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Deutschland

Glückliche Migranten

Migranten, die gut Deutsch sprechen, sind besonders zufrieden mit ihrem Leben. Das ergab der "Glücksatlas 2013". Doch Experten wollen den Ergebnissen nicht recht trauen.

Glück, was ist das eigentlich? Und wie erreiche ich es? Fragen, die auch die Wissenschaft umtreibt. Die versteht unter Glück in der Regel die Lebenszufriedenheit, die jemand empfindet. Und die lässt sich messen. Genau das haben Forscher für den "Glücksatlas 2013" getan. Sie haben im Auftrag der Deutschen Post gemessen, wie glücklich die Menschen in Deutschland sind. Dabei ging es ihnen besonders um die Migranten in Deutschland. Die Ergebnisse überraschen.

Menschen mit einem Migrationshintergrund sind recht zufrieden mit ihrem Leben in Deutschland. Ihre Zufriedenheit ist kaum schlechter als die des Durchschnitts. Besonders zufrieden sind nach dieser Untersuchung jene, die Deutsch gut beherrschen. Sie sind in der Regel sogar überdurchschnittlich zufrieden. 49 Prozent der befragten Migranten schätzt zudem die eigene wirtschaftliche Situation gut bis sehr gut ein - von den Deutschen sind es nur 45 Prozent.

Wenn Migration glücklich macht

Arif Ünal, vorsitzender des Integrationsrates im Landtag NRW Bildrechte: Landtag NRW, Düsseldorf , Bernd Schälte. Eingestellt: 11.4.2013

Arif Ünal: "Migration kann eine gesundheitspräventive Maßnahme sein"

Den Grünen-Politiker Arif Ünal wundern diese guten Ergebnisse nicht: "Migration kann eine gesundheitspräventive Maßnahme sein. Das hängt davon ab, welche Motivation Menschen haben, auszuwandern, und unter welchen Umständen sie einwandern. Für viele ist Migration eine lebensrettende Maßnahme, die daher glücklich macht." Ünal stammt aus dem türkischen Korkmaz und ist heute Leiter des Sozialpsychiatrischen Kompetenzzentrums Migration, welches die psychiatrische Gesundheitsversorgung von Migranten in Köln verbessern will. Außerdem ist er Abgeordneter im Landtag in Nordrhein-Westfalen und Integrationsexperte seiner Fraktion.

Ähnlich sieht es der Glücksforscher Jan Delhey: "Für viele ist das Leben in Deutschland immer noch besser als in den Herkunftsländern." In Deutschland konzentriere man sich immer gerne auf die Probleme, die Migranten haben, wie zum Beispiel Diskriminierung. Dabei übersehe man, dass es vielen gut geht.

Diskriminierung kann aber auch ein Faktor sein, der die Lebenszufriedenheit senkt, wie der "Glücksatlas 2013" belegt. Etwas mehr als die Hälfte aller befragten Migranten gab an, dass sie sich schon aufgrund ihrer Herkunft ungerecht behandelt gefühlt hätten. Mit diesem Problem haben laut der Studie insbesondere Menschen aus der Türkei zu kämpfen.

Glücksformel: Haben, Lieben, Sein

Glücksforscher Jan Delhey lehrt an der Jacobs University Bremen. Bildrechte: Jan Delhey

Glücksforscher Jan Delhey lehrt an der Jacobs University Bremen

Ob jemand mit seinem Leben zufrieden ist oder nicht, kann man sich nicht einfach aussuchen, sagt Glücksforscher Delhey, der Soziologie an der Jacobs University in Bremen lehrt: "Das stellt sich ein, wenn die Bedingungen für ein gutes Leben da sind." Delhey bringt diese mit einer prägnanten Formel auf den Punkt: "Haben Lieben und Sein." Das Haben stehe für die materiellen Bedürfnisse des Menschen, also für Einkommen und Lebensstandard. Das Lieben umfasse die sozialen Beziehungen. "Und das Sein beinhaltet, was wir mit dem Leben so anfangen. Menschen, die sehr aktiv sind und etwas haben, für das sie sich richtig interessieren, sind in der Regel mit ihrem Leben sehr zufrieden."

Mit einem Ergebnis des "Glücksatlas" hadern die Experten Ünal und Delhey: So sind unter den befragten Migranten jene glücklicher, die in Deutschland geboren sind. Die Lebenszufriedenheit derer, die selbst eingewandert sind, ist hingegen niedriger.

"Es gibt Studien, die genau einen umgekehrten Effekt belegen, nämlich, dass die erste Generation von Einwanderern zufriedener ist als die Zweite. Und das, obwohl die zweite Generation oft besser integriert ist. Die Ergebnisse der Deutschen Post gehören zu den wenigen, die davon abweichen", erklärt Delhey seine Verwunderung über das Ergebnis des "Glücksatlas".

Erste Generation von Migranten hat weniger Ansprüche

Warum die erste Generation in anderen Studien meist die glücklicherer ist, erklärt Delhey so: "Die erste Generation, die direkt zugewandert ist, kommt in der Regel aus ärmeren Ländern mit schlechteren Lebensbedingungen. Wenn diese nach Deutschland kommen, spüren sie, wie sich ihr Lebensstandard dadurch verbessert hat." Das äußere sich dann in einer höheren Lebenszufriedenheit, unabhängig davon, ob diese Menschen gut integriert sind oder nicht. "Die zweite Generation, die hier geboren wurde, vergleicht sich kaum noch mit den Lebensbedingungen der Länder, aus denen ihre Eltern kamen. Sie fokussieren sich stärker auf ihre eigene Stellung in der deutschen Gesellschaft." Und deswegen habe man bei Untersuchungen oft den auf den ersten Blick erstaunlichen Befund, dass die zweite Generation - obwohl stärker integriert - weniger zufrieden ist mit ihrem Leben als ihre Elterngeneration, erläutert der Glücksforscher.

Der Grünen-Politiker Ünal kann diese Forschungsergebnisse mit seiner eigenen Erfahrung untermauern: "Nehmen wir die ersten Gastarbeiter aus der Türkei. Ihr Ziel war arbeiten, Geld verdienen und ein bisschen sparen, um dann eventuell in der Heimat ein Häuschen zu kaufen." Als sie diese Ziele erreicht hatten, waren sie natürlich zufrieden. Höhere Ansprüche hätten sie nicht gehabt.

Warum ein aktives Leben zufriedener macht

Aber egal, ob erste oder zweite Generation: Aus Ünals Sicht haben viele Migranten in Deutschland einen kleinen Vorteil in Sachen Zufriedenheit. Und der hat überhaupt nichts zu tun mit Bildung oder Karriere: "Besonders bei Familien aus Südeuropa spielt der Familienzusammenhalt eine sehr große Rolle. Das kann bei vielen Migranten eine große, positive Rolle spielen."

Egal wie gut eine Studie gemacht ist, sie kann nichts darüber aussagen, wie glücklich der Einzelne mit seinem Leben ist. Glücksforscher Jan Delhey hat daher zwei gute Ratschläge für alle, die noch ein bisschen glücklicher werden wollen: Möglichst viel Zeit mit anderen Menschen verbringen und aktiv sein. "Nicht viel Zuhause fernsehen und Chips dabei essen. Besser aktiv sein, ein Hobby zu haben und Sport zu treiben."

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