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Kultur

Gospel, Glauben und Gefühle

Weihnachtsmärkte. Glühwein. Natürlich. Aber noch eine Tradition breitet sich in Deutschland aus, vor allem zu Weihnachten: Gospelmusik ist etwas fürs Herz und füllt damit eine Lücke, die die Kirche für viele offen lässt.

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Die Deutschen mögen den Pepp - aber gehen sie deswegen öfter in die Kirche?

Es mag seltsam wirken, dass Gospel-Musik gerade in Deutschland so willkommen ist - in einem Land, wo so wenig Menschen in die Kirche gehen wie fast nirgendwo sonst in Europa. Aber die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die Internetseite berlin-gospel-web.de listet allein für Berlin 50 Gospel-Chöre auf; bei gospelszene.de ist von 500 Chören in ganz Deutschland die Rede. Womöglich sind es noch viel mehr.

Musikhistoriker erklären die Gospel-Welle mit dem allgemeinen Interesse an Black Music, das nach dem Zweiten Weltkrieg aufkam und in letzter Zeit durch Filme wie Blues Brothers oder Sister Act noch verstärkt wurde. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Gospel-Sänger und Chorleiter - viele von ihnen Amerikaner, die hier im Land arbeiten - alle Mühe gegeben, dem unstillbaren Verlangen nach Konzerten und Workshops nachzukommen. Nicht nur zur Weihnachtszeit.

Anders glauben als gewohnt

Adrienne Morgan Hammond hat Gospel-Karriere gemacht - dabei war sie eigentlich als Musical-Schauspielerin und Jazz-Sängerin nach Deutschland gekommen. Heute leitet sie drei Gospel-Chöre in Köln und Umgebung und gibt pro Jahr 20 Workshops in Kirchen im ganzen Land. "Gospel-Musik hat hier eine große Fangemeinde", sagt sie. Nie seien weniger als 400 Leute gekommen.

Ladysmith Black Mambazo

Die südafrikanische Gospelgruppe 'Ladysmith Black Mambazo'

Morgan Hammond stammt aus Kalifornien und sang in ihrer Jugend Gospel im Kirchenchor. "Ich war ziemlich verwundert, dass die Deutschen diese Musik mögen. Es liegt eigentlich nicht in ihrer Kultur, aber es hat schon etwas damit zu tun", vermutet die Musikerin. "Deutsche müssen ihre Gefühle immer zurückhalten. Darum ist Gospel attraktiv, weil sie in der Öffentlichkeit Emotionen zeigen können. Und sie können ihren Glauben an Gott ganz anders zeigen, als sie es gewohnt sind."

Frischeres Image als die Kirche

Eine der Pionierinnen in der deutschen Gospelszene ist Angelika Rehaag; sie betreibt eine Gospel-Akademie in der Nähe von Düsseldorf, rief 1995 ein Gospel-Festival ins Leben und leitet selbst sieben Gospel-Chöre. "Die Menschen finden in der Kirche kein Zuhause, sie ist zu philosophisch und zu theologisch", erklärt Rehaag. "Gospel-Musik dagegen ist was fürs Herz."

Sie sieht die Gospel-Musik als Chance, ein jüngeres Publikum anzusprechen. "Viele Jugendchöre der Kirchen nennen sich Gospel-Chor, egal ob sie Gospels singen oder nicht", sagt sie. "Die Leute wollen mit der Kirche nichts zu tun haben, aber Gospel klingt interessant."

Gospel ja, Gott nein

Predigt in Wittenberg

Gospel ist ausgelassener als der 'normale' Gottesdienst - deswegen hat er viele Fans. Aber nicht alle sind oder werden gläubige Christen

Ansgar Puff sieht die Sache etwas skeptischer. Er ist Pastor in der katholischen St.-Josef-Gemeinde Düsseldorf, wo Rehaag einen Gospel-Chor leitet. "Oft fangen die Leute an, Gospel zu singen, und verstehen gar nicht, was sie sagen. Irgendwann verstehen sie dann den Text und sie kommen dazu, über ihren Glauben nachzudenken", sagt er. "Aber der nächste Schritt wäre, in die Kirche einzutreten. Und ich habe noch keinen gesehen, der das tut."

Ein Beispiel dafür ist Christiane Ehlert, eine 42-jährige Beschäftigungstherapeutin. Sie hat mit der Kirche schon vor langer Zeit gebrochen, singt aber seit zwei Jahren im Chor von Morgan Hammond. "Ich verbinde meine Liebe zu dieser Musik nicht unbedingt mit der Liebe zur Kirche", sagt sie. "Es fühlt sich auf jeden Fall toll an, wie Medizin. Aber das muss nicht mit der Liebe zu Gott zusammenhängen."

Weg von der Stille Morgan Hammond findet, die Musik spreche für sich selbst. "Ich versuche nicht, diesen Leuten die Religion in den Kopf zu hämmern. Aber in jedem Lied, das wir singen, steckt Gottes Wort", erklärt sie. "Selbst Leute, die nicht glauben, sind trotzdem irgendwie berührt." Jetzt sieht sie sich als Missionarin: "Ich versuche dabei zu helfen, die Kirche zu revolutionieren und die Menschen zurückzugewinnen, die es leid waren, in der Kirche immer still zu sein und zu leiden."

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