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Global Ideas

Gut verbunden: Wie Wildtierkorridore im Regenwald Brasiliens das Überleben der Tiere sichern

Im Küstenregenwald Brasiliens schaffen Forscher Korridore, durch die Tiere sicher zwischen ansonsten isolierten Waldstücken wandern können.

Wie löst man folgendes Rätsel: Eine Gruppe Frösche sitzt in einem kleinen Waldstück in der Mata Atlântica, dem Atlantischen Regenwald, fest. Um sie herum dehnt sich eine große Zuckerrohrplantage immer weiter aus. Dadurch wird den Fröschen der Weg zu ihren Brutstätten abgeschnitten, die in Waldstücken jenseits der Plantage liegen. Die Amphibien sind vom Aussterben bedroht.

Wie also können sie überleben, wenn Menschen das fragile Ökosystem ständig verändern? Eine Forschergruppe in Brasilien glaubt darauf eine Antwort gefunden zu haben: einen Wildtier-Korridor. Diese geschützte Fläche soll Ökosysteme miteinander verbinden, die zuvor durch den Menschen zu isolierten Fragmenten geworden sind.

"Über diese Verbindung können sich Flora [etwa durch Pollenflug] und Fauna durch renaturierte Gebiete wieder verbreiten und auch in zuvor abgeschnittene Regionen gelangen", sagt Rubins Benini, ein Artenschutz-Spezialist bei The Nature Conservancy Brasilien. "Das trägt zur genetischen Vielfalt bei."

Diese Passagen können dem ursprünglichen Regenwald bis ins Detail nachempfunden sein, mit dicht stehenden, großblättrigen Bäumen, überbordendem Gebüsch und einem weiten, grünen Blätterdach. Die Bepflanzung mit heimischer, tropischer Vegetation soll die Struktur des ursprünglichen Ökosystems so gut wie möglich nachahmen und damit auch seine Aufgabe übernehmen. Es geht aber auch einfacher: Im Falle der Frösche im Norden Brasiliens besteht der Korridor aus einem Wasserlauf, dessen Ufer von Bäumen gesäumt ist. Die Frösche können darin schwimmen, ohne direkt der Sonne ausgesetzt zu sein oder schnell von Fressfeinden entdeckt zu werden.

Die Lösung: ein Flickenteppich

weit schweifender Blick über grüne Wälder und Täler (Photo: DW/Roberto Manhaes Reis)

Der Nationalpark Pau-Brasil ist nur ein kleiner Teil des riesigen Waldes Mata Atlântica.

Vor 500 Jahren soll der brasilianische Küstenregenwald einmal so groß gewesen sein wie das heutige Südafrika. Von diesem unvorstellbaren Reichtum an Pflanzen stehen heute vielleicht noch 10 Prozent. Mehr als 90 Prozent dieses globalen Biodiversitäts-Hotspots sind abgeholzt worden, um Raum zu schaffen für Viehweiden oder die boomende Soja- und Zuckerrohrindustrie.

In den verbliebenen Waldfragmenten fehlt Tier- und Pflanzenarten oft der Zugang zu sauberem Wasser oder ausreichend Nahrung. Sie können sich nur noch innerhalb der eigenen kleinen Gruppe fortpflanzen, sagt Professor Pedro Brancalion vom Tropenwaldlabor im brasilianischen Piracicaba. "In dieser Situation sind Korridore wichtig und nötig, um die Artenvielfalt zu bewahren."

Mehrere brasilianische und internationale NGOs, wie etwa The Nature Conservancy oder der britische World Land Trust haben über die letzten Jahre zusammen mit lokalen Forschungseinrichtungen und Universitäten solche Korridore errichtet. Der World Land Trust kauft - finanziert durch Geldgeber aus Europa - privates Land und gibt es dann an lokale Organisationen, die es für die Forschung und die Einrichtung von Korridoren nutzen. Auch The Nature Conservancy kauft Land, lässt dann aber eigene Forscher darauf die Wildtierpassagen bauen.

Darüberhinaus entstehen einige Korridore im Rahmen größerer Regierungsprogramme und werden über den Emissionshandel finanziert. Auf diese Weise sind Korridore geschaffen worden, die im Staat Rio de Janeiro das Überleben des bedrohten goldenen Löwenäffchens sichern helfen sollen. Ebenso gibt es große Korridore in der Pontal do Paranapanema-Region im Bundesstaat São Paulo, wo einige der letzten Jaguar-Populationen im Wald leben.

Am effektivsten sind diese neu bewaldeten und landschaftlich umgestalteten Passagen, wenn sie mindestens vier Meter breit, aber nicht zu lang sind, weil sie sonst die Tiere abgeschrecken könnten. Ist der Rand des Korridors zu nah, wäre dort das Licht zu hell oder der Wind zu stark. Der Boden wäre für kleinere Pflanzen zu trocken. Die Korridore sollten im Idealfall das usprüngliche Habitat so genau wie möglich abbilden, so dass sie auf Anhieb von vielen darin heimischen Arten genutzt werden können - von den kleinsten Insekten bis zu den bedrohten Jaguaren in São Paulos größtem Korridor, dem Parque Estadual da Serra do Mar.

"Wenn die größten Tiere ihn nutzen können, dann können ihn auch Fledermäuse und Schmetterlinge und alle anderen als Korridor nutzen", sagt John Burton, der Leiter des World Land Trust.

Allheilmittel gegen das Artensterben?


Aerial photo of a forest (Photo: Pedro H.S. Brancalion)

So kann ein Korridor im Wald aussehen (oben, Mitte).

Einige Ökologen halten diese Korridore für ein Patenrezept. Aber das sei es nicht immer, sagt Brancalion.

Sicher, die Korridore helfen - aber sie sind nicht ausreichend, wenn sie Fragmente verbinden, in denen selbst nur noch weniger als zehn Prozent des ursprünglichen Baumbestandes übrig ist - Land, in dem kein Überleben mehr möglich ist. In diesem Fall wäre es sinnvoller die Waldfragmente selber wieder aufzuforsten. "Wenn der Baumbestand in den Waldstücken an beiden Enden wächst, gibt es auch mehr Verkehr im Korridor dazwischen", sagt er.

Ein guter Korridor sollte eine ähnliche Habitatstruktur aufweisen wie die Waldreste, die er verbindet. Erst dadurch nehmen die Tiere ihn als natürliche Erweiterung ihres Lebensraumes wahr. Ist das nicht der Fall, etwa weil das Blätterdach niedriger ist, fühlen sich einige der Waldbewohner nicht sicher genug, um den Korridor zu nutzen.

Wenn sie genug Elemente des ursprünglichen Ökosystems enthalten, können diese Korridore Arten nicht nur erhalten, sondern auch ihre Population vergrößern, sagt Paul Beuer, ein Spezialist für die Planung von Wildkorridoren an der Northern Arizona University.

"In einigen Fällen ist es so, dass eine Art zunächst nur an einem Ende des Korridors existiert, aber nicht am anderen und sich erst mit der Zeit bis dorthin ausbreitet", sagt er. "Die Artenvielfalt vergrößert sich, wenn Arten an immer mehr verschiedenen Orten leben können."

Langfristige Perspektiven

Die Schaffung der Korridore steht in keinem Widerspruch zu den brasilianischen Umweltgesetzen, sagt Ricardo Rodrigues vom Labor für Ökologie und Wiederaufforstung an der Universität São Paulo.

Der Wiederaufforstungspakt für den Atlantischen Küstenwald - unterzeichnet von 80 Unternehmen, NGOs, Regierungen und Wissenschaftlern - soll helfen, bis 2050 rund 15 Millionen Hektar entwaldete Flächen wieder aufzuforsten. Seit kurzem ist auch ein Gesetz in Kraft, nach dem Firmen, die Waldflächen für die kommerzielle Erschließung abholzen, drei Prozent der Gesamtinvestition für die Erhaltung von Waldflächen an anderer Stelle aufwenden müssen.

Doch der Erwerb privater Flächen für den Waldschutz kann extrem kostspielig sein. In den letzten Jahren sind die Preise für Land in Brasilien - das mittlerweile ein größeres Bruttosozialprodukt hat als Großbritannien - nach oben geschossen.

"Land, das potentiell für die Landwirtschaft genutzt werden kann, ist sehr teuer. Die Kosten sind daher die größte Herausforderung, um Korridore zu errichten", sagt Rodrigues.

Gemeinnützige Organisationen wie der World Land Trust, die Land kaufen, um es dann dem Waldschutz zu spenden, mussten damit umgehen, dass die Landpreise sich in den vergangenen Jahren vervierfacht haben.

Der World Land Trust hält seine lokalen Partner dazu an, nach Spenden in Brasilien zu suchen, sagt Burton. Dennoch, um ihren "Emerald Green Corridor" fertigzustellen, der im Süden Brasiliens nahe der argentinischen Grenze drei Naturschutzparks verbinden soll, fehlen noch umgerechnet 90 Millionen Euro.

"Es ist ziemlich frustrierend, wenn Du liest, wie viel Geld einige dieser Fußballteams für einen Flecken Gras zahlen, damit Leute darauf einen Ball herumkicken können", sagt Burton, "und dir dann klar machst, was man mit dem gleichen Geld für den Schutz des Regenwaldes machen kann."