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Global Ideas

Der Sirenen-Mythos: Können alte Geschichten die echte Meerjungfrau vor dem Aussterben bewahren?

Die meisten Seekuh-Arten der Welt sind bedroht. Angeblich geht auf die Meeressäuger der Meerjungfrauen-Mythos zurückgeht. Er verbindet die Tiere, vom Amazonas bis nach Australien. Und kann helfen, ihre Art zu retten.

Die Schwanzflossen der Seekühe sehen aus wie ein riesiges Paddel. Ihre massiven Schnauzen scheinen, aus einem bestimmten Winkel aus betrachtet, immer freundlich zu lächeln. Und, wenn man die stromlinienförmigen Abschnitte ihrer Körper außer Acht lässt, sind sie insgesamt doch von eher plumper Erscheinung. Dennoch waren es gerade diese Seekühe, die vor langer Zeit Seefahrern - auf langer Fahrt unter Männern, hungernd nach weiblicher Gesellschaft - wie die dann sprichwörtlichen Meerjungfrauen vorgekommen sind. Oder auch Sirenen, deren Gesang Schiffe ins Verderben schlingern lassen konnte.

1493 vermerkte auch Christoph Kolumbus die Sichtung von "Meerjungfrauen" vor der Küste von Haiti. Er notierte aber auch, dass "diese nicht ganz so hübsch waren, wie sonst dargestellt. Außerdem hätten sie Gesichter, "die an die von Männern erinnern."

Manatee/ Rundschwanzseekuh

Eine Rundschwanzseekuh auf Tauchgang

Heute geht man davon aus, dass der Weltentdecker in seinem Tagebuch von Rundschwanzseekühen schrieb. Von ihnen gibt es insgesamt vier Arten. Zählt man noch die Dugongs, die Gabelschwanzseekühe oder auch Seeschweine dazu, hat man die Ordnung der Sirenia zusammen, die Seekühe. Wo immer diese Tiere auftauchen, ganz egal, wo auf der Welt, ranken sich Geschichten und Mythen um sie, sie sind Symbole und manchmal auch mit Superkräften ausgestattet.

Heute ist die Seekuh Hauptdarstellerin in einer Geschichte, ähnlich unglaublich wie die von Kolumbus' Sirenen. Sie steht im Mittelpunkt eines politischen Streits zwischen der japanischen Regierung und der Präfektur Okinawa zu Plänen für eine US-Militärbasis an der Küste des Landes.

Die Letzten ihrer Art

Aktivisten sind die Pläne seit fast 20 Jahren ein Dorn im Auge. Und immer mehr konzentrieren sich ihre Bemühungen gegen den Stützpunkt auf dessen Auswirkungen auf die Umwelt. Sie sagen, dass nicht nur die wertvollen Korallenriffe vor der Küste in Mitleidenschaft gezogen würden. Auch die letzte verbliebene Seekuh-Population Japans stünde vor ihrer Auslöschung, sollten die Pläne umgesetzt werden.

"Diese Seekühe sind als die nördlichste Population dieser Spezies überhaupt bekannt. Und man geht davon aus, dass gerade mal noch ein Dutzend Tiere da sind", sagt Yuki Sekimoto von Greenpeace Japan zu Global Ideas.

Tausende Japaner demonstrieren gegen US-Militärstützpunkte Flash-Galerie

Tausende Japaner protestieren gegen den geplanten US-Militärstützpunkt.

Im Februar 2015 haben die Umweltschützer eine #link:http://act.greenpeace.org/ea-action/action?ea.client.id=1844&ea.campaign.id=35851:Kampagne zum Schutz der Tiere gestartet#. Sie wollen die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf das Thema lenken. Aber Tokio übt Druck aus, die japanische Regierung will die Station unbedingt bauen. Auf Kosten der Unterwasserwelt, wie Sekimoto sagt.

"Die Betonplatten, die in die Bucht geworfen worden sind, haben Korallenriffe auch außerhalb der Bauzone zerstört. Auf dem Meeresboden in der Gegend wächst auch Seegras, die Hauptnahrungsquelle der Dugongs."

Von kultureller Bedeutung

Hideki Yoshikawa, stellvertretender Geschäftsführer des Citizens' Network for Biodiversity in Okinawa, sagt, dass die historische und kulturelle Bedeutung der Seekühe sie zu einem natürlichen und wichtigen Symbol für den Widerstand gegen die geplante militärische Anlage machen.

"Historisch gesehen sind sie sehr wichtige Tiere für die Menschen in Okinawa", sagt der Anthropologe Yoshikawa. “In der Vergangenheit sahen die Leute sie als Botschafter der Meeresgötter an. Wir kennen viele Legenden und Märchen, die sich um Dugongs drehen. Eine meiner Lieblingsgeschichten handelt davon, dass es die Seekühe waren, die den Menschen den Liebesakt beigebracht haben."

Und solche Geschichten gibt es überall auf der Welt.

Caryn Self Sullivan, eine Meeresbiologin an der Georgia Southern University in den USA, beschäftigt sich schon geraume Zeit mit Seekühen, in allen Teilen der Welt. Sie sagt, dass wo immer es Seekühe gibt, Legenden und Mythen über sie nicht weit sind. "In Westafrika hört man immer wieder den Namen Mami Wata", sagt sie.

Meereslady

Mami Wata bezeichnet einen weiblichen Wassergeist. Nicht nur in Westafrika, sondern auch in anderen Gegenden. Der Geist wird oft als Frau mit einem Fischschwanz dargestellt. Ihr Mythos reicht dabei von heilenden Fähigkeiten, über ein Symbol für Fruchtbarkeit bis hin zu einer männermordenden Verführerin.

"Es gibt da diese eine Geschichte, die ich sehr mag", sagt Sullivan. "Dabei geht es um den Ursprung der Seekühe. Demnach gab es einmal eine Jungfrau, die am Rand eines Flusses badete. Ein Fremder kam und stahl ihr all ihre Kleidung. Sie tauchte im Wasser unter, um sich vor den Blicken zu schützen. Dabei benutzte sie auch ein Palmblatt, um sich zu bedecken. Mit diesem Blatt paddelte sie auch und wurde so zu einer Seekuh."

Indigene Kulturen überall haben ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Einige stellen Seekühe als ursprünglich schöne, junge Frauen dar, andere sagen, dass die Milchstraße in den Himmel gespühlt wurde, als ein Seekuhkalb von der Brust seiner Mutter gerissen wurde. Selbst der Name "Dugong" - stammt aus dem Malaiischen und bedeutet "Frau des Meeres".

Diejenigen, die sich mit Seekühen beschäftigen, sagen, wie Kolumbus, dass diese Tiere herzlich wenig von weiblicher Schönheit haben. Aber sie weisen auch darauf hin, dass die Sirenia zu den wenigen Säugetieren gehören, die zwei Zitzen haben, die zwischen den Vorderbeinen sitzen. Es gibt sogar Berichte von Seekuhweibchen, die ihre Jungen mit den Flossen wiegen, um sie zu füttern.

"Wenn man sich die Dugongs ansieht, wie sie mit ihren Kälbern schwimmen, dann erinnert es schon sehr an uns selbst", so Yoshikawa.

Gutes Essen

Helene Marsh ist Professorin für Meeres- und Umweltstudien an der James Cook University in Australien. Sie beschäftigt sich schon seit den 1970er Jahren mit den Tieren. Es war zu allererst die kulturelle Bedeutung der Seekühe für die Indigenen, die sie anzog.

"In Australien gehören sie zu den größten Symbolen indigener Identität", weiß Marsh. "Wenn man sich in die Torres-Straße begibt, eine Meerenge zwischen Australien und Neuguinea, findet man Dugong-Symbole überall. Auf Schuluniformen, auf Bussen. Auch in Thailand und Palau sind sie sehr bedeutende Tiere."

Bedeutend auf verschiedene Weise. Laut Marsh kann man sie "auch sehr gut essen." Sie erklärt, dass die Jagd auf Seekühe eine 4000 Jahre alte Tradition hat. Ohne die Spezies besonders zu gefährden. Vielmehr würden Zusammenstöße mit Booten, engmaschige Netze und der Verlust von Lebensraum und Nahrung die Arten unter Druck setzen. Die Jagd bedeute stattdessen eine enge Verbindung der Tiere mit der indigenen Kultur und damit auch Schutz.

Sie gibt allerdings zu, dass eine Dugong-Jagd heute wohl nirgendwo auf der Welt nachhaltig möglich wäre. Wo immer die Spezies auftaucht, ist sie bedroht.

"Stark gefährdet" oder nur "gefährdet"?

Eine mögliche Erfolgsgeschichte beim Seekuh-Erhalt kommt aus Florida. Hier scheinen die Bestände, #link:http://myfwc.com/news/news-releases/2015/march/16/manatee-count/:jüngsten Zählungen zufolge#, wieder zu wachsen. Deshalb hat der US Fish and Wildlife Service veranlasst, zu erwägen, den Gefährdungsstatus der Tiere von "stark gefährdet" auf "gefährdet" herabzusetzen. Allerdings schürt das die Angst bei Umweltschützern, dass infolge dessen die Finanzierung von Seekuh-Schutzprojekten gefährdet sein könnte.

"Ja, die Zahlen haben sich signifikant erhöht", gibt Sullivan zu. "Aber haben sie sich genug erholt, um den Schutzstatus zu ändern? Ich glaube kaum."

Die Florida-Manati ist die einzige Seekuhart weltweit, die nicht von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) als vom Aussterben bedroht gelistet ist. Aber um keine Population von Sirenia ist es schlechter bestellt, als um die Seekühe von Okinawa.

Yoshikawa sagt, dass die Einwände gegen die geplante Basis weitgehend auf die US-Militärpräsenz in Okinawa beruhen. Der Schutz der Dugongs aber, die den Status eines "Naturdenkmal" im japanischen Gesetz zum Schutz der Kulturgüter haben, hat die Protestierenden miteinander in Einklang gebracht und eine alte Verbindung zur Natur wiederbelebt.

"Das Aussterben der Dugongs steht dafür, etwas sehr Essentielles zu verlieren", sagt Yoshikawa. "Ein guter Aspekt des langen Kampfes, den wir hier gegen den Bau dieser Basis führen, ist, dass die Leute - mich eingeschlossen - sich wieder mehr mit der Umwelt beschäftigen."

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