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Europa

Glück ist relativ

Der Moskauer Wohnungsmarkt ist paradox: Die meisten Wohnblöcke sind alt, ziemlich hässlich und sehen irgendwie alle gleich aus. Trotzdem gehört der Wohnraum in der russischen Hauptstadt zum teuersten der Welt.

Fernschreiber Moskau

"Und, hast du eine Wohnung gefunden?" Keine Frage habe ich in den ersten Tagen, in denen ich in Moskau bin, öfter gehört als diese. Fast alle Menschen, die ich kennenlerne, fragen das. Daran schließt sich meist die Frage nach dem Preis an, und dann kriege ich zu hören, wie viel Glück ich doch gehabt hätte. Dabei zahle ich 300 Euro für ein kleines Zimmer am Rande der Stadt. Toilette, Küche und Bad teile ich mit einem Ehepaar, das mir das Zimmer vermietet. Die Wohnungsfrage ist eine gute Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen. Und ein Problem, das viele Menschen in der russischen Hauptstadt umtreibt, denn die Wohnungspreise sind immens. Ein Quadratmeter kostet im Durchschnitt 4200 US-Dollar - weltweit sind nur Monacco und London teurer.

Die Wohnungslotterie

Skyline Moskau (Quelle: DW)

Skyline Moskau

Ach, Wohnungsbesitzer in Moskau müsste man sein. Immer wieder höre ich solche Geschichten: Rentner xy hat seine Wohnung in Moskau verkauft und ist in die Türkei ausgewandert. Dort hat er zwei Häuser gekauft, das eine zum Wohnen, das andere zum Vermieten - ein süßes Aussteigerleben wie bei Lottomillionären. Und tatsächlich: Oft hat der Besitz einer Wohnung in Moskau mehr mit Glück zu tun denn mit Arbeit oder Erfolg. Denn viele, die wenig Platz zum Wohnen haben (weniger als zehn Quadratmeter pro Person) können sich beim lokalen Amt für Wohnraum in eine Liste eintragen und bekommen nach einiger Zeit eine Wohnung zugewiesen. Klar, das kann lange dauern. Aber Geduld zahlt sich aus. Eine Bekannte von mir hat zwanzig Jahre auf eine Wohnung gewartet - selbst die Trabbis in Ostdeutschland wurden schneller geliefert -, aber eines glücklichen Tages bekamen sie und ihr Mann mir nichts dir nichts eine Zwei-Zimmer-Wohnung nicht weit vom Stadtzentrum. Jetzt träumen auch sie von türkischen Stränden.

Die Immobilienkrise

Leben in Moskau (Quelle: RIA Novosti)

Leben in Moskau

Bereits seit einem Jahrzehnt wachsen die Preise für Moskauer Immobilien. Doch die Finanzkrise hat diesem Trend ein Ende gesetzt. Analysten von Real Estate Markets prognostizieren, dass die Immobilienpreise in diesem Jahr sinken werden. Auch werden immer weniger Immobilien verkauft. Im Dezember meldete die Tageszeitung "Kommersant", dass seit November 2008 jeden Monat zehnmal weniger Neubauwohnungen verkauft wurden als vor der Krise. Auf dem Neubaumarkt bestünde zu wenig Nachfrage, deswegen sind Preisnachlässe von fünf bis 15 Prozent die Regel. Bei Büroflächen sind die Nachlässe noch höher. Eine besondere Rabatt-Aktion hat sich ein Anbieter von Luxusvillen im Moskauer Umland einfallen lassen. Zu jedem Einfamilienhaus gibt es eine Einzimmer-Wohnung in einem nahe gelegenen Wohnblock gratis dazu. Das Umsonstzimmer hätte ich wohl genommen, leider kann ich mir (noch) keine Villa leisten.

Aber so langsam begreife ich, warum man meine Wohnsituation als glücklich bezeichnen kann. Schließlich zahlen andere für eine Ein-Zimmer-Wohnung fast doppelt so viel, trotz Krise. Glück ist in Moskau eben relativ.