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Deutschland

Glücksfall 9.11. - Zum Mauerfall vor 20 Jahren

Der 9. November 1989 ist nichts weniger als ein Glückstag der deutschen Geschichte – ein Tag, der es verdient, zum Nationalfeiertag gemacht zu werden, meint DW-Chefredakteur Marc Koch.

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Es ist der Tag bewegender Bilder und berührender Bekenntnisse, und natürlich auch der Tag von Pathos und Plattitüden. Vor allem aber ist der 9. November 1989 der alles überstrahlende Glückstag in der jüngeren deutschen und europäischen Geschichte. Er hat nicht nur ein marodes Unrechtssystem zum Einsturz gebracht und ein 40 Jahre lang geteiltes Land wieder zueinander geführt. Der 9. November 1989 ist auch der Tag, an dem die zu Recht jahrzehntelang beschworenen Werte von Einigkeit und Recht und Freiheit für jedermann erlebbar wurden, an dem die offene Gesellschaft sich selbst in einem triumphalen Moment feiern durfte.

Es waren die Bürger, die die Mauer einrissen

Chefredakteur Marc Koch (Foto: DW)

Chefredakteur Marc Koch

Dabei muss auch 20 Jahre danach immer noch an Eines erinnert werden: Es war nicht der Westen, und es waren keine Politiker, die diesen Tag möglich gemacht haben. Es waren die Bürger der DDR, die in den tristen Straßen ihres eingemauerten Staates nichts anderes gefordert haben als ihr gutes Recht. Dass die wochenlangen friedlichen Demonstrationen den Wall aus Beton und Stacheldraht zum Einsturz gebracht haben, ist eine Selbstbestätigung demokratischer Verfassungsgeschichte und der Werte, auf die sie sich stützt. Daran muss heute jeder denken, der den Zustand der deutschen Einheit bemäkelt, über den vermeintlichen wirtschaftlichen Zusammenbruch des Ostens schwadroniert oder sein Recht auf freie und geheime demokratische Wahlen dazu nutzt, seine Stimme an Parteien zu verschenken, die mit einer Wiederkehr sozialistischer Experimente liebäugeln.

Natürlich ist längst nicht alles ideal gelaufen in diesen zwanzig Jahren des Einigungsprozesses: Vorschnelle Versprechungen konnten nicht eingehalten werden. Die Schocktherapie, mit der die soziale Marktwirtschaft in die ökonomische Trümmerlandschaft der ehemaligen DDR gebracht wurde, war für viele Menschen erst einmal nichts anderes als ein schmerzhaftes Erlebnis. Trotzdem gab es zu dieser Entwicklung keine Alternative. Denn schließlich hat sich durch die Revolution in der DDR nicht nur ein Land grundlegend verändert, sondern die komplette Weltordnung.

Ende einer Weltordnung

Am 9. November 1989 endete eine 44 Jahre dauernde Zwischenepoche der Geschichte, die bei aller Bedrohlichkeit des internationalen Ost-West-Konfliktes auch eine Zeit der Bequemlichkeiten war. Dass die Welt heute komplizierter, unüberschaubarer und erklärungsbedürftiger ist als je zuvor, hat auch mit dem Mauerfall zu tun. Deswegen aber den alten Zeiten nachzutrauern, ist nicht nur eine historische Dummheit - es ist auch eine Beleidigung all derer, die aktiv dafür gesorgt haben, dass dieser 9. November 1989 möglich wurde.

Jedes Regime kann zusammenbrechen

20 Jahre danach ist es sicher noch zu früh für eine wirkliche gesamtdeutsche Wahrnehmung dieses Ereignisses. Vielleicht auch deswegen fehlen den unzähligen Gedenkveranstaltungen, Kommentaren und Dokumentationen oftmals zwei ganz entscheidende Elemente: Die Freude und der Stolz auf diesen einen, dramatischen, unwiderbringlichen Moment, in dem Menschen aus Ost und West sich weinend vor Rührung und Fassungslosigkeit in den Armen lagen - lange, bevor sich Politik und Wirtschaft des Einigungsprozesses bemächtigten. Dieser 9. November 1989, der so unverhofft über ein Land kam, zeigt bis heute, dass jedes noch so ausgeklügelte Unterdrückungssystem zusammenbrechen kann - auch in Kuba, auch im Iran, auch in Nordkorea. Deswegen ist dieser Tag nicht nur für Deutschland ein Glückstag. Es wäre ein politisch wichtiges und historisch richtiges Signal, ihn endlich zum Nationalfeiertag der Deutschen zu machen.

Autor: Marc Koch
Redaktion: Martin Muno