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Hintergrund

Glaubensfest, Ökumene und Protest

Mit seinem dritten Deutschland-Besuch will der Papst verunsicherten Katholiken Hoffnung geben - eine touristische Schau will er nicht abziehen, wie Benedikt XVI selbst sagte. Für Kritik sorgt sein Auftritt im Bundestag.

Papst-Plakat in Berlin (Foto: dapd)

Plakat in Berlin: Benedikt wird willkommen geheißen, doch es wird auch Proteste geben...

Berlin, Erfurt, das Eichsfeld und Freiburg. Das sind die Stationen der Deutschland-Reise von Papst Benedikt XVI. vom 22. September bis 25. September. Joseph Ratzinger, seit 2005 Oberhaupt der Katholiken in aller Welt, besucht seine Heimat nicht ohne Grund. Die Lage der Kirche in Deutschland ist schwierig. Nach den aufgedeckten Fällen von Kindesmissbrauch in kirchlichen Einrichtungen verlassen viele Katholiken ihre Kirche. "Wo Gott ist, da ist Zukunft" ist deshalb auch das Motto dieses Papstbesuches.

Zum dritten Mal bereits besucht Joseph Ratzinger im Amt des Papstes seine Heimat. 2005 kam er zum Weltjugendtag nach Köln. 2006 besuchte er seinen Geburtsort in Bayern. Diesmal aber landet er in der Hauptstadt Berlin, zum ersten Mal zu einem offiziellen Besuch, allerdings nicht zu einem Staatsbesuch. Da gibt es feine protokollarische Unterschiede. Zum Beispiel wird Benedikt XVI. nicht mit einem Staatsbankett geehrt. Nach Gesprächen mit Bundespräsident Christian Wulff und Kanzlerin Angela Merkel wird der Papst als Inhaber des "Heiligen Stuhls" im Bundestag eine Rede halten.

Robert Zollitsch (Foto: dpa)

Gastgeber: Erzbischof Zollitsch

Diese Premiere für einen Papst trifft beim Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch aus Freiburg, natürlich auf Zustimmung. "Wir freuen uns, dass der Papst nach Deutschland kommt, zu einem offiziellen Besuch. Und wir werden ihn sicher auch herzlich willkommen heißen", sagte Zollitsch in Berlin.

Umstrittene Rede im Bundestag

Willkommenheißen werden den Papst aber nicht alle. Rund 100 Abgeordnete aus den Oppositionsfraktionen von SPD, Grünen und Linken wollen die Rede schwänzen, weil sie glauben, ein Religionsführer sollte nicht im Parlament auftreten. Christian Ströbele, Berliner Abgeordneter von Bündnis90/Die Grünen sagte dem Bayerischen Rundfunk: "Wenn man jetzt damit anfängt, Kirchenoberhäupter und Anführer von Religionsgemeinschaften im Deutschen Bundestag zu ehren, wo soll das enden?" Bei einer Demonstration gegen die Sexualmoral der Katholischen Kirche wollen nach Angaben der Veranstalter 20.000 Menschen im Zentrum Berlins teilnehmen, unter ihnen auch der homosexuelle Bundestagesabgeordnete Volker Beck (Bündnis90/Die Grünen).

Demonstration gegen den Papst in Berlin im Jahr 2010 (Foto: dpa)

Widerstand: Tausende wollen gegen den Besuch des Papstes auf die Straße gehen

"In Sachen Menschenrechte und in Sachen Sexualpolitik entspricht er nicht dem, was unser Grundgesetz von der Politik verlangt. Da ist Widerspruch durchaus legitim und wie der dann zum Ausdruck kommt, das muss jeder selbst entscheiden", begründet Volker Beck seinen Protest. Erzbischof Zollitsch hat im Prinzip nichts gegen Proteste gegen die Bundestagsrede einzuwenden, meint aber, man solle doch erst einmal hören, was der Papst zu sagen hat. Danach könne man sich ja mit den Aussagen sachlich auseinandersetzen. Außerdem habe ja der Bundestagspräsident den Papst eingeladen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirchen, Präses Nikolaus Schneider, hält die Kritik am Auftritt im Bundestag schlicht für "kleinkariert".

Vier große Gottesdienste

Die Zahl der Papst-Anhänger ist wesentlich größer als die seiner Gegner. Für die vier Freiluft-Messen in Berlin, Erfurt und Freiburg haben sich 250.000 Menschen angemeldet. Selbst das Olympiastadion im eher evangelisch oder atheistisch geprägten Berlin ist mit 80.000 verteilten Eintrittskarten nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz ausgebucht. Papst Benedikt selbst freut sich nach eigenen Worten besonders auf ein Treffen mit den Spitzen der evangelischen Kirche in Deutschland, und zwar just in dem Kloster in Erfurt, in dem der Reformator Martin Luther einst als katholischer Mönch gewirkt hat.

Papst Benedikt XVI. spricht das 'Wort zum Sonntag' (Foto: ARD)

TV-Auftritt: Benedikt XVI. spricht das "Wort zum Sonntag"

Das Gespräch zwischen den Protestanten und dem obersten Katholiken soll die Ökumene, also die Aussöhnung der beiden Konfessionen, fast 500 Jahre nach der Spaltung voranbringen. Benedikt XVI. dämpfte aber zu große Erwartungen in der Sendung "Wort zum Sonntag" im ARD-Fernsehen: "Wir erwarten keine großen Sensationen. Das eigentlich Große daran ist, dass wir miteinander an diesem Ort denken, das Wort Gottes hören und beten, und so inwendig beieinander sind, dass sich wahrhaft Ökumene ereignet." Sensationen erwartet die deutsche Öffentlichkeit von der Reise auch bei anderen Themen nicht. Nach einer Meinungsumfrage des Emnid-Instituts rechnen 53 Prozent der Deutschen damit, dass der Papst-Besuch keine entscheidenden Impulse bringen wird.

Klärendes Wort zum sexuellen Missbrauch

Im Kernland der Reformation, in Thüringen, wird der Papst auch über die deutsche Wiedervereinigung sprechen. Und im baden-württembergischen Freiburg würdigt er den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) für seine Verdienste um die Einheit mit einer Privataudienz.

Katholischer Priester mit Handschellen (Foto: Fotolia)

Ein Tabuthema: Kindesmissbrauch in der Kirche

Die katholischen Laien und auch der Klerus erwarten vom Papst ein klärendes Wort zu den teilweise Jahrzehnte alten, aber erst jüngst aufgedeckten Fällen von Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen. Bereits in den USA und Großbritannien hatte sich der Papst mit Missbrauchsopfern getroffen. Das wird auch in Deutschland wohl so kommen. Ort und Zeit der Zusammenkunft sind aber noch nicht bekannt. Hannelore Bartscherer ist Vorsitzende des Katholikenausschusses in Köln. Die engagierte Katholikin erwartet klare Aussagen zum Thema Schuld: "Ich glaube, es ist notwendig, dass der Papst dazu etwas sagt. Die Opfer erwarten einfach, dass er sich dazu immer wieder ganz bewusst deutlich äußert." Der Missbrauch von Schutzbefohlenen ist nicht nur ein Problem der katholischen Kirche, sondern auch der Schulen und Heime in evangelischer oder staatlicher Trägerschaft gewesen.

Im Eichsfeld, einer kleinen katholischen Insel im ansonsten protestantischen Mitteldeutschland, wird der Papst in der Nähe von Erfurt an einer Marien-Kapelle mitten im Feld eine Andacht feiern. 60.000 Menschen haben sich angemeldet, ein logistische Herausforderung für Polizei, Busunternehmen und Rettungsdienste. Nur einer kommt mit dem Hubschrauber: Benedikt XVI.

"Kein religiöser Tourismus"

Der 84-Jährige hat einen extrem dichten Terminkalender und beendet die Reise in Freiburg, der Heimatdiözese von Erzbischof Robert Zollitsch, mit einem großen Gottesdienst mit 100.000 Gläubigen und einer Ansprache im Konzerthaus. 20 Fernsehsender aus aller Welt übertragen live, wenn der deutsche Papst in seiner Heimat unterwegs ist. Trotz des Rummels pocht Joseph Ratzinger auf den religiösen Charakter seiner Reise, er möchte den fast 25 Millionen Katholiken in seiner Heimat Mut machen, ihren Glauben zu leben, trotz Kritik, trotz Priestermangels und schrumpfender Gemeinden: "All dies ist nicht religiöser Tourismus und noch weniger eine Schau. Worum es geht, sagt das Leitwort dieser Tage: 'Wo Gott ist, da ist Zukunft'", sagte der Papst im ARD-Fernsehen.

Hohe Kosten

Absperrgitter vor Bundestag (Foto: dapd)

Kostenintensiv: Verschärfte Sicherheitsvorkehrungen vor dem Bundestag

Um Kritikern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat die katholische Deutsche Bischofskonferenz eine Schätzung mit den Kosten für den Papstbesuch veröffentlicht: Rund 25 bis 30 Millionen Euro werden die fünf Tage allein die Katholische Kirche kosten. Hinzu kommen die Kosten für Sicherheitsleistungen der Polizei, die sich aber schwer beziffern lassen. In Freiburg sind zum Beispiel 5000 Polizeibeamte im Einsatz.

Die Ausgaben gingen aber nicht zu Lasten anderer Etatposten der Kirchen, wie etwa der Hilfen für Afrika, versicherte Erzbischof Zollitsch. "Es wird keine Mittelkürzungen für die Dritte Welt wegen des Papstbesuches in Deutschland geben", sagte Zollitsch in einer Pressekonferenz. "Um den Menschen auch während der Papstreise zu helfen, richten wir im Gegenteil einen speziellen Benedikt-Ostafrika-Fonds ein." Diese Spendenaktion soll in den öffentlichen Gottesdiensten während der Papstreise zusätzliche Millionen einbringen.

Autor: Bernd Riegert
Redaktion: Klaus Krämer

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