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Kultur

"Glück ist trainierbar"

Glück kann auch in der Einsamkeit liegen, meint der Philosoph und Journalist Ulf Poschardt. Mit seinem neuen Buch möchte er dem Bild des unglücklichen Singles widersprechen.

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Ulf Poschardt will Einsamkeit enttabuisieren

DW-WORLD.DE: Was ist für Sie Glück?

Ulf Poschardt: Glück ist der Versuch, seinem Leben beim Gelingen habhaft zu werden. Glück ist trainierbar: aus Erfahrung und Instinkt, Reflexion und emotionaler Balance kann jeder Mensch für sich die richtige Harmonie finden. Glück ist ein dynamisches Konzept: es ist ebenso schnell erkämpft wie verflogen. Glücklich sein zu wollen, fordert den Menschen. Es ist kein Geschenk des Himmels.

Die Glücksforschung sucht hauptsächlich im Bereich der Soziologie, Psychologie und der Wirtschaftswissenschaften nach Wegen, menschliches Glück zu erklären und zu verbessern. Können Sie Ihr Buch in einen solchen Kontext einordnen?

Buchcover: Einsamkeit, Ulf Poschard

Einsamkeit. Die Entdeckung eines Lebensgefühls.

Eigentlich nicht. Mein Buch will die zwischenmenschliche Dimension von Glücks- wie Unglücksmomenten beschreiben. Der konstruktive Ansatz des Buches versucht, die Traumatisierung der Einsamkeit als Teil seiner mitunter verheerenden Wirkung zu erklären. Indem mein Buch der Einsamkeit ihren schlechten Ruf raubt, eröffnet es neue Chancen. Zudem appelliert es an den unglücklich Einsamen, nicht in Trauer und Selbstmitleid zu versinken, sondern Momente der Einsamkeit als Chance und Glücksfall zu begreifen.

Sie unterscheiden in Ihrem Buch zwischen Einsamkeit bei Frauen und Einsamkeit bei Männern. Gibt es Ihrer Meinung nach tatsächlich Geschlechtsunterschiede im Gefühl der Einsamkeit?

Die gibt es. Das ist auch wissenschaftlich bewiesen. Die Rollenbilder für Männer, was Einsamkeit betrifft, sind vielfältiger, heroischer, selbstverständlicher. Einsame Frauen sind noch ein Kuriosum, auch wenn TV-Serien wie "Sex & the City" und Filme wie "Bridget Jones" dies ändern. Das Emanzipationspotenzial ist bei einsamen Frauen noch sehr groß. Ebenso das Lernpotenzial bei vielen Männern, einsame Frauen im Restaurant, am Strand oder in der Bar nicht als Freiwild für ihrer Casanova-Attacken misszuverstehen.

Die Menschen in Ihrem Buch sind reich, schön und erfolgreich. Ist die Fähigkeit, ein positives Gefühl der Einsamkeit zu erreichen, universal oder durch gesellschaftlichen Status begünstigt?

Das stimmt nicht. Mein Buch versucht lediglich deutlich zu machen, dass Schönheit und Wohlstand nicht vor Einsamkeit schützen. Es macht deutlich, dass die Pflicht, an sich im Sozialen zu arbeiten, weder durch eine gute Figur, noch einen reichen Mann oder einen lukrativen Job aufgehoben wird. In dem Buch gibt es aber auch jede Menge Studenten, klassische Mittelschicht und Normalos.

Am Ende Ihres Buches heißt es: "Die Unmöglichkeit Liebe zu finden, ist die einzige Entschuldigung für Einsamkeit." Wenn es nun aber jemandem wirklich unmöglich ist, die Liebe zu finden, kann die Einsamkeit dann dennoch ein Lebensgefühl sein, das ein Leben lang beglückend ist?

Das will ich nicht ausschließen. Jeder muss nach seiner

Fasson glücklich werden. Mir ging es am Ende nur darum, die Einsamkeit nicht als Lösung aller sozialen Probleme zu überhöhen. Das wäre eine billige Lösung. Weit verbreiteter Autismus führt eine Gesellschaft in den Untergang.

Auf das oben genannte Zitat bezogen: Ist Einsamkeit etwas, wofür sich der Mensch entschuldigen muss? Gerade in einer Zeit, in der jüngeren Menschen Bindungs- und Kinderlosigkeit vorgeworfen wird?

Niemand muss sich entschuldigen. Dieses Buch verhindert Stigmatisierung. Der Einsame kann ein künftiger, glücklicher Familienvater sein. Die ewig Einsame eine hervorragende Mutter und Patentante.

Was ist für Sie der perfekte Moment der Einsamkeit?

Oben auf dem Berg, wenn es kalt ist und hell und klar und die Sonne eine unverspurte Piste beleuchtet. Und nur das Pfeifen des Windes zu hören ist. Dann könnte ich vor Glück jubeln und gleichzeitig ist die Verlassenheit existenziell.

Ulf Poschardt ist Journalist und promovierter Philosoph. Er war Chefredakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung, Mitglied der Chefredaktion der Welt am Sonntag und entwickelt zurzeit ein neues Magazin. Seine Dissertation "DJ-Culture" war ein großer Erfolg, der von den Veröffentlichungen "Cool" und "Über Sportwagen" gefolgt wurde. Sein aktuelles Buch: Einsamkeit. Die Entdeckung eines Lebensgefühls. München: Kabel Verlag, 2006.

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