehr-Generationen-Projekt würde, das sogar die deutsche Teilung überstanden hat, hätte sich damals keiner vorstellen können. Doch Neugier, Interessenvielfalt und das schiere Produktionstempo des Dichterfürsten hätte die Väter des Goethe-Wörterbuchs misstrauisch werden lassen müssen.

Unübertroffener Wortschatz

Goethe verfügte über den größten jemals dokumentierten Individualwortschatz von 93.000 Wörtern. Von Verben über Nomen bis hin zu Präpositionen und Artikeln haben die Wissenschaftler alles erfasst. Zum Vergleich: Bei Luther kommen die Experten "nur" auf 23.000 Wörter.

Allein die Erfassung und Auswertung der 93.000 Wörter auf mehreren Millionen Zetteln, im Fachjargon "Verzetteln" genannt, hat mehr als 20 Jahre in Anspruch genommen. Doch mittlerweile ist Land in Sicht. Bei der lexikalischen Aufbereitung hat das gegenwärtige Team aus 17 Wissenschaftlern die Buchstaben S (wie Stein) und T (wie Tat oder trefflich) erreicht. 2025 soll die Ziellinie erreicht werden. Ursprünglich hatte man das Projektende sogar auf 2040 projektiert. Doch Geduld und Budget der BBAW und der mit ihr kooperierenden Akademien in Heidelberg und Göttingen waren wohl endlich.

Das große Goethe-Netzwerk

Weil Goethe nicht nur Gedichte und Dramen schrieb, sondern sich auch über die Farbenlehre und viele andere naturwissenschaftliche, politische, philosophische und kulturelle Phänomene ausließ, ist das Wörterbuch für Michael Niedermeier ein "zentrales Instrument der Klassikforschung, das seine Wirkung erst noch über die Jahrzehnte und Jahrhunderte entfalten wird".

Im Gespräch mit der Deutschen Welle betonte er, dass die mittlerweile im Internet zugängliche Online-Version noch weitere Chancen eröffnet: "Wir wollen dort das Wörterbuch auf eine völlig neue Ebene bringen, in dem wir es mit den Themen, etwa Farbkreisen, den Mineralien der Weimarer Sammlung und den Naturalien der Jenaer Sammlung vernetzen."   

Damit reagiert Niedermeier offensichtlich auf die Kritik, dass nur einige wenige Goethe-Enthusiasten von dem Wörterbuch profitierten. Zielgruppe sollen aber neben Germanisten auch Naturwissenschaftler, Kulturforscher und Historiker sein. Kurzum alle, die mehr über das 18. Jahrhundert wissen wollen.

Goethes Werke richtig interpretieren

Martina Gedeck Lesung in Berlin 2006 (picture-alliance/dpa/C. Esch-Kenkel)

Fühlt sich von Goethes Liebesgedichten angesprochen: Martina Gedeck

Bei der Veranstaltung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften waren Niedermeier und seine Mitstreiter bemüht, den Nutzen des Goethe-Wörterbuches zu demonstrieren. Ernst Osterkamp von der Berliner Humboldt-Universität zeigte, wie man mit Hilfe des Wörterbuches das Gedicht "Lass mich weinen" aus dem West-Östlichen Divan interpretieren kann. Dort betrübt die Trennung von Suleika ihren reisenden Liebhaber. Am Ende des Gedichtes heißt es "Lass mich weinen. Tränen beleben den Staub. Schon grunelts".

Das Wort "gruneln" wurde von Goethe-Experten immer als eine mundartliche Wendung interpretiert, die am Ende des Gedichtes eine Abflachung des Spannungsbogens bewirke. Osterkamp wies anhand des Wörterbuches nach, dass Goethe mit "gruneln" etwas anderes, nämlich Verwandlung und Erneuerung verband: Und so kulminiert das Gedicht in einer Feier des erneuerten Lebens.

Goethe und die Liebe

Die Schauspielerin Martina Gedeck knüpfte daran an in ihren fein ausgerichteten Rezitationen Goethescher Liebesgedichte – darunter die Marienbader Elegie und Gedichte aus dem West-Östlichen Divan. "Goethe war sehr zu Hause in allem, was die Liebesdinge angeht", sagte Gedeck der DW. "Ich finde mich wieder in den Liebesgedichten. Sie sind exemplarisch. Wenn man liebt oder geliebt hat, fühlt man sich gemeint."

Martina Gedeck liest viel Goethe – bei  öffentlichen Veranstaltungen oder daheim auf dem Sofa. Wann sie denn zuletzt im Goethe-Wörterbuch geschmökert habe, ist eine naheliegende Frage: Das kenne sie gar nicht, antwortet sie lachend. Und verspricht, bald mal einen Blick hineinzuwerfen. 

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