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Kultur

Gläubige Wortakrobaten im friedlichen Wettstreit

Beim interreligiösen Poetry Slam treten in Berlin Muslime, Juden und Christen mit ihren Texten gegeneinander an. In ihren Vorträgen geben sie einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt junger gläubiger Menschen.

"Muslimische Transvestiten haben es leicht", seufzt Rabbi Walter Rothschild aus dem Scheinwerferlicht von der Bühne herunter. "Einfach eine Burka drüber. Das war's!"

Die rund 300 Zuschauer in der Berliner Universal Hall kichern verhalten. Das mag an der Qualität des Witzes liegen oder daran, dass das Publikum des 2. Interreligiösen Poetry Slam mehrheitlich aus Muslimen besteht.

"Als Jude in Deutschland braucht man heutzutage eine dicke Haut, nicht unbedingt eine lange", legt der 59-jährige Rabbiner nach, spielt nebenbei auf die Beschneidungsdebatte in Deutschland an und erntet dafür nun auch von den Muslimen Gelächter. Der Dialog zwischen den Konfessionen kann so einfach sein.

Und genau darum geht es den beiden Erfindern des interreligiösen Poetry Slam, dem 26-jährigen Younes Al-Amayra und dem 23-jährigen Youssef Adlah: mit einem friedlichen Dichterwettbewerb wollen die beiden Muslime jungen, religiösen Menschen eine Stimme geben, zeigen, dass auch Gläubige ganz normale Menschen sind, und somit das Verständnis füreinander erweitern.

Dichterwettstreit als Dialog zwischen den Religionen

Angaben für Bild 1 Bildunterschrift (im Artikel sichtbar): Poetry Slammer und Entertainer: der Deutsch-Syrer Youssef Adlah Titel: Bild 1 Youssef Adlah Schlagworte: Mitbegründer des interreligiösen Poetry Slam Wer hat das Bild gemacht/Fotograf? Arne List Wann wurde das Bild gemacht? 16.8.2013 Wo wurde das Bild aufgenommen? Universal Hall, Gotzkowskystraße, Berlin Bildbeschreibung: Bei welcher Gelegenheit / in welcher Situation wurde das Bild aufgenommen? Wer oder was ist auf dem Bild zu sehen? Interreligiöser Poetry Slam

Der Deutsch-Syrer Youssef Adlah in Aktion

"Unser Hauptziel ist es, dass wir in Dialog treten, wir als Muslime mit der Mehrheitsgesellschaft, mit Andersdenkenden und mit Andersgläubigen, damit wir sie kennenlernen und sie uns kennenlernen", sagt Youssef Adlah, der aus Syrien stammt. Er leitet den Abend mit einem selbstverfassten Gedicht über seine Kindheitserinnerungen an sein mittlerweile von Krieg zerrissenes Heimatland ein, spricht von den engen Gassen, vom Bazar seiner Geburtsstadt Aleppo, von den Nachbarskindern: "Wo einst ein Brunnen stand und Wasser sprang, klingt nichts mehr als der schrille Klang des Todes, das Pfeifen von Granaten und Gewehrrattern. Der Wind weht nicht, die Blätter sind keine mehr und die Kinder rennen nicht, sie zittern."

Angaben für Bild 3 Bildunterschrift (im Artikel sichtbar): Poetry Slammer und Wortakrobat Sami el-Ali Titel: Bild 3 Sami el-Ali Schlagworte: Poetry Slammer Wer hat das Bild gemacht/Fotograf? Arne List Wann wurde das Bild gemacht? 16.8.2013 Wo wurde das Bild aufgenommen? Universal Hall, Gotzkowskystraße, Berlin Bildbeschreibung: Bei welcher Gelegenheit / in welcher Situation wurde das Bild aufgenommen? Wer oder was ist auf dem Bild zu sehen? Interreligiöser Poetry Slam

Sami el-Ali, Wortakrobat im besten Sinne

Totenstill ist es für einen Moment im Publikum, Adlah kämpft mit den Tränen, doch das ist das besondere dieses Poetry Slam - die vorgetragenen Texte sind vielfältig und können alles sein: ernsthaft und tiefgründig, gefühlvoll, witzig, engagiert, aber immer wieder auch sehr humorvoll, wie etwa der Auftritt von Sami el-Ali aus Berlin beweist. Der 22 Jahre alte Student der Wirtschaftsinformatik hat sich bereits mit teils dadaistischen Nonsenstexten eine Fangemeinde erobert und im vergangenen Juni den bundesweiten, rein muslimischen Dichterwettbewerb „I,Slam“ gewonnen. Diesmal geht es bei ihm um die Drogenproblematik, die für ihn aber auch irgendwas mit der Sarrazin-Debatte zu tun hat.

Junge Muslime, Juden und Christen auf einer Bühne

Mit seinen teils gewagten Wortspielereien hat er die Sympathien an diesem Abend auf seiner Seite, an dem hintereinander drei junge Muslime, drei Juden und zwei Christen mit ihren Texten gegeneinander antreten. Am Ende entscheidet das Publikum per Applaus oder geheimer Abstimmung, wer den friedlichen Wettbewerb gewinnt. Dabei geht es nicht um die Unterschiede zwischen den Religionen, sondern um deren Gemeinsamkeiten.

Angaben für Bild 5 Bildunterschrift (im Artikel sichtbar): Der Berliner Jurastudent Mike Delberg slammte über die Diskriminierung von Minderheiten Titel: Bild 5 Mike Delberg 2 Schlagworte: Poetry Slam Wer hat das Bild gemacht/Fotograf? Arne List Wann wurde das Bild gemacht? 16.8.2013 Wo wurde das Bild aufgenommen? Universal Hall, Gotzkowskystraße, Berlin Bildbeschreibung: Bei welcher Gelegenheit / in welcher Situation wurde das Bild aufgenommen? Wer oder was ist auf dem Bild zu sehen? Interreligiöser Poetry Slam

Slammt über Diskriminierung: Jurastudent Mike Delberg

Als Mike Delberg aus Berlin die Bühne betritt, wird es wieder ernsthafter. Er dichtet über die alltägliche Gefahr der Diskriminierung von Minderheiten, ganz gleich, ob sie nun jüdischen Glaubens, Türken oder Homosexuelle sind.

Angaben für Bild 6 Bildunterschrift (im Artikel sichtbar): Die 19-jährige Theologiestudentin „Fee“ aus München Titel: Bild 6 Slammerin Fee Schlagworte: Wer hat das Bild gemacht/Fotograf? Arne List Wann wurde das Bild gemacht? 16.8.2013 Wo wurde das Bild aufgenommen? Universal Hall, Gotzkowskystraße, Berlin Bildbeschreibung: Bei welcher Gelegenheit / in welcher Situation wurde das Bild aufgenommen? Wer oder was ist auf dem Bild zu sehen? Interreligiöser Poetry Slam

Slammerin Fee geht unter die Haut

Auch eine Slammerin aus dem christlichen Team fasst mit ihrem Text „So einfach ist es eben nicht“ ein - gerade bei Gläubigen - heißes Eisen an. Die 19-jährige Münchnerin mit dem Künstlernamen Fee beschreibt in einem beklemmenden Vortrag die Gewissenszwänge einer jungen Frau, die sich nach einer Vergewaltigung und ungewollten Schwangerschaft für eine Abtreibung entscheidet.

Wahrlich ein Text, der geistig nur schwer zu "verdauen" ist. Dennoch: das Publikum lauscht gebannt und ist beeindruckt. Es wählt Fee für ihren mutigen Vortrag ins Finale.

Angaben für Bild 13 Bildunterschrift (im Artikel sichtbar): Gebannte Zuhörer beim Interreligiösen Poetry Slam Titel: Bild 12, Zuhörer beim Poetry Slam Schlagworte: Publikum, Poetry Slam Wer hat das Bild gemacht/Fotograf? Arne List Wann wurde das Bild gemacht? 16.8.2013 Wo wurde das Bild aufgenommen? Universal Hall, Gotzkowskystraße, Berlin Bildbeschreibung: Bei welcher Gelegenheit / in welcher Situation wurde das Bild aufgenommen? Wer oder was ist auf dem Bild zu sehen? Interreligiöser Poetry Slam

Ganz bei der Sache - große und kleine Zuhörer beim Interreligiösen Poetry Slam

Jungen Gläubigen eine Stimme geben

Maßgeblich unterstützt wird der interreligiöse Poetry Slam, wie auch der regelmäßig stattfindende rein muslimische „I,Slam“, durch die Initiative „Jung, muslimisch, aktiv“, (JUMA), die von der Berliner Innenverwaltung ins Leben gerufen wurde und eine Plattform für junge Gläubige bieten will. Aber ist das überhaupt notwendig?

"Ich glaube, dass wir in Deutschland, in Berlin vor allem, ein Problem mit Religiosität an sich haben", meint Sawsan Chebli von der Innenverwaltung, selbst gläubige Muslimin. "Religiöse Menschen haben es schwer, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, weil Religion oft als etwas rückwärts gewandtes und unmodernes empfunden wird."

Gerade Muslime würden oft mit Gewaltbereitschaft und einer Ablehnung demokratischer Werte in Verbindung gebracht. Mit Veranstaltungen wie dem interreligiösen Poetry Slam soll ein anderes Bild junger, religiöser Menschen in Deutschland vermittelt werden, sagt Chebli.

Angaben für Bild 9 Bildunterschrift (im Artikel sichtbar): Sawsan Chebli (links) vom Berliner Innensenat unterstützt das Projekt Titel: Bild 9, Sawsan Chebli Schlagworte: Sawsan Chebli, Youssef Adlah, Poetry Slam Wer hat das Bild gemacht/Fotograf? Arne List Wann wurde das Bild gemacht? 16.8.2013 Wo wurde das Bild aufgenommen? Universal Hall, Gotzkowskystraße, Berlin Bildbeschreibung: Bei welcher Gelegenheit / in welcher Situation wurde das Bild aufgenommen? Wer oder was ist auf dem Bild zu sehen? Interreligiöser Poetry Slam

Sawsan Chebli (li.) im Gespräch

Da draußen gebe es so viele talentierte Muslime, Juden und Christen, die keine Plattform hätten, deren Stimme nicht gehört werde, so Chebli. Deshalb wolle die Initiative JUMA "jungen Menschen, die keine Profis sind, die aber alle eine Stimme haben, die gehört werden sollte, die sich politisch, gesellschaftlich engagieren möchten und einen Beitrag leisten wollen zum friedlichen Zusammenhalt in der Gesellschaft, eine Plattform und Bühne geben."

Dass dies gelingen kann, beweisen die Zuschauerreaktionen. Der Berliner Hans Komorowski, der noch nie zuvor einen Poetry Slam gesehen hatte, sagt: "

"Dass junge Menschen aus verschiedenen Religionen einfach zusammenkommen, so einen Abend bestreiten, gemeinsam Spaß haben, gemeinsam nachdenken, gemeinsam auch berührt sind und sich freuen und dadurch auch Vorurteile abbauen und die andere Religion besser kennenlernen , das ist das Allerwichtigste. "

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