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Sport

Glückwunsch Brasilien!

Es hatte so ausgesehen, als ob die politischen Proteste in Brasilien die WM überschatten könnten. Aber die Medien unterschätzten die politische Mündigkeit der brasilianischen Fans, meint Astrid Prange.

Fußball und Politik sind zwei Welten. Sie kommen einander gefährlich näher und driften dann doch wieder auseinander. Die WM in Brasilien schien dieses ungeschriebene Gesetz erstmals zu durchbrechen. Nach den Massenprotesten im vergangenen Jahr prognostizierten die Medien ein politisch brisantes Turnier.

Doch der historische Präzedenzfall blieb aus. Brasiliens Bevölkerung hat die politische Geiselhaft der WM erfolgreich abgewehrt und sich für ein friedliches Fußballfest entschieden. Mehr noch: Ihr Patriotismus hat sich als stabilisierendes Element erwiesen.

Der ausgeprägte Stolz der rund 200 Millionen Einwohner schürte nicht die beim Fußball übliche Rivalität zwischen den Nationalmannschaften. Im Gegenteil, er verwandelte nach dem Ausscheiden der "Seleção" sogar viele Brasilianer in Fans der deutschen Nationalelf.

Brasiliens Fans trennen Sport und Politik

Auch die politische Vereinnahmung patriotischer Gefühle scheiterte. Die Fans ließen sich weder von der Fifa noch von ihren Volksvertretern beeindrucken. So begeistert sie dem Fußballmärchen vor den Bildschirmen auch folgten, so nüchtern kehrten sie nach jeder Partie wieder in ihren Alltag zurück.

Die WM taugt nicht als Wahlkampfhelfer – diese Erfahrung machten bereits die ehemaligen brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio da Silva und Fernando Henrique Cardoso. Cardoso zog in den Regierungspalast ein, weil er Erfolge bei der Bekämpfung der Inflation vorweisen konnte, und nicht, weil die "Seleção" 1994 bei der WM in den USA den Titel holte. Als Brasilien 1998 bei der WM im Endspiel gegen Frankreich ausschied, hatte dies ebenfalls keinerlei Einfluss auf seine politische Karriere. Cardoso wurde auch damals aufgrund seiner erfolgreichen Anti-Inflationspolitik erneut im Amt bestätigt.

Auch beim historischen Wahlsieg von Luiz Inácio Lula da Silva 2002 gingen Fußball und Politik getrennte Wege. Gewerkschaftsführer Lula punktete nicht mit dem 2002 gewonnen Pokal, sondern mit einer sozialen Agenda.

Reifeprüfung bestanden

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff versuchte sich im Spagat zwischen den beiden Welten und rutschte dabei aus. Die Buhrufe und Beleidigungen beim Eröffnungsspiel in São Paulo diskreditierte sie als Entgleisungen einer "weißen Elite". Die Kritiker der WM brandmarkte sie als "Nörgler" und "Pessimisten".

Doch die Polarisierung verpuffte. Brasiliens Bevölkerung hat sich während der WM eine Pause von Wahlkampf und Protesten verordnet. Es hat nicht nur die WM bestanden, sondern auch seine demokratische Reifeprüfung.



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