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Sprachbar

Glatt

Die Wogen, die im Streit hochgehen, können geglättet werden, genauso wie zerknitterte Wäsche. Schön auch, wenn alles glatt läuft, doch Vorsicht, wenn es zu glatt wird, man gar aufs Glatteis geführt werden soll …

Es gibt Wörter, die haben so etwas wie eine Saison. Ein Wort, das sich nun schon seit einiger Zeit vor allem in den Verkehrsmeldungen der Radiosender geradezu festgesetzt hat, ist "glatt". Im Stundenrhythmus werden glatte Straßen gemeldet, wird vor Glättebildung und Glatteisgefahr sowie Schneeglätte gewarnt. "Glatt" also ist diese Woche unser Stichwort. Es liegt am Wetter, dass "glatt" in den eben genannten Beispielen nur negative Assoziationen weckt.

Von Glätte und Reibung

Wie bei jedem Wort kommt es auf den Zusammenhang, auf die sprachliche Umgebung an, welche Bedeutung, ja Bewertung, es jeweils annimmt. Die Grundbedeutung von "glatt" im Hochdeutschen ist: "frei von Unebenheiten, keine Reibung bietend". Rein physikalisch gesehen gibt es auch bei einer sehr glatten Oberfläche wie beispielsweise einer polierten Tischplatte Reibung. Das angeschubste Glas kommt eben doch zum Stehen.

Aber wir wissen, was gemeint ist, wenn wir auf einer gänzlich von Unebenheiten freien vereisten Stelle auf dem Bürgersteig ausrutschen, keinen Halt mehr finden und stürzen. "Zu geringer Reibungswiderstand", würden die Physiker sagen. Falls uns Naturwissenschaftler zuhören, bitten wir gegebenenfalls um Nachsicht beziehungsweise Korrektur, falls das mit dem Reibungswiderstand nicht ganz so richtig ist.

Glänzende Aussichten

Da wir gerade von einer polierten Tischplatte gesprochen haben: Viele glatte Oberflächen glänzen. In der Tat bedeutete "glatt" im Mittelhochdeutschen – mit einem "t" geschrieben – auch "glänzend". Aber das nur nebenbei.

Eine Art von Steigerung erfährt "glatt" in dem Adjektiv "spiegelglatt". Nur eine völlig glatte, nicht die geringsten Unebenheiten aufweisende Spiegelglasfläche erzeugt ein verzerrungsfreies Bild. Ähnlich die spiegelglatte Wasseroberfläche eines Sees, in der sich Wolken, der Himmel oder die Landschaft spiegeln.

Auch aalglatte Typen können Locken haben

Was ist das Gegenteil von "glatt"? "Uneben"? Oder gar "unglatt"? Weder noch. Wir kommen einer Abgrenzung von "glatt" und "nicht glatt" näher, wenn wir wieder die sprachliche Umgebung unseres Stichworts anschauen: Glattes Haar zum Beispiel ist nicht-gelocktes Haar. Eine glatte Haut ist – zumindest nahezu – faltenlos. Der nette Hund von nebenan hat ein glattes Fell. Sein Kumpel nicht. Der ist nämlich ein Rauhaardackel.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei den Tieren. Glatt sind insbesondere schuppenlose Fische. Der Aal beispielsweise ist so glatt und glitschig, dass er sich mit bloßen Händen nicht greifen lässt. Er ist aalglatt. Spricht man von einem "aalglatten Typen", so ist damit ein Mensch der unsympathischen Art gemeint; sich geschickt allem entziehend, sich windend, in Sprache und Verhalten sich unnahbar, ja unangreifbar gebend. So verstanden kann "Glätte" und "eiskalte Glätte" eine negative Charaktereigenschaft bedeuten.

Glatteis und Glätteisen

Einen aalglatten Typen kann man nur sehr schwer "aufs Glatteis führen". Diese Redensart bedeutet – wir zitieren ein Wörterbuch –: "jemanden durch bewusst irreführende Fragen und Behauptungen auf die Probe stellen, überlisten, in Gefahr bringen."

"Glatt", das Adjektiv, "Glätte", das Nomen, "Glatteis", das Kompositum; was fehlt, ist das Verb. Es heißt "glätten". Vieles lässt sich glätten. Die sprichwörtlichen Wogen, die im Streit hochgehen, können durch gutes Zureden geglättet werden, zerknittertes Papier wird geglättet, Wäsche wird geglättet. Übrigens sagt man in der Schweiz "glätten" statt "bügeln" und "Glätteisen" für "Bügeleisen".

Alles klar?

"Glatt", haben wir gesagt, bedeutet "frei von Unebenheiten". Man könnte auch sagen "frei von Hindernissen" oder "ohne Komplikationen", denn anders sind die folgenden Beispiele nicht zu verstehen. Da haben wir die glatte Landung des Flugzeugs, die glatt vorangehende Arbeit, die Besprechung, die trotz unserer Befürchtungen glatt ausgegangen ist. An diesen Beispielen fällt auf, dass "glatt" in seiner Bedeutung recht ungenau, ja verschwommen sein kann. Da ist es doch mit den derzeit glatten Straßen etwas anderes: Da wissen wir genau, woran wir sind.


Fragen zum Text:

Im Mittelhochdeutschen bedeutete "glatt" auch …

1. klar

2. glänzend

3. wertvoll

Wie nennt man einen Mensch, der sich allem entzieht und unnahbar ist?

1. spiegelglatt

2. geglättet

3. aalglatt

Geht etwas glatt, so …

1. funktioniert es ohne Schwierigkeiten

2. geht es vollkommen schief

3. wird es sehr riskant

Arbeitsauftrag:

Führen Sie die anderen Kursteilnehmer aufs Glatteis: Bilden Sie Gruppen zu mindestens fünf Teilnehmern und besorgen Sie sich pro Gruppe ein (Fremdwörter-)Lexikon oder Wörterbuch. Der Spielleiter, der von Runde zu Runde wechselt, sucht sich nun einen – mutmaßlich unbekannten – Begriff aus und liest ihn vor. Die Mitspieler überlegen sich, was der Begriff bedeuten könnte, und schreiben Ihre Idee auf einen Zettel. Anschließend sammelt der Spielleiter alle Zettel ein und liest in willkürlicher Reihenfolge die Vorschläge inklusive der richtigen Lösung vor. Die Teilnehmer entscheiden sich nun für die Bedeutung, die Ihnen am plausibelsten erscheint. Nachdem der Spielleiter das Rätsel gelüftet hat, erhält jeder Spieler, der die richtige Lösung erraten hatte, einen Punkt. Für jeden Spieler, der sich für eine der falschen Bedeutungen entschieden hatte, bekommt derjenige, von dem dieser Vorschlag stammt, ebenfalls einen Punkt.

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