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Geschichte

Gleichstellung ohne Gleichberechtigung

Am 3. Mai 1957 beschließt der Deutsche Bundestag die gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau in der Bundesrepublik. Heute ist vieles undenkbar, was damals noch gang und gäbe war. Ein Rückblick.

Frau an Werkbank, (Foto: dpa)

Frauen waren nach dem Krieg zunächst billige Arbeitskräfte

Der Zweite Weltkrieg ist grade vorbei. Deutschland liegt in Trümmern. Fast ein Viertel der Wohnungen sind zerstört. Wie also soll Frau einen Haushalt führen, wenn das Haus dafür fehlt? Also räumen sie erstmal die Steine für ihre Haushaltskarriere aus dem Weg. Die Trümmerfrauen sind maßgeblich am Wiederaufbau beteiligt. Es blieb ihnen nichts anderes übrig: die Männer waren in Kriegsgefangenschaft, verschollen oder schon unter der Erde.

1950 kamen auf 100 Frauen der Altersgruppe zwischen 25 und 45 Jahren nur 77 Männer. Die Frauen machten Männerarbeit. Nicht nur auf dem Bau, sondern auch in Fabriken. Und die Fabriken waren auf die Frauen angewiesen, was sie leider nicht davon abhielt, den Frauen bis zu 60 Prozent weniger Lohn als den Männern zu zahlen. Viele waren nur Hilfsarbeiterinnen, Fachkräfte waren rar. Frauen wollte keiner ausbilden und obwohl weibliche Studenten durchschnittlich die besseren Leistungen erbrachten, meinte man, es mangele ihnen an Denk- und Abstraktionsvermögen, Sachlichkeit und Zielstrebigkeit.

Frauen sind nur halbe Menschen

Nur eine Mutter ist eine gute Frau, hieß es noch bei den Nazis, und für ihre innerehelichen Verdienste wird sie mit dem Mutterkreuz ausgezeichnet. Die Ideologie wirkt nach. Die Frauen unterstützen die konservativ und klerikal geprägte Familienpolitik der Adenauer-Ära.

Eine westdeutsche Hausfrau am heimischen Herd (Foto:dpa)

Die klassiche Rolle der westdeutschen Frauen

Alleinstehende Frauen galten als unvollständige Menschen, in der Öffentlichkeit wurden sie argwöhnisch betrachtet. Die anderen, die schon Kinder hatten und arbeiten mussten, um diese am Leben zu erhalten, wurden bezichtigt, kleine vernachlässigte Gören und Lausbuben groß zuziehen. Also ging es zurück an den Herd, in den sicheren Hafen Ehe.

Und weil es nicht genug Männer gab, setzte die Torschlusspanik schon bei den Mitzwanzigern ein. Im Vergleich zur Zwischenkriegszeit sank das Heiratsalter bei Frauen von 25,4 auf 23,7 Jahre. Auch Männer heirateten früher: Statt 28,1 waren sie nun 25,9 Jahre alt. Nicht weiter verwunderlich, denn die älteren Herren waren dem Krieg zum Opfer gefallen. Nur deren Witwen lebten in wilder Ehe mit anderen Männern zusammen, die so genannte Onkelehe hatte Hochkonjunktur. Die Frauen hätten nämlich durch eine neue Heirat den Anspruch auf ihre Witwenrente verloren. Ob das Kind den Mann jetzt "Papa" oder "Onkel" nennt, war vielleicht nicht so wichtig.

Flittchen und Kuppler

Außereheliche Ehegemeinschaften waren in den 1950er-Jahren noch strafbar. Frauen standen unter den Fittichen ihrer Männer - oder Väter. Für einen Auszug brauchten sie sein Ja-Wort. Das war aber nicht das einzige Hindernis. In ihren eigenen Wohnungen durften sie keinen Männerbesuch empfangen, der Vermieter konnte sonst wegen Kuppelei angeklagt werden.

Die regierende Partei sprach sich für die Beschränkung der Sexualität auf die Ehe aus. Sex war ansonsten ungehörig, insbesondere für Frauen. Beate Uhse öffnete 1951 ihre ersten Versandhandel für "Ehehygiene". Sie verkaufte Kondome und Broschüren zur Verhütung. Uneheliche Kinder waren eine Katastrophe, die tunlichst zu vermeiden war. Die Frauen hatten nicht einmal das Sorgerecht für sie, gleichzeitig wurden die Kinder aber auch nicht in die Erbfolge ihres Erzeugers aufgenommen.

Abtreibungen waren verboten. Immerhin hatte die neue Bundesregierung die Todesstrafe dafür, die unter Hitler eingeführt wurde, wieder abgeschafft. Trotzdem starben viele Frauen, denn die Illegalisierung des Schwangerschaftsabbruchs hielt sie nicht von einer Abtreibung ab, sondern trieb sie in die Hände von Pfuschern. Es gab jährlich bis zu einer Million Abtreibungen, 10.000 Frauen starben an den Folgen.

Und Gott formte aus Adams Rippe Eva

Frau im 50er-Jahre-Stil, Quelle: dpa

Frau im 50er-Jahre-Stil

Die Tatsache, das bereits 1949 im Artikel drei des Grundgesetzes festgehalten wurde, "Männer und Frauen sind gleichberechtigt", hatte damals wenig Einfluss auf die Gesellschaft. Frauen durften zum Beispiel keine Hosen anziehen, während es niemand den Männer Verbot sich in Röcke zu kleiden.

Frauen und Männer waren sich in einigen Bereichen durchaus darüber einig, dass Gleichstellung Unsinn ist. Eine Umfrage des Allensbacher Instituts fand 1954 heraus, dass beide der Auffassung waren, es sei nicht die Aufgabe des Mannes, im Hause mitzuhelfen. Also traten die Frauen ihre Arbeitsplätze an die Männer ab und blieben zuhause. Erwerbsarbeit wird in Frauen- und Männerarbeit untergliedert, aufgrund von Artikel 3 dann in Schwer- und Leichtlohnarbeit umbenannt. Über betriebliche Kinderkrippen und Kindergärten stritt keine Gewerkschaft, es gab ja die Mütter. Die durften nur mit Einverständnis ihrer Ehemänner arbeiten, die auch den Arbeitsvertrag nach Belieben kündigen konnten.

"Schrei leise, man könnte dich hören!"

Das Ehe- und Familienrecht bestimmt den Mann zum Alleinherrscher über Frau und Kinder. "Schrei leise, man könnte dich hören!" war die Devise, egal ob es um Vergewaltigung in der Ehe oder um Kindesmisshandlung ging. Sexuelle Verweigerung seitens der Frau konnte zur Scheidung führen. Hat der Mann jedoch dauerhafte Migräneanfälle und die Frau orientiert sich anderweitig, und er kann diesen "Mehrverkehr" nachweisen, muss er keine Alimente für die Kinder zahlen. Wer konnte schon wissen, dass es wirklich sein Fleisch und Blut ist?

Wer weiß, wo wir heute stünden, hätten die Frauen damals anders gehandelt. Hätte sie die Steine liegen gelassen und wäre drüber geklettert, dann würden Männer und Frauen heute vielleicht eine andere Geschichte erzählen.