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Sprachbar

Gleich und anders

Es gibt Menschen, die marschieren flott von A nach B, dann gibt es welche, die grundsätzlich stolzieren, und manch andere schlurfen lustlos herum. Letztendlich bewegen sich aber alle irgendwie fort.‎

"Sie stolzieren bis zur nächsten Kreuzung, schlurfen dann links die Straße bis zur Ampel runter, tänzeln rechts an der Hauptpost vorbei und watscheln dann immer geradeaus. Nach circa 200 Metern sind Sie dann am Hauptbahnhof." – Natürlich würde niemand den Weg zum Bahnhof so erklären. Trotzdem würde er oder sie verstanden werden. Zumindest von Menschen, die der deutschen Sprache mächtig sind.

Die Synonym-Falle

"Stolzieren", "schlurfen", "tänzeln", "schlendern": Das sind ausnahmslos Verben der Bewegung, beziehungsweise Fortbewegung, und gewissermaßen automatisch werden sie vom Hörenden mit dem Wort "gehen" in Verbindung gebracht, ja, so gut wie gleichgesetzt. Deshalb ist die Wegbeschreibung zum Hauptbahnhof problemlos zu verstehen.

Gleich und trotzdem anders sind die sinnverwandten Wörter, die in der Sprachwissenschaft "Synonyme" genannt werden. Sie haben – so eine gängige Definition – dieselbe Bedeutung. Aber mit derselben Bedeutung ist das so eine Sache. Was ist schon ein und dasselbe? Es gibt Wörter, die kann man synonym gebrauchen: "Zündholz" und "Streichholz" zum Beispiel. Oder "eng" und "schmal". Oder "Brötchen", "Semmel" und "Schrippe".

Auf den Zusammenhang kommt es an

Sobald Wörter aber im Zusammenhang, also im Kontext, verwendet werden, ist es aus mit der vermeintlich selben Bedeutung. Beispiel gefällig? Da ist der Mensch auf dem Weg zum Bahnhof. Er ist Raucher und jetzt hat er nichts, womit er sich seine Zigarette anzünden kann. "Haben Sie Feuer?", wird er wahrscheinlich jemanden fragen und verstanden werden. Man wird ihm mit dem Feuerzeug, Zünd- oder Streichholz aushelfen; aber: "Haben Sie ein Zündholz?" hätte beim Befragten mit Sicherheit eine leichte Irritation ausgelöst und möglicherweise der Nachfrage bedurft.

Nächstes Beispiel: "Jetzt wird’s eng. Der Zug fährt in 10 Minuten." Ist "eng" gleich "schmal"? Mitnichten. "Jetzt wird’s schmal. Der Zug fährt in 10 Minuten." – das geht nicht. In der festen Redewendung "jetzt wird's eng" funktioniert eben nur das Eine, und nie das Andere. Aber: Ein "enger, schmaler Hausflur" – das geht wieder.

Läufst Du schon oder gehst Du noch?

Apropos gehen: Grundbedeutung ist "Fortbewegung zu Fuß". Dass "gehen" und "laufen" nicht dasselbe ist, weiß man. In Süddeutschland wird jedoch "laufen" ganz selbstverständlich für "gehen" verwendet. Im Sport hat mitunter das Wort "Lauf" weder mit "gehen" noch mit "laufen" zu tun. Da können Schwimmer im Endlauf stehen und niemand käme auf die Idee, diese Formulierung für sprachlich falsch zu halten.

Und nun zum "Brötchen", der "Semmel" und der "Schrippe". Letztere ist eindeutig berlinerisch. Die Semmel ist in Bayern beheimatet und das Brötchen das hochdeutsch neutrale Wort für das "kleine Gebäck aus Weizenmehl", wie es ein großes "Wörterbuch des Deutschen" definiert. Synonym hin oder her: Kein Mensch würde "Schrippenbrösel" sagen; es sind halt "Semmelbrösel" und die berühmten Knödel aus bayerischen Landen sind eben "Semmel"– respektive "Semmelknödel" – und keine "Brötchenknödel".

Hau rein!

Da wir gerade bei Essbarem sind: "Feste Nahrung zu sich nehmen" heißt es im Wörterbuch unter "essen" und gegen diese Begriffsbestimmung ist nichts einzuwenden. Für "essen" finden sich in einem der neuesten Wörterbücher an die 50 Synonyme. Wir nennen nur drei, nämlich "speisen", "fressen" und "reinhauen". Nahrungsaufnahme einmal vornehm, einmal gierig bis unappetitlich, einmal schnell und in großer Geschwindigkeit und Menge. Also das Gleiche und doch jedes Mal anders.

"Reinhauen" ist am drastischsten, was den Vorgang der Nahrungsaufnahme angeht und gleichzeitig als Synonym am weitesten weg von "essen". Wir wissen ja alle, dass es Situationen gibt, wo wir jemandem am liebsten "eine reinhauen" würden. Und zwar keine Bratwurst, sondern unsere Faust. Möglichst in die Fresse – Synonym für Mund. Diesem Irgendwer "eine fressen" oder "speisen" könnten wir zwar sagen, aber was wir wollen, bliebe im Verborgenen. Synonyme dienen zur Feinjustierung des sprachlichen Ausdrucks.

Unsere Wege sind unergründlich

Natürlich geht der Mensch zum Bahnhof, biegt an der Kreuzung links ab und geht weiter. Aber vielleicht watschelt er ja. Oder ist so beschwingt, dass er zu tänzeln scheint. Oder er rennt los. Nur wer ihn tatsächlich gesehen hat, weiß, wie er sich in Richtung Bahnhof bewegt hat.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Shirin Kasraeian

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