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Gleich

Gleich und gleich sind nicht dasselbe. Aber gleichen sie einander? Nein? Na, das sähe ihnen ähnlich. Ein Phänomen, das immer da ist, immer nah ist, aber immer nur beinahe. Sagen Sie nicht: Das ist mir gleich!

Gleich beginne ich. Womit? Sie werden es gleich erfahren. Wann? Gleich. Wann ist das –„gleich“? Nun, es ist früher als bald, aber später als jetzt. Oder – um es mit den Gebrüdern Grimm zu sagen: „Gleich wird auf eine – absolut oder relativ – unmittelbar folgende Zukunft bezogen.“ Schön. Aber falsch. Es ist komplizierter.

„Gleich“ gleicht „gleich“ nicht immer.

Der Ton macht den Unterschied. Ein Beispielsatz. Betonung A – gedehnt gesprochen - : „Lass uns das gleich machen.“ Bedeutet: Nicht jetzt wollen wir etwas machen, sondern später, irgendwann, das hat Zeit. Jetzt noch einmal der gleiche Beispielsatz, der, etwas schneller und abgehackter gesprochen, nicht mehr derselbe ist. „Lass uns das gleich machen.“ Jetzt klingt es nach Dringlichkeit. Das zu Machende duldet keinen Aufschub.

Das ist noch nicht kompliziert genug, nicht wahr? Ersetzen wir den zeitlichen Aspekt des „gleich“ durch die Ähnlichkeitsbestimmung „gleich“, dann haben wir den Revolutionär, der seinen Genossen auffordert, gemeinsam das Volk neu zu bestimmen: „Lass uns das gleichmachen“. Käme jetzt die Gegenfrage des Genossen „Wann?“, und dann die Antwort „Gleich“, dann klebten wir ratlos im breiten Brei des „Gleich-Zeitigen“. Oder aber wir ahnten, warum so viele Revolutionen gescheitert sind. Terminmissverständnisse! Der eine war zu früh auf den Barrikaden, der andere zu spät. Ja, gleich und gleich gesellt sich gern... bloß: wann?

Kollege kommt gleich

Der moderne Mensch braucht keine Revolution mehr zum Scheitern. Ein Baumarkt genügt. Auf der Suche nach Beratung sieht man einen Fachverkäufer. Der tendiert nur kurz zur Sichtbarkeit, entfernt sich jedoch wieder. Im Entschwinden lässt er noch den freundlichen Satz zurück: „Kollege kommt gleich.“

Selbstverständlich gibt es keinen Kollegen, und gäbe es einen, er käme nicht. Man sollte dennoch nicht von unverschämter Lüge sprechen Es ist eine gütige Floskel, über deren Wahrheitsferne man gefälligst Bescheid wissen sollte, bevor man sich in die Unwägbarkeiten eines Baumarkts begibt.

Zahn um Zahn

Rachegefühle steigen auf, manchmal. „Die beste Art, sich zu rächen ist: Nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten.“ Das empfahl der große Römer Mark Aurel. Gleiches mit Gleichem vergelten – das ist das alttestamentarische, mosaische Gesetz des, Auge um Auge, Zahn um Zahn'. Fußt das Gesetz auf Rache? Oder schafft es ausgleichende Gerechtigkeit?

Auch die Forderung nach Gleichheit (égalité), eine der Hauptforderungen der Französischen Revolution, war und ist umstritten. Ist sie nicht Augenwischerei? Und wenn nicht: Führt sie zu Gleichmacherei? Noch heute fügt man dem ’Alle Menschen sind gleich' gerne spöttisch ein ’nur manche sind gleicher' hinzu. Streng genommen gibt es diesen Komparativ „gleicher“ nicht.

Gleich, gleicher, am gleichsten

Die Gebrüder Grimm sollen noch mal eine Chance haben. Sie definieren die Ähnlichkeitsbestimmung „gleich“ in Stufen. „vom begriff des nur annähernd gleichen, des nach art oder gestalt ähnlichen (similis) über den einer stärkeren, übereinstimmung (aequus, aequalis, par) bis hin zur vorstellung begrifflicher identität (idem).“ - Hä? Wie war das gleich...?

„Alle Menschen sind gleich - mir auch.“ Ein zynischer Satz. Hier ist nicht das Prinzip des Lebens für jeden Menschen gleich(-ermaßen) gültig, nein, hier regiert gegenüber dem Leben das Prinzip der Gleichgültigkeit. „Die Gleichgültigkeit, der innere Tod, ist manchmal ein Zeichen von Erschöpfung, meistens ein Zeichen von geistiger Impotenz und…“ – so sagte Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach – „immer - guter Ton.“

Harmonie und Horror

Der Gegenentwurf wäre Harmonie. Auf Harmonie verweisen Begriffe wie Gleichberechtigung, Gleichklang, Gleichmut. Hinzu kommen Gleichschalten bzw. alles dem Erdboden gleich machen und... Das wäre „Harmonie“!? Wohl eher Horror. Es ist nicht einfach mit dem Begriff „gleich“.

Keine Gleichung geht so recht auf. Jeder hat ein anderes Bild. Hat sein Gutes: Wo alle das Gleiche denken, denkt keiner viel. Ich ende mit dem Ende eines Gebetes, das ein Pfarrer 1864 nach oben sandte: „Herr, sorge dafür, dass alle in den Himmel kommen, aber nicht alle zur gleichen Zeit und, wenn es möglich ist, noch nicht gleich.“ Genau.

Und gleich höre ich auf. Besser: Jetzt.

Fragen zum Text

Wenn man Gleiches mit Gleichem vergelten will, geht es um…

1. Rachegefühle.

2. Mitgefühl.

3. Mitleid.

Die Steigerungsform eines Adjektivs nennt man auch:

1. Dativ.

2. Imperativ.

3. Komparativ.

Wenn eine Sache einer anderen gleicht, dann…

1. ist sie anders.

2. ist sie ähnlich.

3. ist eine größer.

Arbeitsauftrag

Gleich ist nicht immer gleich. Obwohl Frauen und Männer in vielen Ländern per Gesetz gleichberechtigt sind, werden sie nicht unbedingt gleich behandelt. Schreiben Sie einen Aufsatz in dem Sie erläutern, ob Frauen und Männer in ihrem Land gleichberechtigt sind und ob sie auch gleich behandelt werden.

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