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Global Ideas

Die dramatische Geschichte hinter der schönen Palme

Jeder hatte schon einmal mit der Xaté-Palme zu tun. Ihre Blätter sind wie geschaffen für prächtige Blumengestecke, gerade zu Ostern. Doch kaum ein Blumenkäufer kennt den blutigen Konflikt hinter dem prachtvollen Grün.

Der Dschungel oben in den Bergen von Belize in Mittelamerika zieht Touristen an. Aus aller Welt kommen sie hierher, um sich Ruinen der längst vergangenen Maya-Kultur in Caracol anzusehen. Zeugnisse einer der frühen Blütezeiten der Menschheit. Auch wenn die Gebäude und Tempel heute verfallen und von Pflanzen bewachsen sind, ihre nicht immer friedliche Geschichte fesselt noch immer. Auch die Reiseblogger Sarah und Erdem, die im Spätsommer 2014 die Anlage besichtigen. Sie sind auf der Durchreise, es geht für sie quer durch Nord- und Südamerika. Und eigentlich, so schreiben sie in ihrem Blog, erwarteten sie keine Gefahr im Dschungel, außer von Schlangen vielleicht. "Doch wie üblich sind es nicht die Tiere, sondern die Menschen, von denen Gefahr ausgeht," notieren sie am 25. September. "Wir machten gerade eine Pause, oben auf der Caana Pyramide, als etwas Schreckliches passierte." Die beiden werden Zeugen eines Mordes. Die Situation vor Ort haben sie in einem Video festgehalten.

Schüsse fallen, man hört sie im Video. Infolgedessen stirbt ein 20-jähriger Polizist. Zwei Kugeln treffen ihn in den Körper, der letzte Schuss zielt direkt auf seinen Kopf. Doch was steckt dahinter? Der Tourguide erklärt den beiden Bloggern, dass die mutmaßlichen Täter illegal über die nahe Grenze aus Guatemala kommen. Sie verläuft mitten im Wald. Der Polizist hatte am Tag ihre Pferde im Dschungel gefunden und sie konfisziert, organisierte Verbrecher seien das. Jedoch gehe es bei dem Konflikt nicht um Drogen oder um Menschenhandel. Es geht um die Blätter der Xaté-Palme (gesprochen: Sha-teh).

Exportschlager Palme

Insgesamt teilen sich drei verschiedene Spezies der Bergpalme, oder Chamaedorea, diesen Namen. Der Konflikt, auf dessen Konto auch das Todesopfer in den Maya-Ruinen geht, dreht sich vor allem um eine Spezies: Die Chamaedorea ernesti-augusti, die herzförmige oder fischschwanzähnliche Blätter hervorbringt. Diese sind besonders prachtvoll - grün, saftig und: Sie bleiben eine sehr lange Zeit schön. Bis zu 40 Tage können sie in der Vase stehen, ohne ihren Glanz einzubüßen. Perfekte Eigenschaften also, um die Blätter in Blumensträußen und -gestecken in Europa und Asien verkaufen zu können. Und das passiert auch bereits seit Jahrzehnten. Per Flugzeug kommen die Blätter jedes Jahr in großer Zahl nach Amsterdam und Miami. Die wichtigsten Exporteure sind neben Belize auch Guatemala und Mexiko. Das Geschäft mit den Blättern ist millionenschwer.

Illegaler Grenzverkehr

Doch die Ernte wird zunehmend kompliziert. Im Dschungel Guatemalas etwa ist die Xaté-Palme oft so stark übererntet, dass sie in vielen Gebieten gar nicht mehr zu finden ist.
Die "Xateros", so werden die Xaté-Wilderer genannt, weichen deshalb oft ins Nachbarland Belize aus, um hier nach der Palmpflanze zu suchen. Schwer haben sie es dabei nicht: Die Überquerung der Grenze, die in einer geraden Linie quer durch ein riesiges Dschungelgebiet läuft, ist denkbar einfach. Grenzzäune oder Einreisekontrollen sind in diesem Gebiet kaum umzusetzen. Die Xateros kennen den Dschungel zudem seit Jahrzehnten. "Sie sind in den letzten Jahren wesentlich professioneller geworden", sagt Rafael Manzanero. Der Direktor der Organisation Friends for Conservation and Development kümmert sich mit seiner Organisation um den Erhalt des Chiquibul-Nationalparks in Belize, also genau um das Dschungelgebiet, durch das die Grenze zu Guatemala verläuft.

"Es ist ziemlich beeindruckend, wie furchtlos die Xateros im Dschungel vorgehen", sagt er weiter. Sie kämen in Gruppen, bewaffnet, und hätten Pferde für den Abtransport ihrer Beute dabei. Immer öfter würden auch Kinder zu den Schmugglergruppen gehören, weil sie klein und kräftig genug seien, um sich durch besonders dichten Dschungel zu kämpfen. Eine "bizarre Situation" sei das, so Manzanero. "Auf Aufnahmen, die wir mit versteckten Kameras gemacht haben, können wir beobachten, dass die Xateros sogar mitten in der Nacht arbeiten. Dabei ist es nicht ungefährlich, sich in der Dunkelheit im Dschungel aufzuhalten. Aber die Xateros haben keine Angst." Inzwischen gebe es ein breites Wegenetz durch das gesamte Urwaldgebiet.

Viele ungelöste Probleme

Dieser ausufernde Raubbau bedroht die Pflanzen, hat aber auch weiter greifende Auswirkungen. "Der menschliche Fußabdruck, den die Xateros hinterlassen, umfasst weitaus mehr", sagt Manzanero. Denn Xaté ist längst nicht alles, was die Wilderer mitnehmen. Auch wenn sie sich teilweise über Wochen im Dschungel aufhielten, verbringen sie doch nur einen Teil dieser Zeit mit der Ernte der Palmenblätter. Sie rodeten auch geschützte Hölzer und würden in Maya-Ruinen nach Artefakten graben oder bedrohte Tierarten jagen, wie den Mittelamerikanischen Tapir.

Doch Rafael Manzanero will die Hoffnung nicht aufgeben. Gemeinsam mit Organisationen aus Guatemala versucht er, neue Projekte auf die Beine zu stellen. Seine Mitarbeiter sind regelmäßig im Dschungel unterwegs, um die Spuren der Xateros aufzuzeichnen und den Palmen-Bestand zu überwachen. Dabei finden sie viel zu oft verlassene Camps und Müll, aber immer weniger Xaté.

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