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Deutschland

Goldgräberstimmung bei Fernbus-Unternehmen

Wer in Deutschland mit dem öffentlichen Verkehr reisen wollte, musste bisher tief in die Tasche greifen. Doch die neuen Fernbus-Linien machen der teuren Bahn Konkurrenz. Vor allem junge Leute setzen auf die Angebote.

"Zuerst hatte ich Probleme, die Haltestelle zu finden - okay, ich bin auch nicht aus Köln - aber man muss schon ein bisschen rumfragen", erzählt Vanessa Montserrat Wittenbeck. Auch Vincent Jeffrey Ball musste länger suchen, bis er das Haltestellenschild entdeckte. An diesem Freitagvormittag haben sich neben der 35-jährigen Schauspielerin und dem 28-jährigen Studenten auch rund 30 andere Menschen am Breslauer Platz hinter dem Kölner Hauptbahnhof eingefunden. Es sind zumeist Studenten, Schüler, junge Berufstätige. Mit Taschen und Tüten bepackt, warten sie auf den Bus Richtung Frankfurt.

Zielgruppe sind junge Leute

"Ich habe einige Sachen im Internet gesehen und es war einfach das Günstigste", sagt Vanessa Montserrat Wittenbeck.. "Mit der Deutschen Bahn kannst du ja kaum fahren." Tim Lodemann, ein 28-jähriger Lehrer, ergänzt:  "Ich mag meine Ruhe - einfach aus dem Fenster gucken, mit dem Handy spielen und Zeitung lesen. Bei der Mitfahrgelegenheit, wenn sich mehrere Leute ein Auto teilen, habe ich das Gefühl, ich müsste mich da unterhalten."

Schauspielerin Vanessa sitzt an einem Fensterplatz im Busunternehmen Flixbus (Foto: DW/Stephanie Höppner)

Schauspielerin Vanessa Montserrat Wittenbeck: "Einfach das Günstigste"

Vanessa und Tim reisen zum ersten Mal mit Flixbus. Das 2011 gegründete Busunternehmen mit Sitz in München nutzt ein neues Gesetz, dass Fernstreckenreisen per Bus neuerdings erlaubt. Bisher hatte eine Regelung aus dem Jahr 1934 das fast unmöglich gemacht.  Größtes Busunternehmen war die Deutsche Bahn, die mit ihren Berlin-Linienbussen nahezu ein Monopol besaß. Doch seit Anfang des Jahres haben die neuen Fernbusse in Deutschland freie Fahrt. Auch ADAC und Deutsche Post wollen bis Ende des Jahres in das Geschäft einsteigen und bis Weihnachten ein dichtes Netz anbieten.

Der Vorteil der neuen Fernbuslinien: Sie sind deutlich günstiger als die Bahn. So kostet bei Flixbus die Strecke Köln-Frankfurt zwischen fünf und 17 Euro – je nachdem, wann das Ticket gelöst wurde. Zum Vergleich: Eine Fahrt mit dem schnellen ICE der Deutschen Bahn liegt für die gleiche Strecke bei rund 70 Euro. Dafür dauert die Fahrt im gemütlichen Reisebus etwas länger, Staus noch nicht mitberechnet. Die Zielgruppe des Unternehmens lautet daher: junge Leute mit wenig Geld und viel Zeit. Um sich ganz auf die Wünsche ihrer jungen Kunden einzustellen, soll bei Flixbus auch eine App für das Handy herausgebracht werden. Bisher waren die Tickets auf der eigenen Webseite oder auf einer Internetseite für Mitfahrgelegenheiten erhältlich.

Ein Blick in den Fernbus des Unternehmen Flixbus (Foto: DW/Stephanie Höppner)

Die Fernbusunternehmen setzen auf junge Leute

Es herrscht  "Goldgräberstimmung" am Markt, weiß Verkehrsexperte Daniel Krimphoff vom Institut für Verkehrswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Nahezu täglich kämen neue Angebote hinzu. Er schätzt, dass künftig rund fünf Prozent des Verkehrs mit Bussen geregelt wird. Bisher liegt der Anteil noch bei einem Prozent.

"Es wird auf jeden Fall ein Markt sein, der durch hohe Wettbewerbsintensität gekennzeichnet ist",  sagt er im Gespräch mit der DW. "Man kann sich einen Bus kaufen, einen Verkehr anbieten und wenn man feststellt, das hat nicht geklappt, kann man den Bus auf dem Gebrauchtwagenmarkt für Busse wieder verkaufen. Das sieht zum Beispiel im Bereich der Bahn anders aus."

Neuer Konkurrenzdruck für die Bahn

Die neuen billigen Fernbusse kommen bei den Kunden gut an, heißt es auch auf Unternehmerseite. "In der Summe ist es so, dass wir mit der Auslastung sehr zufrieden sind und viele Busse, gerade an Wochenendtagen, zu 70 bis 80 Prozent ausgelastet sind", sagt Flixbus-Geschäftsführer Jochen Engert. Etwa 35 bis 40 Busse fahren zur Zeit für das Unternehmen. Mittelfristig sollen es über 100 werden. Dabei sollen nicht nur die beliebten Strecken zwischen Köln und Frankfurt oder Hamburg und Berlin stärker ausgebaut werden. Auch neue Ziele wie Prag kommen ins Programm.

Eine junge Frau steht vor einem Aukunftsschild am Kölner Busbahnhof. (Foto: DW/Stephanie Höppner)

Verwirrende Schilder, fehlende Halteplätze: An der Infrastruktur hapert es noch

Verkehrsexperte Krimphoff geht davon aus, dass die neuen Linien auch die traditionellen Verkehrsmittel ins Wanken bringen werden. Künftig könnte zum Beispiel die Bahn unter Druck stehen, mit ihren Preisen runterzugehen oder aber das Angebot bei gleichem Preis zu verändern. "Vielleicht ist das auch ein Grund, etwas an der Pünktlichkeit zu tun oder die Freundlichkeit des Personals zu verbessern", sagt er.

Dass die Preise der Fernbusse sich mittelfristig so günstig halten, glaubt der Fachmann allerdings nicht. "Man versucht jetzt erstmal über die geringen Preise in den Markt reinzukommen, sich für den Kunden attraktiv darzustellen, um anderen Verkehrsträgern diese Kunden abzujagen", sagt er.

Doch das neue System bringt auch Nachteile, denn die Kommunen sind auf den wachsenden Busverkehr nicht vorbereitet. So muss auch an diesem Freitag der Flixbus aus Köln rund 20 Minuten den Frankfurter Hauptbahnhof umkreisen, bis ein Stellplatz gefunden wird. "Da ist die Deutsche Bahn natürlich um einiges voraus, aber die gibt's ja auch schon 100 Jahre länger ", sagt Mitfahrer und Student Vincent.

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