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Musik

Glauben, singen, lernen: 800 Jahre Thomaner

"Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder", so heißt es in der Bibel, Psalm 98. Und ein kleines Wunder ist es wohl, wenn ein Knabenchor 800 Jahre lang besteht. In Leipzig feiert man das Jubiläum ganz groß.

Das Mittelalter war keinesfalls so finster, wie man es ihm nachsagt, sondern eine Zeit des Aufbruchs: Auch in Leipzig wurde überall fleißig gebaut. Dieser wirtschaftliche Aufschwung führte im Jahr 1212 zur Gründung des Thomasklosters: "Es war eine Art Buße des Markgrafen von Meißen, weil er sich dem Kaiser gegenüber unbotmäßig verhalten hatte", erzählt Stefan Altner, Geschäftsführer des Thomanerchors.

Der Markgraf gründete mit Hilfe der Augustiner also ein Kloster, um den Zorn des Herrschers zu besänftigen. Geführt wurde es von weltlichen Chorherren, die ihren Alltag nach den Regeln des Heiligen Augustinus organisierten. Die Herren waren allerdings viel zu faul, ihre "Horendienste" - so nannte man die täglichen Gebetsstunden - selber zu absolvieren. Deshalb engagierten sie Knaben und junge Männer für den Kirchengesang: Der Thomanerchor war geboren.

Reformation und Aufschwung

Auftritt in der Leipziger Thomaskirche (Foto: Waltraud Grubitzsch)

Auftritt in der Leipziger Thomaskirche

Zwei Jahre nach Einführung der Reformation in Leipzig wurde  das Kloster 1541 abgerissen, doch der Chor blieb bestehen. Und seine Leiter, die so genannten "Thomaskantoren", achteten auch weiterhin sorgsam auf die Qualität des mehrstimmigen Gesangs. "Die Musik in der Thomaskirche war so reich und besonders, wie es sonst wahrscheinlich nur in Italien zu finden war", betont Stefan Altner.

Die  Knaben waren musikalisch absolut auf der Höhe ihrer Zeit, das zeigt sich an den damals gesungenen Kompositionen. Die Notenhandschriften und -drucke aus ganz Europa kamen vor allem durch Messen nach Leipzig; darunter befanden sich Werke von Ludwig Senfl, Heinrich Isaac, Josquin Desprez und vielen anderen prominenten Komponisten. "Schon vor Bach war es also spektakulär, was man in der Thomaskirche hören konnte", meint Altner.

Strenger Thomaskantor: Bach

Bach-Portrait, undatiert (ullstein bild - Archiv Gerstenberg)

Bach rügte die Thomaner häufig

Der bedeutendste Thomaskantor aller Zeiten war zweifellos Johann Sebastian Bach, der diesen Posten 27 Jahre lang bekleidete. "Von den Chorknaben brauchen viele zu lange, um sich zu entwickeln, die meisten aber könnten gar nichts", schimpfte der gestrenge Lehrer 1730 in einem Brief an den Stadt. Wie man bei solchen Zuständen noch eine vernünftige Kirchenmusik auf die Beine stellen solle – das solle sich die Stadt Leipzig selbst ausmalen.

Bach und seine 55 Thomaner hatten ein enormes Arbeitspensum zu bewältigen: Neben der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste waren sie auch für die Umrahmung weltlicher Anlässe zuständig. Bei all dem fand Bach aber noch ausreichend Zeit zum Komponieren. In Leipzig entstanden u.a. die Johannes- und Matthäuspassion, das Weihnachtsoratorium und die Motetten. Im Leipziger Bachmuseum zeigt man in diesen Tagen das "Matrikelbuch", in dem sich sämtliche Thomaner zwischen 1730 und 1800 mit ihren Lebensläufen verewigt haben. Bis vor wenigen Wochen galt dieses Buch noch als verschollen. Der Fund gilt als echte Sensation, die in Zukunft womöglich noch manches Rätsel in der Biographie des größten Thomaskantors lösen könnte.

Geburtstagsfeier ganz groß

Bundespraesident Joachim Gauck gratuliert Thomanern (Foto: Sebastian Willnow/dapd)

Prominenter Gratulant: Bundespräsident Joachim Gauck

Musik von Johann Sebastian Bach sangen die Thomaner unter Leitung des derzeitigen Thomaskantors Georg Christoph Biller vor zahlreichen prominenten Gästen auch beim Festakt zu ihrem 800-jährigen Chorjubiläum. Der 16-jährige Sängerknabe Ansgar Führer war sich des besonderen Augenblicks mehr als bewusst: Es ist großartig und fantastisch, dass wir dieses Jubiläum miterleben dürfen", freute er sich. "Das haben wir vielen anderen Leuten zu verdanken, die schon vor uns gesungen und diese Tradition weitergeführt haben."

Dass der Thomanerchor die Zeit des Nationalsozialismus und der DDR im 20. Jahrhundert relativ unbeschadet überstanden habe, sei vor allem der Musik Bachs zu verdanken, die ja hauptsächlich sakrale Musik sei, betont Geschäftsführer Stefan Altner: "Beide Diktaturen haben versucht, den Chor für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Man hat sich mit ihm geschmückt." Doch man habe ihn nie zu einer Hülse nationalsozialistischen Denkens oder später dann des kommunistischen Denkens umformen können, führt er aus. "Das ist nachweislich nicht gelungen."

Zeitgemäße Thomaner

Für das Jubiläumsjahr hat der Thomanerchor fünf Komponisten beauftragt, neue Sakralwerke zu schreiben. Damit soll demonstriert werden, dass der Chor in Sachen Repertoire bis heute auf der Höhe seiner Zeit ist und nicht nur alten Werken huldigt. Unter anderem reichen der Thomaskantor der Gegenwart, Georg Christoph Biller, und der Altmeister der deutschen Komponistenzunft Hans Werner Henze Musikstücke ein, die dann in den Gottesdiensten der Thomaskirche uraufgeführt werden.

Im Rahmen des Jubiläums sind die Thomaner in ihrer Heimatstadt gleich zweimal ins Museum eingezogen. Das Bachhaus zeigt die Schau "Netzwerk Thomanerchor", und das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig widmet sich in der Ausstellung "Cantate" der langen Geschichte des Traditionschors.

Autor: Claus Fischer
Redaktion: Suzanne Cords

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