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Gott brauchte drei Versuche

Matthias Schepp, Stern8. März 2004

Das Verhältnis der Chinesen zu Ausländern im eigenen Land ist gespalten. Neugier und Ablehnung können einem Europäer hier begegnen. Aber für den Fortschritt ist der Westen Vorbild. Lesen Sie Teil 6 unserer China-Woche.

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Peking: Moderne und Tradition auf engem RaumBild: AP

Manchmal bin ich bei Pekings Taxifahrern durchaus angesehen: "Ah, Deutscher. Bier, Benz, Beckenbauer, gut." Manchmal denken sie, die Langnase sei bestimmt zu dumm, um chinesisch zu sprechen. Dann zupfen sie schon mal an den Härchen meines Unterarmes und grinsen breit. Haben sie ja schon immer gewußt, Ausländer sind Affen. Chinesen haben keine Haare an Armen und Beinen.

Fast jeder Chinese kennt die Geschichte von der Erschaffung des Menschen. Gott brauchte drei Versuche. Erst ließ er den Menschen zu lange im Ofen, er brannte an - die schwarze Rasse war geboren. Dann holte er uns, die weißen Langnasen, zu schnell aus dem Ofen. Pech gehabt. Endlich schuf er den perfekten Menschen, den Chinesen. Nicht zu dunkel, nicht zu hell, die goldene Mitte eben. Würdige Bewohner für das Reich der Mitte, den Mittelpunkt der Erde.

Nationalstolz und Chauvinismus

Manchmal schlägt der Chauvinismus in Ausländerhass um. Als Nato-Bomber die Botschaft der Volksrepublik in Belgrad zerstörten und vier Chinesen töteten, nahmen die Taxifahrer keine Westler mit; ich gab mich als Russe aus. Die US-Botschaft wurde mit Steinen beworfen, mein Kollege Harald Maass verprügelt. Die Regierung ermunterte den Mob anfangs. Weil immer weniger Chinesen an Marx und Mao glauben, sehen manche Politiker in Peking im Nationalismus den neuen Kitt für das Riesenreich.

An einem Sommermorgen verfolgten wir, wie Tausende ehrfürchtig das Hissen der Fahne am Platz des Himmlischen Friedens bestaunten. Es war die Zeit, als die Regierung hart gegen die Falun-Gong-Sekte vorging. Später im Kohlehügel-Park fragte ein Assistent, ob hier noch Sektenanhänger meditierten. Im Nu umringten uns hunderte wütende Chinesen, ein Teil gehörte zur Staatssicherheit. "Das ist chinesische Erde", schrien sie. Ich sagte: "Ich weiß". Dann kassierte uns die Polizei für ein paar Stunden.

Schimpfwörter der Nation

Im Flugzeug wurde meine chinesische Freundin Zhan - wir hatten gerade einen Ausflug in die Sichaun-Provinz hinter uns - als Ausländerflittchen und Imperialisten-Lakai beschimpft. Den Wortschatz lernen die Chinesen von Kindesbeinen an aus den Medien, einer Art Volkshochschule für den Krieg mit Worten. Im Propagandaministerium arbeiten Beamte täglich an neuen Wortungetümen für die Feinde des Volkes: die Vizepräsidentenin von Taiwan - "Abschaum", die Schriftstellerin, die Sex zum Thema ihres Romans machte - "eine dekadente Sklavin ausländischer Kultur".

Unter Mao waren Langnasen schlicht "ausländische Teufel", schuld an Hungersnöten und Seuchen. Heute ist alles komplizierter, man braucht die Teufel als Investoren. Ausländer haben viel dazu beigetragen, dass Chinesen sie nicht mögen, besonders in der Kolonialzeit.

Auf dem Weg zur Supermacht

Manchmal sehen die Chinesen in den Fremden trotzdem halbe Götter, die alles können: bessere Autos bauen, Menschen auf den Mond schicken und Softdrinks erfinden. Unsere reichen chinesichen Bekannten brüsten sich damit, nur ausländische Produkte zu kaufen. Die Elite schickt ihre Kinder auf amerikanische Universitäten, sogar der Präsident.

China träumt davon, zur Supermacht aufzusteigen, trägt aber schwer an der Demütigung, in den vergangenen fünfhundert Jahren von einer Weltmacht zum Entwicklungsland geschrumpft zu sein. Die Chinesen schwanken zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen – eine explosive Mischung. Der Westen kann aufrüsten. Oder alles tun, um China einzubinden: mehr Investitionen, mehr Staatsbesuche, mehr Tourismus.