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Fokus Osteuropa

Gotovina: Lange Stolperstein auf Kroatiens Weg in die EU

Weil er noch immer nicht verhaftet war, hatte die EU immer wieder die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit Kroatien verschoben. Jetzt ist Ante Gotovina nach jahrelangem Versteckspiel doch in Haft. Ein Blick zurück.

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Ante Gotovina (2001)

Das UN-Tribunal in Den Haag hatte den kroatischen General Ante Gotovina mit den gesuchten bosnischen Serben Radovan Karadzic und Ratko Mladic auf eine Dringlichkeitsstufe gestellt. Chefanklägerin Carla del Ponte nannte diese drei Fälle gerne im selben Atemzug: „Das Kriegsverbrechertribunal wird seine Pforten nicht schließen, solange nicht Karadzic, Mladic und Gotovina der Prozess gemacht ist“, hatte Frau del Ponte stets betont.

In Kroatien wird Ante Gotovina heute von vielen als Held angesehen. 1991, zu Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen, kehrte er der französischen Fremdenlegion den Rücken, um für sein Heimatland zu kämpfen. Er machte eine Blitz-Karriere in der kroatischen Armee, befreite die Hafenstadt Zadar erfolgreich aus serbischer Belagerung und stieg zum General auf.

Mord und Vertreibung

Als Anfang August 1995 die Krajina, die serbisch kontrollierte Region an der Grenze zu Bosnien-Herzegowina, wiedererobert werden sollte, übertrug man Gotovina das Oberkommando im Süden. Die eigentliche Militär-Operation "Sturm" dauerte nur wenige Tage. Doch noch bis November wurden - wie es offiziell hieß - die letzten serbischen Widerstandsnester ausgehoben.

Laut Haager Kriegsverbrecher-Tribunal wurden unter Gotovinas Kommando mindestens 150 serbische Zivilisten ermordet und Zehntausende durch Gewaltakte zur Flucht gezwungen. Nach der Veröffentlichung der Anklageschrift im Jahre 2001 tauchte er unter. Chefanklägerin Carla del Ponte drängte seitdem die Regierungen in Zagreb, bei der Fahndung nach dem General zu helfen.

Jahrelange Spekulationen

Doch von dort kam stets die Antwort, dass man nicht wisse, wo sich Gotovina aufhalte. Spekulationen, der General werde in einem Kloster in Bosnien-Herzegowina versteckt, konnten nie bestätigt werden. Regierungschef Ivo Sanader beteuerte stets, mit dem Haager Tribunal zusammenarbeiten zu wollen, aber schlicht keine Informationen über den Aufenthaltsort Gotovinas zu haben. Staatspräsident Stipe Mesic formulierte es in einem Interview mit der Deutschen Welle selbstkritischer: „Es ist unsere Pflicht, dass wir alle Spuren überprüfen. Und wir müssen den Haager Anklägern darüber Bericht erstatten, bis sie zu der Überzeugung gelangen, dass Kroatien General Gotovina nicht ausliefern kann, weil er sich nicht in Kroatien aufhält. Das ist das, was wir beweisen müssen: dass wir wirklich alles unternommen haben, um ihn zu finden - aber dass er nicht in Kroatien ist."

Das Haager Tribunal stellte sich jedenfalls auf den Standpunkt, dass die offiziellen Stellen in Kroatien in Sachen Gotovina nicht offen zusammen arbeiten wollten. Und da die EU die vollständige Zusammenarbeit mit Den Haag als Voraussetzung für die Aufnahme von Beitrittsgesprächen formulierte, schien sich der Fall Gotovina zum großen Hindernis für Kroatien zu entwickeln.

Endgültiger Abschluss?

Warum Carla Del Ponte im Oktober dann doch nachgab - darüber kann man nur spekulieren. Möglicherweise war der Druck Österreichs ausschlaggebend, denn Wien wollte der Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei nur zustimmen, wenn auch grünes Licht für Kroatien gegeben würde. Mit der Festnahme Gotovinas in Spanien kann der lange Streit zwischen Brüssel, Den Haag und Zagreb nun endgültig zur Vergangenheit gezählt werden.

Klaus Dahmann

DW-RADIO, 8.12.2005, Fokus Ost-Südost