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Gipfelerlebnis der besonderen Art

Schlafende Jünger und göttlicher Glanz: Dominikanerpater Bernhard Kohl sieht in der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor einen Verweis auf die permanente Ambivalenz menschlichen Lebens. Ein Beitrag der katholischen Kirche.

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Gipfelerlebnis: Der Blick von einem Berg kann Klarheit bringen oder Angst vor einem Absturz Machen. Foto: Cristina Gottardi/stocksnap.io [Creative Commons CC0 1.0]

Berge können archaisch anmutende Zeichen sein – durchaus ambivalente Zeichen. Positiv betrachtet, stehen sie für Gipfelerlebnisse im Leben, für das Glück, für den Überblick, für die Klarheit, die ein Blick von einem Berg eröffnet. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die kaum zu erklimmenden Berge, das beinahe unüberwindliche Massiv, an dem nur ein Absturz möglich scheint.

In den biblischen Lesungen der österlichen Bußzeit spielt ein Berg am Ostrand der Jesreel-Ebene in Galiläa, der Tabor, eine wichtige Rolle (Mt 17,1-9/Lk 9,28-36). Jesus besteigt diesen Berg mit Petrus, Jakobus und Johannes. Oben haben sie ein Gipfelerlebnis der besonderen Art. Sie dürfen den Glanz Gottes direkt erleben und erfahren. Es ist eine beeindruckende, eine imposante und beinahe magisch wirkende Erzählung. Jesus erstrahlt vor ihren Augen in hellem Licht. Es scheint fast natürlich, dass Petrus als frommer Mensch auf dem Berg bleiben und Behausungen bauen möchte. Die Frage ist nun, warum die Evangelisten Lukas und Matthäus dieses Ereignis berichten? Was hat ein späterer Leser, was habe ich von Gipfelerlebnissen anderer?

Was erlebten die Apostel auf dem Tabor?

Noch einmal zurück zu Petrus, Jakobus und Johannes: Was erlebten sie auf dem Tabor? Der Evangelist Lukas erzählt, dass sie auf dem Berg eingeschlafen waren. Vielleicht meint das im übertragenen Sinne, dass sie nicht mehr offen, nicht mehr wachsam für das waren, was ihnen Glück, Überblick und Klarheit bringen konnte. Sie hielten nicht mehr nach dem Ausschau, was Licht in ihre Situation bringen konnte. Denn eines kann man getrost konstatieren: Die Jünger kamen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mit Jesus klar. Sein Weg der Gewaltlosigkeit, der Liebe schien sie alle in eine ausweglos erscheinende Lage zu manövrieren. Sie wollten einen starken Mann, einen, der mal so richtig reinhaut. Stattdessen kündigt er nun sogar sein Leiden und seinen Tod an. Die Jünger erwarteten sich nichts mehr von dem Weg auf den Berg Tabor: Sie flüchteten sich in den Schlaf, vor Erschöpfung und vielleicht auch vor Kummer.

Dann kommt der Moment in dem Jesus in neuem Glanz, in dem alles in einem neuen Licht erstrahlt. Eine Klarheit so groß, dass in der Tradition eine „Verklärung“ daraus wird – eine „transfiguratio“ auf Lateinisch oder eine „metamorphosis“ im Altgriechischen – eine Umgestaltung. Vermutlich war es weniger Jesus, der umgestaltet wurde, als vielmehr die Jünger auf dem Berg, als sie zu ahnen begannen: In diesem Jesus ist wirklich Gott am Werk. Er wird uns retten. Er ist der verheißene Messias. Mit dieser Erfahrung fühlen sie sich sicherer. Und damit dies so bleibt, wollen sie sich absichern, indem sie, wiederum sinnbildhaft gesprochen, drei Hütten bauen. Ihre Seligkeit soll ihnen nicht wieder genommen werden. Dieses Verlangen scheint zumindest menschlich. Allerdings unterlagen sie einer fatalen Fehleinschätzung. Sie meinten den anderen Berg, der noch vor ihnen lag, überspringen zu können: den Ölberg und letztendlich Golgota.

Tabor und Golgota – Bilder einer inneren Ambivalenz

Als Jesus am Ölberg – völlig anders als bei seiner Verklärung – Todesangst überfällt, flüchten sich dieselben drei Jünger wiederum in den Schlaf. Eine nicht zufällige Parallele in beiden Ereignissen. Als sie dann aufwachen, sehen sie jedoch keinen verklärten, sondern einen niedergeschlagenen Jesus. Im weiteren Schicksal Jesu und ihrem eigenen wird ihnen allmählich aufgehen: den Berg Tabor – dann einmal in einem nie mehr erlöschenden Licht – wird es vermutlich niemals geben, ohne dass es vorher Golgota gegeben hat. Die Berge Tabor und Golgota sind aus der Sicht des Glaubens innere Bilder für die Ambivalenz menschlichen Lebens. Sie stehen für die Spannung von Hoffnung und Angst, Glück und Leid, Leben und Tod, die in irgendeiner Form jeder Mensch in sich erlebt. Manche Menschen vielleicht nicht so hart, wie es Jesus und seine Jünger getroffen hat. Andere vielleicht wesentlich härter.

Hier kann dann auch der Sinn der Erzählung fremder Gipfelerlebnisse durch die Evangelisten liegen: Vielleicht kommt in meinem Leben noch einiges auf mich zu, mit dem ich nur schwer fertigwerde. Und ganz sicher wartet am Ende der Tod auf geliebte Menschen und auf mich selber. Dennoch wird es bis dahin sicher immer wieder auch strahlende Lichtmomente in meinem Leben geben. In dem Maße, in dem ich mich dafür offenhalte, kann ich Hoffnung schöpfen für den Weg, der vor mir liegt. Gott, das ist der Ausblick an Ostern, ist einer, der Tabor und Golgota kennt – mit klarer Präferenz für Gipfelerlebnisse.

Bernhard Kohl OP, Dr. theol., ist Dominikaner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts M.-Dominique Chenu in Berlin und derzeit Visiting Scholar am Dominican Institute of Toronto.