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Politik

Gores großer Auftritt

Wenn es um die Umwelt geht, gibt es derzeit wohl keinen größeren Medienmagneten als Al Gore, den Ex-Vizepräsidenten der USA. Das zeigte sich auch bei seinem Auftritt in Berlin.

Fernschreibergrafik Berlin

Jens Thurau

Al Gore war da. In Berlin. Und zunächst einmal stellt sich die Frage, wie wir ihn denn nun ansprechen sollen. Mr. Vice President? Das war er mal. Friedensnobelpreisträger? Er ist ernannt, das ja, aber er hat die Ehrung noch nicht entgegen genommen. Gore selbst hat eine noch bessere Variante: "Some years ago, I used to be the next President of the United States." Eine kleine, bittere Erinnerung an seine Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2000, als er Georg Bush unterlag, obwohl er mehr Stimmen bekam – so etwas ist eben möglich beim Mehrheitswahlrecht. Egal, er hat ja einiges aus seinem Leben gemacht danach, ist durch die Welt gereist als eine Art Dauermahner vor dem Treibhauseffekt – und hat jetzt dafür den Preis mit dem höchsten Ansehen weltweit bekommen.

"Vor einigen Jahren war ich mal der nächste Präsident der USA", sagt er jetzt also vor den handverlesenen Gästen des großen deutschen Energieversorgers EnBW, der ihn als Starredner seines Klimakongresses eingeladen hat. Gore redet in einem noblen Veranstaltungszelt ganz in der Nähe des Kanzleramtes. Der süddeutsche Energieriese hat – so hört man - stattliche 180.000 Euro hinblättern müssen dafür, dass Gore ein paar Dias zeigt über die Folgen des Klimawandels und neue Studien zitiert. Aber mehr Aufmerksamkeit kann man derzeit beim Thema Klima nicht erlangen, als dass man ihn dabei hat. Es hat sich also gelohnt.

Vorher hat es ein bisschen Ärger gegeben: Einmal, weil Angela Merkel spontan dafür sorgt, dass ein Teil des Glanzes von "Mr. Climate Change" auch auf sie abfällt. Ein paar Stunden vor der Rede empfängt sie Gore im Kanzleramt, ganz oben im siebten Stock, in der "Sky Lobby" mit trefflichem Blick hinüber zum Reichstag. Das war ursprünglich so nicht geplant. Viele Fotografen und Kameraleute sind dabei - und viele von ihnen werden es später nicht mehr für nötig halten, auch noch über den Auftritt Gores auf dem EnBW-Kongress zu berichten. Zumal Kameras dort – Ärgernis Nummer Zwei - nur für zehn Minuten zugelassen sind, zehn Minuten, in denen Gore ein paar grundsätzliche Worte verliert ("Wir müssen jetzt handeln, sonst können wir unseren Kinder und Enkelin später nicht mehr in die Augen schauen.") – und dann muss die Presse gehen. Die Rechte an der Rede hat Gore selbst – und er möchte seine Worte offenbar selbst vermarkten. Der Deutsche Journalisten-Verband kritisiert das in einer Pressemitteilung. Nicht so üblich bei uns in Europa.

Von den Auserwählten, die dennoch zuhören dürfen, wird tags drauf zu hören sein, dass Gore sein Handwerk durchaus versteht. Keine Spur von der Nüchternheit, die die oft technischen Vorträge der Klimaforscher durchzieht. Stattdessen wenige Zahlen, viele Emotionen. Aber Gore verbreitet auch keine Katastrophenstimmung, immer wieder verweist er auf die Chancen, die sich auftun, wenn die Ökonomien jetzt umschwenken ins solare Zeitalter.

Ein amerikanischer Auftritt sei das gewesen, sagt ein Augenzeuge. Große Gesten, starke Worte, viel Geschichtshauch, Pathos. Vielleicht genau das, was ein Thema wie der Kampf gegen den Klimawandel gebraucht hat, um weltweit ins Bewusstsein der Menschen vorzudringen. Am nächsten Tag ist Gore schon wieder verschwunden, um an anderen Orten der Erde weiter zu werben für mehr erneuerbare Energien und weniger Autos. Er wird nicht mehr Präsident der USA werden. Aber er hat zu sich und zu seiner Mission gefunden.