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Forscherglück braucht Zeit, manchmal auch ein ganzes Jahr

Der Botaniker André Schuiteman ist einer der ersten Forscher, die die Kardamomberge in Kambodscha betreten haben. Das Gebiet, viele Jahre Rückzugsort der Roten Khmer, ist weitgehend unberührt. Es birgt ungeahnte Schätze.

Das Dorf Thma Bang im Südwesten Kambodschas ist der letzte Posten Zivilsation, bevor der Urwald beginnt. Nicht weit von hier, doch schon mitten im Regenwald, steht eine Hütte der kambodschanischen Forstbehörde. Sie ist der Stützpunkt, von dem aus der britische Orchideen-Forscher André Schuiteman am 23. November 2013 mit einem seiner Kollegen aufbricht, um als einer der ersten Botaniker überhaupt die üppig grünen Kardamomberge nach unentdeckten Orchideen-Arten zu durchsuchen. Bis in die späten 1990iger Jahre hinein waren die Berge Krisengebiet. Kaum ein Mensch setzte einen Fuß dorthin. Deshalb ist die Natur, die die Forscher bis heute hier vorfinden, weitgehend unberührt.

Zwei Kämpfer der Roten Khmer mit Kampfausrüstung (Photo: picture-alliance/dpa)

Die Guerilla der Roten Khmer brachte eine Herrschaft des Schreckens über das Land. Das Kardamomgebirge war eines ihrer letzten Rückzugsgebiete.

Die Forscher haben wenig Zeit, nur eine Woche bleibt ihnen. Jeden Tag brechen sie deshalb in den frühen Morgenstunden auf, zu Streifzügen auf knapp 900 Metern Höhe. Sie waten durch Flüsse und klettern steile Hänge hinauf, immer begleitet von Mitarbeitern der Forstbehörde und vier Soldaten mit Maschinengewehren über der Schulter. Die Männer sind zu ihrem Schutz dabei, sagt Schuiteman, sie erweisen sich am Ende aber als hilfreiche Amateur-Forscher. „Die Regierung wollte nicht, dass uns etwas passiert“, erklärt der Wissenschaftler. Sie hätten immer auf Schmuggler oder illegale Pflanzensammler treffen können, ja, aber passiert sei nichts. „Die Soldaten haben später sogar mitgeholfen, Pflanzen zu suchen“, so Schuiteman weiter: “Ihnen war einfach langweilig.“ Außer mit der Machete Bambus zu schlagen, um für die Forscher einen Pfad frei zu machen, hätten sie nichts zu tun gehabt.

André Schuiteman vor einem Schild des Kew (Foto: Chan Chew Lun)

André Schuiteman, Royal Botanic Gardens, Kew

Schuiteman ist der Asien-Leiter bei der Kew, den Königlich-Botanischen Gärten in London. Sie gehören zu den ältesten botanischen Gärten der Welt, und sie beherbergen einen bedeutenden Schatz: eine gigantische Sammlung von Pflanzensamen aus aller Welt, gedacht als Speicher gegen das Aussterben von Arten. Aber auch als Forschungsgrundlade für potentiell zu entdeckende neue Pflanzen. Auch alle Proben aus den kambodschanischen Bergen werden in den Kühlkammern der Kew archiviert. Und es sind einige dazu gekommen: An nur einem Tag im Dschungel hat Schuiteman gleich ein Dutzend Orchideen entdeckt. „Alle auf einem Baum“, unweit der Forststation. „Zunächst dachte ich, dass es sich um Porpax elwesii handelt“, sagt der Wissenschaftler, das ist eine bereits bekannte Orchideen-Gattung, die Schuiteman in Laos gefunden hat. Trotzdem nahm er drei der Exemplare mit nach England, um sie eingehender zu untersuchen.

Eines der letzten intakten Regenwaldgebiete

Blumen hat der Vollblutbotaniker Schuitemann schon als Kind untersucht. Damals zog es den Jungforscher in die Sümpfe um Amsterdam, seine Heimatstadt. Er suchte dort nach Pflanzen und Insekten, beobachtete stundenlang Vögel . Am liebsten dort, wo er allein und der Zutritt verboten war. Mit vierzehn oder fünfzehn Jahren begann er dann, tropische Orchideen zu züchten. Inzwischen bringen diese Pflanzen ihn überall hin, nach Tansania, Kolumbien, Borneo, Neuguinea oder Laos. Das Faszinierende an ihnen sei, dass es mehr als 26.000 verschiedene Arten auf der Welt gebe, sagt Schuiteman. Ihn begeistert, wie sie mit Pilzen symbiotische Beziehungen eingehen oder durch Farbe und Form in Wechselbeziehungen mit Insekten stehen. „Es ist ein bisschen wie eine Jagd“, lacht er. Denn Orchideen machten es einem Forscher nicht gerade leicht. Man müsse sich anstrengen bei der Suche.

Und das Potential für Neuentdeckungen in den Kardamombergen, die ihren Namen örtlichen Plantagen für das gleichnamige Gewürz verdanken, ist in Kambodscha gewaltig, weiß der Forscher. Sie sind eines der wenigen intakten Regenwaldgebiete Südostasiens überhaupt. Und: Die Region war eine der letzten Rückzugsgebiete der Roten Khmer, einer Bewegung, die Mitte der 1970er Jahren an die Macht kam. In ihre Herrschaftszeit fielen auch Massenmorde an der kambodschanischen Bevölkerung und die Verminung weiter Teile des Landes - auch der Kardamomberge. Die Waffen sind ein Grund dafür, dass sich die Region so unberührt von Menschen entwickeln konnte. Erst jetzt dürfen Wissenschaftler die Berge erkunden, die Auflagen sind streng, Sondergenehmigungen notwendig. „Es gibt Teile in den Bergen, wo höchstwahrscheinlich immer noch Minen liegen“, sagt Schuiteman. Auch dort will der Forscher noch hin, allerdings erst später in diesem Jahr. Am besten dorthin, wo vorher noch niemand nach Orchideen gesucht hat.

„Wir entdecken die ganze Zeit irgendwas“

Ein rote Orchideenblüte (Photo: Foto: André Schuiteman)

Eine Porpax? Die Forscher entdeckten diese neue Ordchideenart in Kambodscha.

„Wir Wissenschaftler müssen uns beeilen. Es gibt nicht mehr viele Wälder auf der Erde, die noch so unberührt und unerforscht sind“, sagt Schuiteman. Ist dieser Urwald einmal zerstört, „dann ist er für immer verschwunden.“ Und: „Nicht jeder Wald ist gleich, auch wenn es aus dem Flugzeug so aussieht.“ Deswegen sei es wichtig, dass beim Waldschutz auch zwischen Wäldern unterschieden wird, die seit Zehntausenden von Jahren unberührt sind und solchen, bei denen der Mensch seine Spuren und Schneisen hinterlassen hat.

Warum? Ein alter Wald hat natürliche Lücken, sagt der Forscher. Durch absterbende Bäume etwa. Und in diese Lücken wachsen Lianen hinein, Laub und Zweige bedecken den Boden. Das Licht fällt so, dass die Bedingungen optimal sind. Alte, hohe Bäume bieten jüngeren Luft und Raum, sagt Schuiteman. Und genau dieses perfekte natürliche Zusammenspiel brauchen seine Pflanzen.

Aufgeregt ist Schuiteman nicht mehr unbedingt, wenn er eine Orchidee in einem unberührten Wald findet. Das ist die Professionalität des Entdeckers. Allein 56 Orchideen hat der Botaniker in seiner Karriere einen Namen gegeben, 30 Arten selbst neu entdeckt und 17 Arten beschrieben. „Wir entdecken die ganze Zeit irgendwas“, sagt er. Überraschend sei vor allem, dass die Forscher nie genau wissen, was sie da vor sich haben. Ist die Art schon bekannt? Ist sie neu? Das wisse man am Anfang nie so genau.

Eine Sache von Jahren

Denn neue Orchideenarten finden ist keine Sache von Tagen, sondern von Jahren. Das Hauptproblem ist aber, dass die Pflanzen meist nicht blühen, wenn die Forscher sie finden. „Wir müssen aber die Blüte sehen, bevor wir eine Art identifizieren können“, sagt Schuiteman. Und: „Man muss überall suchen“, sagt der Botaniker. Die meisten Orchideen wüchsen zwar auf Bäumen, aber doch längst nicht alle. Auch die Pflanzen, die das Team aus den Bergen mitnimmt, sind weder blühend noch sicher zu identifizieren.

Am Abend, nach der Rückkehr aus dem Urwald, legen die Forscher ihre Beute auf Plastikplanen aus, dort werden sie gewässert und begutachtet. Notizen auf Papier und Computer, so beginnt die Arbeit mit den Proben. Und die geht in England eine Woche später weiter. Einpflanzen, züchten, warten, beobachten.

Am 27. November 2014, also ein knappes Jahr nachdem Schuiteman die Probe in den Kardamombergen in Kambodscha gefunden hatte, blüht plötzlich eine Pflanze aus der Zucht in Kew. Sie blüht „eine Woche lang.“ Und an dieser Pflanze war etwas. Also entschied sich der gewiefte Botaniker Schuitemann, die Orchidee gründlicher zu untersuchen, die Wurzel, dann die Blüte, dunkelrot, beide je einen Zentimeter lang. Und er entdeckte farblose Warzen auf den Blütenblättern. Das ist ungewöhnlich und für Schuiteman Indiz dafür, hier eine andere, eine neue Art vor sich zu haben. Eine, die noch in keinem Buch verzeichnet war. Einen Artnamen hat Schuiteman schon. Doch der bleibt geheim, bis die DNA der Orchidee untersucht ist, ein Künstler sie gezeichnet hat und Schuiteman sie offiziell in einer wissenschaftlichen Zeitschrift der Fachwelt vorstellen wird. „In einem halben Jahr etwa“, sagt Schuiteman.

Aufregend ist das dann doch. Und Proben, die noch unangerührt in den Gewächshäusern und Kühltruhen der Kew schlummern, gibt es noch einige. Klarheit herrscht erst, wenn die Pflanzen ihre Knospen öffnen und blühen.

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