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Global Ideas

Mutatoes, die Models aus der Gemüsekiste

Bevor Obst und Gemüse verkauft wird, wird es sortiert. Was nicht einer Norm entspricht, wird oft entsorgt. Der Künstler Uli Westphal fotografiert die Aussortierten, damit wir nicht vergessen, wie sie wirklich aussehen.

Der Blick in die Gemüse- und Obstregale unserer Supermärkte ist trügerisch. Denn er zeichnet ein völlig falsches Bild von der eigentlichen Vielfalt der dort angebotenen Nutzpflanzen. Äpfel, Tomaten und Pflaumen sind dort gleichmäßig rund und glänzend, Gurken gerade und lang, Zitronen sehen aus wie gemalt und Auberginen haben die perfekte Form und Größe für die Weiterverarbeitung. Was aber tatsächlich auf den Feldern der Bauern wächst, sieht oft ganz anders aus. Da herrscht eine schillernde Vielfalt an Farben und Formen, entwickeln sich verwachsene und regelrecht entstellte Früchte. Zu sehen bekommen die Kunden normaler Supermärkte diese Produkte nicht, weil sie sich nicht einfach verpacken lassen, oder weil sie einfach nicht attraktiv genug sind. Die Vielfalt landwirtschaftlicher Nutzpflanzen muss dokumentiert und die Nachfrage in der Gesellschaft nach dem natürlichen Formen-Reichtum zurück gewonnen werden, sagt der Künstler Uli Westphal. Er sucht für sein Mutato-Archiv nach Obst und Gemüse, das aussieht, wie es eben aussieht. Seine Sammlung umfasst inzwischen mehrere tausend Bilder.

Global Ideas: Warum sieht das Obst und Gemüse im Supermarkt immer gleich aus?

Uli Westphal: Das ist ein riesiges, komplexes Thema. Hier spielen unter anderem die Anbau- und Erntemethoden, Logistik, Handelsrichtlinien und rein ästhetische Auswahlkriterien der Supermärkte und Verbraucher eine Rolle. Es gibt eine Menge Lebensmittel, die weggeworfen oder auf dem Feld schon untergepflügt werden, weil sie der Norm nicht entsprechen. Bei Frühkartoffeln zum Beispiel sind das knapp 50 Prozent der Ernte. Bei anderen Lebensmitteln sieht es ähnlich aus. Dabei sind die völlig in Ordnung. Und diese Aussortierung fängt heute schon beim Saatgut an.

Was ist falsch am Saatgut?

Bei einem Großteil des Saatguts, das heute verwendet wird, handelt es sich um sogenanntes Hybrid-Saatgut. Dieses wächst von vornherein sehr gleichförmig, da es immer aus denselben Zuchtlinien gewonnen wird. Ein Großteil dieser Hybrid-Samen wird in Asien produziert und von dort aus in die ganze Welt exportiert.
Früher wurde Saatgut direkt auf dem Bauernhof, aus einem Teil der jährlichen Ernte gewonnen. Dadurch haben sich über die Jahrhunderte Tausende von Sorten entwickelt, die sich an die jeweiligen Bodengegebenheiten und Klimabedingungen der unterschiedlichen Regionen angepasst haben. Dieser Prozess existiert heute kaum noch und viele der traditionellen Sorten sind verschwunden, sie entsprechen einfach nicht den heute gängigen Standards. Ob Größe, Lagerungsfähigkeit oder Ertrag.

Nun fotografieren Sie kuriose Exemplare von Obst und Gemüse, die so gar nichts mit der Norm, die wir aus dem Supermarkt kennen, zu tun hat. Wie kam das?

Ich war zunächst fasziniert von den unterschiedlichen Formen. Als ich in Holland studiert habe, da war selbst auf den Märkten alles standardisiert. Als ich nach Berlin kam, war ich auf dem Gemüsemarkt am Maybachufer in Kreuzberg, wo oft Ware zweiter Wahl verkauft wird. Und an vielen Ständen gab es dort nicht standardisiertes Gemüse, Auberginen, bei denen fünf Früchte zusammengewachsen waren, krumme Gurken, siamesische Tomaten und ähnliches. Ich wollte wissen, woher das kommt, warum wir so etwas nie im Supermarkt sehen und habe angefangen zu recherchieren.

Unterschiedliche Gurkensorten (Photo Uli Westphal)

Cucumis sativus I - Unterschiedliche Gurkensorten

Aber einen landwirtschaftlichen Hintergrund haben Sie nicht?

Nein, ich habe mir alles über die Jahre angeeignet, viel gelesen und nachgeforscht zum Thema Landwirtschaft und Lebensmittel. Eine direkte Verbindung dazu habe ich eigentlich nicht. Ich bin aber auf dem Land aufgewachsen und hatte immer Tiere um mich. Das Interesse an Natur und Umwelt war zumindest immer da.

Und die Fotografie? Sie setzen die Mutatoes ja auch in Szene.

Die Art der Fotografie, die ich nutze, lehnt sich an Katalogfotografie an. Der Artikel wird isoliert auf weißem Hintergrund dargestellt. Ich wollte das eigentlich ausgeschlossene Produkt ins Rampenlicht stellen und gleichwertig machen mit anderen. Fotografie war auch einfach die schnellste und effektivste Methode, eine solche Sammlung anzulegen und sichtbar zu machen. Ich hätte das Obst und Gemüse sicher auch in Gläsern konservieren können, aber das hätte räumlich sicher schnell überhand genommen.

Hatten Sie von Anfang an die Idee einer Sammlung?

Ich habe sehr schnell angefangen, das als Reihe zu sehen. Auf meinem ersten Besuch auf dem Markt habe ich zehn Produkte gekauft und fotografiert. Da war mir im Prinzip schon klar, dass es eine Sammlung werden wird.

Eine Sammlung, die schon knapp zehn Jahre andauert…

Die Mutatoes sind ein Endlos-Projekt. Immer, wenn ich einkaufen gehe und etwas sehe, das mich interessiert, nehme ich es mit und fotografiere es. Aus dieser Arbeit ist auch ein weiteres Projekt entstanden, das ich

Cultivar Series

nenne.
Im Gegensatz zu den Mutatoes, die zufällig anders gewachsen sind als gewollt, geht es bei der Cultivar Series um die Tausenden von Nutzpflanzen-Sorten, die nicht mehr angebaut werden, weil sie ebenfalls den Marktnormen nicht mehr entsprechen. In den letzten 50 Jahren ist ein Großteil aller vom Menschen entwickelten Sorten bereits verschwunden. Jene Sorten, die noch existieren, sind wichtig für unsere Zukunft und dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Ich sammele sie, pflanze sie an und fotografiere sie.

Woher bekommst du die Samen dafür?

Teilweise gibt es Initiativen, die Erhaltungsgärten betreiben und alte Sorten anbauen. Und es gibt Genbanken für Nutzpflanzen, in denen Samen gekühlt gelagert werden. Diese müssen jedes Jahr einen bestimmten Anteil ihrer Sammlung anbauen, um neues Saatgut zu gewinnen. So bleiben die Sorten am Leben.
Ich habe einen Garten in Berlin, in dem ich selbst jedes Jahr Pflanzen anbaue. Deren Früchte esse ich, nachdem ich sie fotografiert habe. Bis heute habe ich circa 300 unterschiedliche Sorten angepflanzt. Neben jenen, die ich selber anbaue, finde ich alte Sorten auch auf Reisen und Märkten oder bekomme sie von Bauern und Saatgutbanken zur Verfügung gestellt. Meine Sammlung besteht mittlerweile aus mehreren Tausend Fotos von über Tausend unterschiedlichen Sorten.

Heute interessieren sich immer mehr Menschen für Urban Farming, sie bauen selbst etwas an und scheinen allgemein ein größeres Interesse an ihrer Ernährung zu haben. Wie siehst du das?

Das Bewusstsein wird tatsächlich größer. Die Leute wollen wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen und wie etwas produziert wird. Das führt sogar dazu, dass es in den letzten Jahren immer mehr Kampagnen in Supermärkten gibt, wo Produkte angeboten werden, die gerade nicht der Norm entsprechen. Oft sind diese Kampagnen leider nur temporär und dienen den Märkten eher dazu, sich einen grünen Anstrich zu geben. Aber ohne das veränderte Bewusstsein in der Bevölkerung gäbe es das gar nicht.

Stichwort Nahrungsmittelsicherheit: Bedeutet nicht dieses Hybrid-Saatgut auch gleichzeitig höhere Erträge und ist damit auch positiv?

Hybride sind unter bestimmten Bedingungen sehr ertragreich, wenn man ihnen das entsprechende Klima, Düngemittel, Pestizide und eine gute Bewässerung gibt. Fallen diese externen Mittel jedoch weg, was in naher Zukunft unausweichlich passieren wird, dann schwinden auch die Erträge. Und aus Hybridpflanzen lässt sich kein gleichwertiges Saatgut wiedergewinnen. Bauern müssen dieses Saatgut jedes Jahr neu einkaufen und sind dadurch von den Konzernen abhängig. Das alles ist sehr kostspielig und funktioniert eigentlich nur für einen gewissen Zeitraum, nur in der ersten Welt und nur, wenn man es im großen Maßstab betreibt.
Ein Großteil der Weltbevölkerung wird jedoch von Kleinbauern ernährt. Für diese ist es viel sinnvoller, traditionelles, an die Gegebenheiten vor Ort angepasstes Saatgut zu verwenden, das dadurch auch zuverlässigere Erträge liefert. Sie können es selbst produzieren und verbessern. Sie sind dabei in der Masse viel effizienter als einzelne Saatgutkonzerne, die jahrelang an nur wenigen Sorten arbeiten.
Biologische Landwirtschaft ist oft aufwändiger, kann aber sogar ertragreicher sein als eine industrielle Monokultur und dass, ohne dabei Böden zu zerstören, Gewässer zu vergiften und von externen Ressourcen abhängig zu sein. Wir brauchen eine unabhängige, lokale Saatgutproduktion, um unsere Landwirtschaft nachhaltig zu machen.

Was wünschen Sie sich also, wie bekommen wir Mutatoes und alte Sorten wieder in unser Bewusstsein?

Die einfachste Sache ist, auf Märkte zu gehen und direkt vom Bauern zu kaufen. Dadurch unterstützt man auch und hat direkten Einfluss auf die lokale Landwirtschaft und auf was wie angebaut wird. Es ist etwas teurer als im Discounter, aber die Qualität, die man bekommt, ist wesentlich besser.

Vielen Dank für das Gespräch.

Uli Westphal fotografiert nicht nur seltsam verwachsenes Obst und Gemüse. Er isst auch jedes seiner Fotoobjekte. Bei so vielen Tausend Exemplaren kommen auch eine Menge Rezepte zusammen. Eins seiner Lieblingsrezepte ist Bananenbrot. Wer das einmal probiert hat, wird niemals wieder überreife Bananen wegwerfen:

Zutaten:
3 sehr reife Bananen, die Schale kann ruhig komplett schwarz sein
75g Butter
100g Zucker
200g Mehl
1 Ei
1 Teelöffel Vanillezucker
1 Teelöffel Backpulver
1 Prise Salz

Ofen vorheizen auf 175° C

Die Bananen in einer Schüssel zerdrücken. Butter schmelzen und dann dazu mischen. Dann nacheinander das Backpulver, Salz, den Zucker, den Vanillezucker, das Ei und zum Schluss das Mehl dazu mischen. Dann den zähflüssigen Teig in eine gefettete Brotbackform gießen (oder alternativ in Muffin-Formen, dann etwas kürzer backen).

Circa 1 Stunde backen. Nach 50 Minuten mit Zahnstocher anstechen, um zu testen, ob der Teig schon gar ist. Wenn er sauber aus dee Form kommt, ist das Bananenbrot fertig.

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