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Veranstaltungen

Global Media Forum: Vom verlängerten Arm der Regierung zum unabhängigen Berichterstatter

Welche Rolle spielt der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Demokratisierungsprozessen? Ilim Karypbekov, Intendant des OTRK in Kirgisistan, und Johannes Grotzky, ehemaliger BR-Hörfunkdirektor, im Interview.

Ilim Karypbekov, OTRK-Intendant, und Johannes Grotzky, Professor und Medienberater (Foto: DW Akademie/Nadine Wojcik).

"Das öffentlich-rechtliche Modell ist der einzig richtige Weg", OTRK-Intendant Karypbekov (links) und Medienberater Johannes Grotzky

Medienexperten aus Kirgisistan, Namibia, Thailand und Deutschland schilderten bei dem Panel der DW Akademie "Independent voices or mouthpieces of the rulers?" auf dem Global Media Forum 2015 in Bonn ihre Erfahrungen mit öffentlich-rechtlichen Rundfunkstrukturen und Reformprozessen. Hier geben zwei von ihnen Antwort auf aktuelle Herausforderungen: Ilim Karypbekov, Intendant der Obschestvennaya Tele-Radio Kompaniya (OTRK) in Kirgisistan, sowie Professor Johannes Grotzky, ehemaliger Hörfunkdirektor des Bayrischen Rundfunks (BR) und Medienberater in Ost- und Südosteuropa.

Sinkende Einschaltquoten, mangelndes Interesse der jungen Zuschauer, Finanzierungsschwierigkeiten - welche Berechtigung hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk heutzutage?
Johannes Grotzky: Er ist und bleibt das einzige profitfreie journalistische Unternehmen, das durch den Staat garantiert aber nicht kontrolliert ist. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sich nicht nach marktwirtschaftlichen Gesetzen um Werbezeiten kümmern, ist nicht abhängig von Investitionen und auch nicht von deren Profitrate. Deswegen halte ich ihn für unverzichtbar.
Ilim Karypbekov: Für uns ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine noch recht neue Institution, viele wissen noch gar nicht genau, was dahinter steckt. Dennoch ist es aus meiner Sicht der einzig richtige Weg hin zu unabhängigen Informationen und Pluralismus in Kirgisistan.

Mit welchen Herausforderungen hat Ihr Sender OTRK, Herr Karypbekov, während dieses Transformationsprozess zu kämpfen?

OTRK-Intendant Ilim Karypbekov beim Global Media Forum 2015 (Foto: DW Akademie/Nadine Wojcik).

"Politiker üben laufend Druck auf uns auf", OTRK-Intendant Ilim Karypbekov

IK: Insbesondere mit drei Problemen: Erstens haben viele Politiker noch nicht verstanden, dass wir kein Staatssender mehr sind, der ungefiltert politische Standpunkte sendet. Mit diesem Druck haben wir laufend zu kämpfen. Zweitens haben wir das gesamte Personal des ehemaligen Staatssenders übernommen: Für OTRK brauchen wir jedoch von den derzeitigen 1000 Mitarbeitern gerade einmal 200. Aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage in Kirgisistan werden wir niemanden entlassen - doch wir müssen einen Weg finden, mit der Vielzahl an Mitarbeitern umzugehen. Und drittens stehen wir in großer Konkurrenz zur russischen Informationspolitik. Das russische Fernsehen verfügt über viel größere finanzielle Ressourcen und kann den Zuschauern daher sehr gute Formate und Produktionen bieten. Die russischen Sender sind in Kirgisistan derzeit beliebter als OTRK - und die Bevölkerung damit aber auch der russischen Informationspolitik und Propaganda ausgesetzt.

Das heißt, es fehlt vor allem auch eine ausreichende Finanzierung.
IK: Ja, unsere Finanzierung steht auf sehr wackeligen Beinen. Unser Budget kommt aus dem Staatshaushalt - in den vergangenen fünf Jahren ist es jedoch nicht erhöht worden. Um überleben zu können, müssen wir also auf weitere Finanzierungsquellen bauen wie beispielsweise auf Unterstützung von internationalen Organisationen. Und wir kooperieren mit internationalen Sendern, etwa CCTV aus China, die uns Programminhalte zur Verfügung stellen. Das spart nicht nur Produktionskosten, sondern ermöglicht auch ein pluralistisches Meinungsbild in Kirgisistan - jenseits russischer Informationspolitik.
JG: Finanzierung, die wie in Kirgisistan oder auch in der Ukraine direkt aus dem Staatsbudget kommt, hat immer einen großen Nachteil. Denn hier entscheidet das Parlament, das mal den Daumen rauf oder runter machen kann, je nach wirtschaftlicher Lage oder politischer Gefälligkeit. Daher fehlt es an einer unabhängigen Finanzierung - das gefährdet auch die Unabhängigkeit des Journalismus.

Was haben die Transformationen im Mediensektor in Ländern der ehemaligen Sowjetunion gemeinsam?

Medienberater Johannes Grotzky auf dem Global Media Forum 2015 (Foto: DW Akademie/Nadine Wojcik).

"Politische Kräfte vertreten weiterhin die Ansicht, dass ihnen Radio- und Fernsehsender gehören", Medienberater Johannes Grotzky

JG: Eine Gemeinsamkeit hat Ilim Karypbekov bereits angesprochen: Nicht nur alte sondern auch neue politische Kräfte vertreten die Ansicht, dass ihnen Radio- und Fernsehsender gehören, sobald sie an der Macht sind. Eine weitere Herausforderung ist, dass ausländische Investoren mit sehr attraktiven Unterhaltungsprogrammen, Soaps und dergleichen auf die jungen Medienmärkte drängen und dann in Konkurrenz zu den Informationsprogrammen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stehen.
IK: Ich bin gerade erst drei Monate im Amt und kann noch keine großen Vergleiche ziehen. Fest steht in jedem Fall, dass Kirgisistan in Zentralasien das einzige Land ist, das den Wandel von einem Staatssender zu einem öffentlich-rechtlichen Sender vollzogen hat. Von unseren Nachbarländern haben wir bislang wenig Verständnis für diesen Weg erfahren. Kirgisistan verfügt zwar nicht über natürliche Ressourcen wie Öl oder Gas und hat auch finanzielle Schwierigkeiten. Aber wir haben eine Gesellschaft, die nach vorne schaut und offen ist - darüber bin ich sehr froh.

Wie kann internationale Medienentwicklung diese Prozesse unterstützen?
JG: Deutschland hat nach dem Zweiten Weltkrieg sehr viel Erfahrung in dem Bereich gesammelt. Daraus kann man eine Menge lernen. In den unterschiedlichen Besatzungszonen wurden verschiedene Modelle eingeführt - nach amerikanischen, britischen und französischen Vorbild. Schließlich wurde sich für ein Modell entschieden, dass ähnlich der BBC dem öffentlich-rechtlichen weitgehend entspricht. Das war ein besonderes Glück für die deutsche Medienlandschaft. Diese Zeiten, in denen Rundfunkstrukturen von außen implementiert wurden, sind vorbei. Heute ist es ausschlaggebend, dass die Staaten diese Transformation selbst aktiv wollen.

Großes Interesse: Independant voices or mouthpieces of the rulers? - Workshop der DW Akademie auf dem Global Media Forum 2015 (Foto: DW Akademie/Nadine Wojcik).

Großes Interesse: "Independant voices or mouthpieces of the rulers?" - Workshop der DW Akademie auf dem Global Media Forum 2015

IK: Wir arbeiten sehr eng mit den Organisationen DW Akademie und Internews zusammen, insbesondere hinsichtlich der Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter. Denn viele meiner Kollegen haben ihren Beruf zu Zeiten der Sowjetunion erlernt, mit den damaligen medialen Standards. Unsere internationalen Partner unterstützen uns auch mit Equipment. Die DW Akademie hat uns beispielsweise dabei geholfen, unsere Regionalstudios aufzubauen.

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