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Kultur

Goethe-Medaillen 2010 verliehen

Der Dichter Fuad Rifka, die Philosophin Agnes Heller und der Exilforscher John Spalek sind in Weimar mit der Goethe-Medaille geehrt worden. Das Goethe-Institut würdigt so ihre Verdienste um deutsche Kultur und Sprache.

Klaus-Dieter Lehmann und Fuad Rifka (Foto: dpa)

Ausgezeichnet: der libanesische Lyriker Fuad Rifka (r.)

"Verstehen wollen und verstehen können, das ist unsere Aufgabe" - das waren die Worte, mit denen der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, die Gäste im Weimarer Stadtschloss begrüßte. Und sie könnten auch als Überschrift dienen für das Leben der drei Preisträger Agnes Heller, Fuad Rifka und John Spalek. Als Dichter, Philosophin und Forscher haben sie deutsche Sprache und Philosophie - und damit Ideen und Gedanken dieser Kultur - in ihrer Heimat vermittelt, bewahrt und bereichert. Am Samstag (28.08.2010) wurden sie dafür in Weimar mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet.

"Europa ist eine Mahnung"

Klaus-Dieter Lehmann und Agnes Heller (Foto: dpa)

Preisträgerin aus Ungarn: Agnes Heller

Der Historiker Lutz Niethammer lobte die ungarische Philosophin Agnes Heller in seiner Laudatio eine "Selbstdenkerin." Sie selbst sieht die Aufgabe der Philosophie darin, Gewissheiten zu hinterfragen: "Das Kind hinterfragt das Selbstverständliche. Die Radikalität der Philosophie liegt darin, solche Fragen zu stellen." Ihre Themen sind die Geschichte Europas und die Möglichkeiten individueller Freiheit: "Europa ist nicht nur Kontinent der Schönheit und der Aufklärung. Europa ist auch eine Mahnung. Die Schrecken des Totalitarismus sind von hier gekommen. Das, was wir heute erreicht haben, kann sich verändern. Und es gilt, was auch in der Liebe gilt: Es ist nur wert zu haben, was man auch verlieren kann".

Agnes Heller entkam mit ihrer Mutter nur knapp der Verfolgung durch die Nazis, ihr Vater fiel der NS-Barbarei zum Opfer. 1948 begann sie in Budapest Philosophie zu studieren, nachdem sie eine Vorlesung des kommunistischen Philosophen Georg Lukacs gehört hatte. Sie wurde seine Assistentin und durchlebte die Verirrungen der kommunistischen Diktatur. 1977 emigrierte sie zunächst nach Australien und später in die USA. Dort trat sie an der New School for Social Research Hannah Arendts Nachfolge an. Jürgen Habermas nannte sie eine "nie versiegende Quelle provokativer und weit ausgreifender Ideen". Nur ein Teil ihres Werkes ist bisher ins Deutsche übersetzt.

"Die Erinnerung an den großen Verlust bewahren"

Klaus-Dieter Lehmann und John M. Spalek (Foto: dpa)

John M. Spalek (r.) erforscht die deutsche Exilliteratur

Auch John Spaleks Leben ist vom Wissen um den Wert der Freiheit geprägt: 1928 in Warschau geboren, emigrierte er 1949 in die USA, erst ging er nach New York, später nach Los Angeles. Er traf dort auf Künstler, die vor den Nazis geflohen waren: "Ich war von Wien und Berlin umgeben. Und durch die Umstände wurde die Exilliteratur zu meinem Thema. Es ist dieser große Verlust, der hoffentlich nicht vergessen wird."

Spalek konzentrierte sich auf deutschsprachige Autoren, promovierte über Ernst Toller, traf Fritz Lang, Bert Brecht, Thomas Mann und viele andere. "Als ich anfing in den 60er Jahren, waren erst ein paar Bücher da. Jetzt sind es tausende." Über die Jahre knüpfte er viele Kontakte zu deutschsprachigen Autoren. Bis heute hat er fast 100 ihrer Nachlässe an Literaturarchive und Bibliotheken in Deutschland vermittelt und zahlreiche Standardwerke zur Exilliteratur verfasst.

Goethe als kosmisches Phänomen

Es waren Rilkes Duineser Elegien, die die Liebe des arabischen Dichters, Philosophen und Übersetzers Fuad Rifka zur deutschen Literatur und Sprache entzündeten. Vor allem die deutsche Philosophie und Dichtung des 18. und 19. Jahrhunderts wurden ein Teil der Identität des 1930 in Syrien Geborenen: "Ich habe mich selbst gefunden darin." 1965 promovierte er zur Ästhetik Heideggers in Tübingen. Wenn Rifka erzählt, geschieht es voller Bewunderung: "Ich bin geistig und geistlich in der deutschen Kultur beheimatet."

Rifka - selbst bedeutender Dichter - wurde zu einem der wichtigsten Übersetzer deutscher Dichtung ins Arabische und damit zu einem Brückenbauer zwischen den Kulturen. Bis 2005 lehrte er Deutsche Philosophie an der Universität in Beirut. Mit den anderen Preisträgern freut sich Rifka über die Auszeichnung mit der Goethe-Medaille: "Das war wie ein himmlisches Geschenk." Der Namensgeber des Preises, Johann Wolfgang Goethe, ist ihm ein Rätsel geblieben: "Er ist hier und dort, er ist überall, er ist kosmisches Phänomen. Und man kann dieses Phänomen überhaupt nie vernünftig erklären."

Sterbendes Deutsch?

Der Festredner, der Berliner Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant, warnte vor den Folgen einer zu starken Orientierung am Englischen als der vorherrschenden Sprache in Bildung und Wissenschaft: "Es braut sich etwas am sprachlichen Horizont zusammen: Wenn eine junge Generation von Deutschen nicht mehr in dieser Sprache [im Deutschen] gebildet wird, wird immer weniger Interessantes in dieser Sprache gesagt und geschrieben werden." Die Preisträger haben ihren Teil dazu beigetragen, dieser Entwicklung zu begegnen.

Autorin: Hilde Weeg

Redaktion: Dirk Eckert

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