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Sprachbar

Gnade

"Gnädig" oder "gnadenlos": "Gnade" kann milde oder hart daherkommen – je nach Schwere einer Straftat. Wer jedoch begnadigt wird, ist frei, egal wie "gnadenlos" seine Tat war.

"Knallhart kalkuliert", "brutal billig", oder auch "jetzt haben die Preisbrecher gnadenlos zugeschlagen". Alles Zitate, alles echt. Doch Hand aufs Herz: Knallhart, brutal, gnadenlos? Wollen wir das wirklich?

Germanische Wurzeln

Wer meint, es folgt nun eine Art "Wort zum Sonntag", den müssen wir enttäuschen. Das Wort "Gnade" hat seine Wurzeln im germanischen Sprachraum längst vor der Christianisierung geschlagen. Dennoch sind seine Grundbedeutungen nicht nur auf das Diesseits bezogen. Sie verweisen ebenso auf einen außerweltlichen, religiösen – ja göttlichen – Bereich.

Denn "Hilfe" und "Zuflucht" haben die Menschen seit Urzeiten nicht nur von ihren weltlichen Herren erbeten, sondern haben sich ebenso an ihren Gott gewandt, mit der Bitte, ihnen "gnädig zu sein". Ganz im ursprünglichen und weltlichen Sinne hatte der verbale Ausdruck "jemandem Gnade erweisen" den Sinn von "helfen".

Bedeutungsänderung

Erst später bekam es die Bedeutung von "sich neigen". Es liegt nahe, muss aber nicht richtig sein, dass der Ausdruck "gnädiger Herr" sich so erklärt: Angenommen, jemand hatte einen Rechtsbruch begangen, für den er oder sie bestraft werden müsste.

Die Strafe konnte nur der Rechtsherr erlassen, der sich gewissermaßen von oben herab, von seinem höheren Stande aus, dem Übeltäter zuwenden und "Gnade vor Recht" ergehen lassen konnte. Sprich: Die fällige Strafe wurde so durch die Huld, durch die "Gnade" des weltlichen Herrschers gemindert oder gar erlassen.

Rechtsbegriff

"Gnade" ist bis auf den heutigen Tag ein Begriff der Rechtswissenschaften geblieben. Zum Tode Verurteilte können in aller Regel ein Gnadengesuch einreichen und hoffen, dass auf dem Gnadenwege eine Umwandlung der Todes- in eine Haftstrafe bewirkt wird.

Das Recht ist also nicht das einzige Regulativ im menschlichen Zusammenleben: Es gibt die Gnade und in ihrer Folge die "Begnadigung". Im so genannten "Rüstringer Recht", einem Kodex aus dem 13. und 14. Jahrhundert heißt es, dass die Gnade größer sei als das Recht.

Besser Gnade als Strafe

Und in Luthers Werken lesen wir: "Es ist besser zuviel Gnade denn zuviel Strafe". Gehen wir noch ein bisschen weiter zurück in der Geschichte. Wenn sich ein Herrscher "gnädig" erwies, wenn ein Missetäter vor seinen Augen "Gnade fand" und der Fürst oder gar der König "Gnade walten" ließ, so war dies im Mittelalter stets Ausdruck und vor allem Weitergabe der Gnade Gottes durch den weltlichen Herrscher.

Der Begriff vom "Gottesgnadentum" im Konzil von Ephesos im Jahre 431 – für Bischöfe und Priester formuliert – wurde später auch von den Herrschern der Welt in Anspruch genommen. "Gottesgnadentum" bedeutete: Durch die "Gnade Gottes" zum Herrscher berufen zu sein und so auch die "Gnade Gottes" weitergeben zu können. Sprich: sich "gnädig" den Menschen zuwenden.

Gnadenlos brutal

Um sich dem Anderen zuzuwenden, ihm zu helfen, ihm Zuflucht zu geben, man könnte auch sagen ihm "gnädig zu sein", dazu bedurfte es – außerhalb der Rechtssprechung – noch nie eines hohen Amtes und keiner Gottesgläubigkeit. Und auch keiner Eigenschaften wie "brutal", "knallhart" und "gnadenlos".

Fragen zum Text

Wenn ein Straftäter um Gnade bittet, dann will er/sie, dass …

1. ihm/ihr seine Strafe erlassen wird.

2. er/sie verurteilt wird.

3. er/sie ins Gefängnis kommt.

Gnade ist ein Begriff …

1. der Wirtschaft.

2. der Naturwissenschaften.

3. der Rechtswissenschaften.

In Luthers Werken steht: …

1. "Es ist besser keine Gnade."

2. "Es ist besser zuviel Strafe denn zuviel Gnade."

3. "Es ist besser zuviel Gnade denn zuviel Strafe."

Arbeitsauftrag

Ein Kind stiehlt in einem Laden einen kleinen Beutel mit Süßigkeiten. Der Ladenbesitzer merkt es und informiert die Eltern. Sollten diese das Kind bestrafen oder "Gnade vor Recht" ergehen lassen? Begründen Sie ihre Ansicht in einem Text und tragen Sie diesen der Gruppe vor.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Beatrice Warken

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