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Global Ideas

Die Macht der Hyazinthe

Seit Menschen Entdeckungsreisen machen und im großen Stil Handel treiben, bringen sie Pflanzen zu Orten, an denen sie nicht heimisch sind. Was dort passiert, hängt von vielen Faktoren ab, Einfluss nehmen sie aber immer.

Die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492 hat Auswirkungen bis heute. Im Grunde genommen hat sie den Anstoß gegeben für eine aufwendige Forschungsarbeit der Universität Konstanz im Jahr 2015. Ein Team von Wissenschaftlern um Wayne Dawson und Mark van Kleunen hat darin untersucht, wie viele Pflanzenarten heute an Orten heimisch sind, aus denen sie nicht kommen. Viele sind vom Menschen in ihre neue Heimat gebracht worden, teils, weil sie hübsch aussehen, teils, weil sie interessante Handelsgüter sind.

Diese invasiven Pflanzen haben einen erheblichen Einfluss auf ihre Umwelt und auf die Wirtschaftsleistung der Länder, in denen sie heute heimisch sind. Neophytes heißen sie auch. Unter diesem Begriff werden alle zusammengefasst, die nach der Entdeckung Amerikas ihren Lebensraum gewechselt haben.

Kartoffeln zum Beispiel oder Tabak und Kakao waren jenseits des Atlantiks vor Kolumbus noch unbekannt. Je schneller und öfter der Mensch aber reisen und Handel treiben konnte, desto schneller und öfter hat er auch Arten mit sich in andere Winkel der Welt gebracht. "Mit Beginn des 20. Jahrhunderts und der Globalisierung der Wirtschaft waren auch immer mehr Menschen und Waren in der Welt unterwegs und damit stieg auch die Zahl der Arten", sagt Piero Genovesi, Vorsitzender der #link:http://www.issg.org:IUCN Invasive Species Specialist Group#.

Kolumbus und alle anderen Weitgereisten nach ihm haben also nicht nur neue Welten entdeckt, sondern gleich auch eine neue Welt geschaffen, schrieb der amerikanische #link:http://www.rowohlt.de/buch/Charles_C_Mann_Kolumbus_Erbe.2950848.html:Wissenschaftsjournalist Charles C. Mann# in seinem preisgekrönten Buch "Kolumbus' Erbe" (2013). Ein Beispiel, schrieb er, seien Schiffe gewesen, die etwa Tabakpflanzen nach London gebracht haben. Leer hätten ihnen die Wellen auf dem Rückweg Probleme machen können, also luden sie englische Erde ein und nahmen versehentlich Regenwürmer nach Amerika mit, die es dort wiederum nicht gab. Seither wühlt der Regenwurm im Erdreich des Kontinents. Wege wie diese setzten sich bis heute fort.

Die Arten sind unterwegs, aber wie viele?

Die Wissenschaftler der Universität Konstanz haben nun mit Hilfe einer gigantischen Datenbank ermittelt, dass mehr als heute 13.000 Pflanzenarten an Orten heimisch geworden sind, von denen sie nicht stammen. "Wir haben nach bereits veröffentlichten Listen und Sammlungen über eingebürgerte Neophyten gesucht, sie digitalisiert und ihre Taxonomie standardisiert", erklärt Wayne Dawson das Vorgehen der Wissenschaftler. Wo dieser Weg nicht direkt funktionierte, haben die Autoren der Studie Listen für einzelne Regionen ganz neu erstellt, beispielsweise für Indien und China, so Dawson.

Riesenbärenklau (Foto: Jan Pergl)

Mehr als 13.000 Pflanzenarten sind in der Fremde heimisch geworden.

Auch wenn 13.000 als Zahl nicht groß scheint, bezogen auf die Zahl der Pflanzenarten der Welt ist sie es doch. Sie entspricht etwa vier Prozent der gesamten Pflanzenarten. "Diese vier Prozent sind gleichbedeutend mit der Anzahl der Pflanzenarten, die man etwa in Europa findet. Es ist also so, als würde sich ein ganzer Kontinent neu einbürgern", sagt Dawson. Weil es nur ein kleiner Teil dieser Pflanzen überhaupt schafft, sich durchzusetzen, ist die Zahl der eingeführten Arten sicherlich höher, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie, die im #link:http://www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/full/nature14910.html:Fachblatt Nature# veröffentlicht wurde. "Man muss dabei im Hinterkopf behalten, dass sich diese Wanderung und Einbürgerung in einer relativ kurzen Zeit, im Vergleich zur Menschheitsgeschichte, vollzogen hat", so Dawson weiter. In einer immer enger verknüpften Welt schnellt die Rate der neu eingeführten und am Ende anderswo heimischen Pflanzen in den kommenden Jahrzehnten in die Höhe. Und das bleibt nicht ohne Folgen.

Einfluss auf Mensch und Umwelt

Eine Art gilt als einheimisch in einem neuen Gebiet, wenn sie es schafft, eine überlebensfähige Population zu entwickeln, ohne menschliche Hilfe. Die Gänsedistel zum Beispiel ist so eine Pflanze. Sie gehört sogar zu den erfolgreichsten Arten, wenn es um die Besiedlung neuer Räume geht. "Die Pflanze ist in knapp der Hälfte der Regionen vertreten, die wir in unserer Datenbank haben", sagt Dawson.

Ein anderes, bedeutendes Beispiel ist die Wasserhyazinthe, eine Pflanze mit hübscher Blüte, die ursprünglich aus Lateinamerika kommt und weltweit importiert wurde. "Und das ist die Art, die die höchsten wirtschaftlichen Kosten zur Zeit in Europa verursacht", sagt Piero Genovesi vom IUCN. Ein Teil der Kosten entsteht allein dabei, das wuchernde Gewächs aus dem Wasser wieder herauszubekommen, in dem es heimisch geworden ist. Die Hyazinthe verdrängt auch andere Pflanzen, die sonst in den Gewässern leben würden. "In Afrika beispielsweise beeinflusst sie ganze Gemeinden, weil sie nicht mehr wie gewohnt fischen können, wenn die Pflanze in den Gewässern ist. Auf dem Wasser fahren ist nicht mehr so einfach und außerdem sorgt die Pflanze für einen Wassermangel", so Genovesi. Durch die Wasserhyazinthe verdunstet mehr Wasser, was in ohnehin wasserarmen Gebieten ein riesiges Problem darstellt. Darüber hinaus sorge sie für optimale Bedingungen für Moskitos und begünstige damit den Ausbruch von Krankheiten.

Jede neu heimisch gewordene Pflanze wirkt auf ihre Umgebung. "Das tut sie zwangsläufig, weil sie immer mit den Arten zusammentreffen, die schon da sind", so Dawson. "Wenn eine eingebürgerte Pflanzenart Eigenschaften hat, die sich stark von denen der einheimischen Pflanzen unterscheiden, kann das Änderungen für das ganze Ökosystem bedeuten, etwa die Verfügbarkeit und den Kreislauf von Nährstoffen im Boden. Einige neue Arten können auch eine wichtige Nahrungsquelle für Tiere werden oder wichtig für bestäubende Insekten." Im ungünstigsten Fall, sagen die Wissenschaftler, können neue Pflanzen die Infrastruktur oder Gebäude beschädigen oder sogar das Risiko von Fluten oder Feuer erhöhen.

Milliardenschäden und ein unklares Szenario

Clidemia hirta (Foto: Wayne Dawson)

Wenn Pflanzen anderswo heimisch werden, kann es teuer werden.

Das kann ziemlich teuer werden, sagt Piero Genovesi. Zusammen mit einigen Kollegen hat er vor einigen Jahren für die Europäische Kommission kalkuliert, welchen Schaden eingeschleppte Pflanzen verursachen könnten. "Wir kamen zu einer Schätzung von einem Gesamtverlust von deutlich über 13 Milliarden Euro pro Jahr in Europa. Weil wir nur mit tatsächlichen Kosten kalkuliert haben, könnte der Wert auch noch höher liegen", so Genovesi. Viele der eingeführten und heimisch gewordenen Pflanzen beeinflussen Umwelt und Wirtschaft gleichermaßen. Schützt man also die Umwelt, sagt Genovesi, schützt man gleichzeitig auch die Wirtschaft.

Im kommenden Januar, sagt er, wird in Europa eine Regelung greifen, die versucht, den invasiven Pflanzen effektiv zu begegnen. Bis dahin muss noch eine Liste mit besonders wichtigen Arten von der Europäischen Kommission verabschiedet werden. "Mit dieser Regelung wird es ein Verbot der Einfuhr und des Handels mit invasiven Arten geben. Sie wird die Länder verpflichten, ihr Hoheitsgebiet zu überwachen, um weiteres Einschleppen zu verhindern. Sobald eine invasive Art auftaucht, muss sie entfernt werden", so Genovesi.

Es ist nicht ganz einfach zu entscheiden, ob der Einfluss neuer Pflanzenarten grundsätzlich gut oder schlecht ist, sagt Dawson. "Die Bewertung ist vielmehr abhängig vom System, in dem sie heimisch werden, von der Art und auch von unserer eigenen Perspektive." Unstrittig aber ist, dass solche Pflanzen einen großen Einfluss nicht nur auf ihre Umgebung haben, sondern auch auf die Pflanzen in ihrer Umgebung, die mit diesen Neuankömmlingen umgehen müssen. "Neue Pflanzen in neuer Umgebung bedeuten neue Wechselwirkungen und bieten der Evolution eine Bühne, die es nicht gegeben hätte, wären die Pflanzen geographisch getrennt geblieben."

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