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Europa

Good Bye, Leninstraße - auf Ukrainisch

Das Gesicht der Ukraine verändert sich so stark, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Hunderte Orte und Straßen werden umbenannt, die an die Zeiten des Kommunismus erinnern. Neue Namen zu finden ist nicht immer leicht.

Wer heute in die Ukraine reist, sollte sich auf Verwirrung einstellen. Die südukrainische Stadt Iljitschiwsk mit dem drittgrößten Hafen des Landes zum Beispiel gibt es nicht mehr. Seit dem 18. Februar heißt sie Tschornomorsk, was so viel bedeutet wie "Eine Stadt am Schwarzen Meer". Der alte Name, der an den Vatersnamen des sowjetischen Führers Lenin erinnerte, ist damit Geschichte. Die Ukraine verabschiedet sich in Eiltempo von der sowjetischen Vergangenheit in Straßen- und Ortsnamen, die fast ein Jahrhundert lang das Land prägten.

Hintergrund ist ein vom Parlament im April 2015 beschlossenes Gesetz, das umgangssprachlich "Dekommunisierungsgesetz" genannt wird. Es stuft das kommunistische Regime so ein wie das national-sozialistische und verbietet die "Propaganda von dessen Symbolik". Es verschwinden nicht nur Lenindenkmäler oder Bilder und Skulpturen mit Hammer und Sichel. Ganze Städte, Dörfer, Straßen und Plätze werden umbenannt.

Rosen- statt Revolutionsplatz

Etwas Ähnliches gab es in den neuen deutschen Bundesländern nach der Wende, als unter anderem die sächsische Karl-Marx-Stadt ihren alten Namen Chemnitz erhalten hatte. In der Ukraine ist die jetzige Umbenennungswelle jedoch viel umfangreicher. So viele Veränderungen der Toponyme, wie Ortsnamen im Fachjargon heißen, kannte die Ukraine seit ihrer Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 nicht. Nach Einschätzung des Ukrainischen Instituts für nationales Gedächtnis sollen insgesamt mehr als 900 Ortschaften ihren Namen wechseln. Bisher hat das Parlament nur einen Bruchteil davon umbenannt - etwas mehr als 150 Städte und Kommunen. Die dafür vom Parlament vorgesehene Frist endete zwar am 22. Februar, doch der Prozess dürfte mindestens bis Mai dauern.

Sowjetkunst in der U-Bahn-Station Schuljawska in Kiew (Foto: Inna Kupriyanova / DW)

Sowjetkunst in der U-Bahn-Station Schuljawska in Kiew

Aus den Landkarten verschwinden vor allem zahlreiche Stadtbezirke, Dörfer oder U-Bahnstationen, die an die Oktoberrevolution im Russischen Reich 1917 und die einstigen "Helden" der Sowjetunion erinnern: Parteichefs, Armeekommandeure, Arbeiterführer. Besonders beliebt sind neue neutrale Namen, wie Birkenstraße, Winterallee oder Rosenplatz. Doch auch neue Zeiten hinterlassen ihre Spuren. So werden einige Straßen nach Menschen benannt, die bei den Protesten auf dem Maidan in Kiew vor genau zwei Jahren starben oder bei Kämpfen mit prorussischen Separatisten in der Ostukraine umgekommen sind.

Für Aufsehen sorgte im vergangenen Herbst die Idee, den Powitroflotski Prospekt in Kiew nach dem russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow umzubenennen, der Ende Februar in Moskau erschossen wurde. Der Kiewer Bürgermeister und ehemaliger Boxweltmeister Vitali Klitschko sprach sich dafür aus. Ob es dazu kommt, ist unklar. Pikant: Am Powitroflotski Prospekt liegt die russische Botschaft.

Problematische Ursprungsnamen aus dem Russischen Reich

Die Umbenennung verläuft unterschiedlich in diversen Regionen. In der Westukraine, wo es die wenigsten Orte mit kommunistischen Namen gab, ist sie weitgehend abgeschlossen. Das Gebiet Iwano-Frankiwsk gilt dabei als der gesamtukrainische Spitzenreiter. Auch in Teilen der Ostukraine, die viel stärker von sowjetischer Vergangenheit geprägt ist, gab es überraschend schnelle Entscheidungen. So wurde die Stadt Artemiwsk, berühmt für ihre Sektkellerei, bereits im September 2015 in Bachmut nach dem gleichnamigen Fluss umbenannt. In der Mitte der Ukraine gibt es dagegen Schwierigkeiten.

Als Problemfälle gelten zwei Gebietshauptstädte: Kirowohrad und Dnjepropetrowsk. Kirowohrad trägt seit 1939 den Namen des ermordeten sowjetischen Revolutionärs Sergej Kirow. Ende 2015 schlug die Stadt sieben mögliche neue Namen vor. Der zuständige Parlamentsausschuss in Kiew entschied sich für Inhulsk: Ähnlich heißt der Fluss, der durch die Stadt fließt. Doch der Stadtrat war mit diesen Namen nicht glücklich und bat um eine Verschiebung der Umbenennung. Dahinter steckt wohl die Stimmung in der Bevölkerung. Die meisten Bewohner würden offenbar den ursprünglichen Namen der Stadt bevorzugen. Bei einer Umfrage im Oktober 2015 votierten mehr als zwei Drittel der Befragten dafür, dass Kirowohrad wieder Jelisawethrad heißt, wie einst im Russischen Reich. Doch vor dem Hintergrund des Konflikts mit Russland seit der Krim-Annexion würde man in Kiew offenbar ungern kommunistische durch altrussische Ortsnamen ersetzen.

Lenin-Statue wird abgerissen (Foto: SERGEY BOBOK/AFP/Getty Images)

Abrechnung mit der Vergangenheit: eine Lenin-Statue wird gestürzt

Auch die viertgrößte Stadt der Ukraine, Dnjepropetrowsk, trägt bis heute den Namen des sowjetischen Parteifunktionärs Grigori Petrowski. Auch in diesem Fall erscheint die Rückkehr zum ursprünglichen Namen Jekaterinoslaw, der buchstäblich die russische Zarin Katharina die Große glorifiziert, aus politischen Gründen problematisch. Der Parlamentsausschuss schug als neuen Namen Dnipro vor. So heißt auch der größte ukrainische Fluss, an dessen Ufern die Industriemetropole und Gebietshauptstadt liegt.

Schwieriger Abschied von vertrauten Namen

Der Abschied von sowjetischen Ortsnamen stößt vor allem bei älteren und russlandfreundlichen Menschen in der östlichen und südlichen Ukraine auf Ablehnung. Viele wollen keine Veränderungen, auch weil sie mit alten Bezeichnungen aufgewachsen sind und daran schöne Erinnerungen knüpfen. "Es geht um den Versuch, ein großes Stück Geschichte der Ukraine auszuradieren, in der es gute und schlechte Momente gab", sagte der DW der Kiewer Politologe Wassyl Stojakin. Die Umbenennung verlaufe antidemokratisch und gegen den Willen der Bevölkerung. Ein anderer Experte, Olexander Palij, widerspricht. Er argumentiert, dass es gegen die "Dekommunisierung" keine großen Proteste gebe.

Der deutsche Osteuropa-Historiker Karl Schlögel sprach sich in einem DW-Gespräch für Umbenennung aus, warnte jedoch davor, Entscheidungen aufzuzwingen. "Man muss darauf vertrauen, dass die Gemeinden selber dafür gewonnen werden und Ideen haben", sagt Schlögel. Ein "Hauruckverfahren" wäre falsch.