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Globale Zusammenarbeit

"Gipfel der Völker" in Rio de Janeiro

Wenige Tage vor dem Nachhaltigkeitsgipfel der Vereinten Nationen hat in Rio de Janeiro der alternative "Gipfel der Völker" begonnen. Teilnehmer aus 50 Staaten nehmen teil. Sie kritisieren den Rio+20-Gipfel.

Eine Frau arbeitet im Gewächshaus (Foto: FAO/Joan Manuel Baliellas)

Grüne Ökonomie als Ausweg aus der Umweltkrise?

So kontrastreich wie die Stadt am Zuckerhut selbst, so unterschiedlich sind die beiden Nachhaltigkeitsgipfel, die in diesem Monat in Rio de Janeiro stattfinden: Zum "Cúpula dos Povos" (zu deutsch: "Gipfel der Völker") werden vom 15. bis 23. Juni rund 30.000 Teilnehmer erwartet. Sie sind Vertreter von Verbänden indigener Völker, von Anwalts- und Psychologenvereinen, Vertreter von Slum-Bewohnern und von Organisationen gegen Atomkraft.

"Es handelt sich um eine sehr breite Koalition aus großen Verbänden von Gewerkschaften, Landarbeitern, Bürgerbewegungen und Nicht-Regierungsorganisationen", sagt Dawid Bartelt von der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio de Janeiro. Anders als die Politiker, Diplomaten und Wirtschaftsvertreter bei dem Rio+20 Gipfel werden sie nicht in teuren Hotels der brasilianischen Jet-Set-Metropole residieren. Sie schlafen in Schulen, in Umkleidekabinen des Karnevalsstadions "Sambódromo" und in Zelten auf dem Campus einer Universität.

Die zivilen Organisationen sind aus 50 Ländern nach Rio angereist, um ihrer Skepsis gegen die UNO Ausdruck zu verleihen. Sie argumentieren, dass ein Ausweg aus der Umweltkrise notwendigerweise das erfordere, was sie "sozio-ambientale Gerechtigkeit" nennen, also den Respekt vor den Rechten traditioneller Völker.

Vorwurf der Wirtschaftshörigkeit

Ein Mann arbeitet im Wald (Foto: DW)

Waldnutzung ohne Raubbau

Ihr Vorwurf: Die Umweltpolitik der Vereinten Nationen biedere sich bei den Märkten an; die Wirtschaft lege die Richtlinien fest. Sie verwandle die Natur in ein Kontor für handelbare Wirtschaftsgüter. Genau das fördere die UNO nämlich, wenn sie die entwickelten Länder von ihrer Pflicht befreie, ihr Verhaltensmodell zu ändern, das auf Konsum und Verschwendung beruhe. So fasst Pedro Ivo Batista, einer der Organisatoren des Völkergipfels, die Kritik der Teilnehmer des alternativen Gipfels zusammen.

Brasilien selbst gehe mit schlechten Beispiel voran: Die großen Wasserkraftwerke im Amazonasgebiet, die schnelle Erteilung von Bergbau-Genehmigungen in indigenen Gebieten, eine zweifelhafte Nuklearpolitik und eine Aufweichung der Umweltgesetzgebung belasteten das Image des Gastgebers, meinen die Organisatoren der "Cúpula dos Povos".

Noch zweifelhafter sei die Glaubwürdigkeit der reichen Länder. "Als - zumindest historisch gesehen - größte Umweltverschmutzer überhaupt müssten sie die ersten sein, die Veränderungen vorschlagen", kritisiert Pedro Ivo Batista. Stattdessen erstarrten sie in Angst vor einer Wirtschaftskrise.

"Die großen Unternehmen nutzen die momentane Krise, um ausschließlich ökonomische Lösungen durchzusetzen. Dabei geht die Komplexität der Thematik weit über die Wirtschaft hinaus", sagt Batista.

Zeichen aus der Wirtschaft

Logo des Gipfel der Völker (Logo: Cúpula dos Povos)

Logo des "Gipfels der Völker"

Die Internationale Handelskammer reagierte auf diese Vorwürfe: Sie organisiert im Rahmen von Rio+20 ein Vortrags- und Diskussionsforum mit dem Ziel, zehn Prinzipien vorzulegen, die Unternehmen bei ihrem Wandel zu einem "grünen" Modell als Leitfaden dienen sollen.

"Wir glauben, dass die grüne Wirtschaft nur in Zusammenarbeit mit Regierungen und Zivilgesellschaft erreichbar ist", erklärt Carlos Busquets, Vizedirektor des Politikressorts der Handelskammer, im Gespräch mit der Deutschen Welle. Unter den Referenten und Diskussionsteilnehmer sind Top-Manager und Klimabeauftragte aus internationalen Unternehmen wie Volkswagen, Bosch, dem US-Aluminiumriesen Alcoa und dem brasilianischen Flugzeugbauer Embraer.

Alternativen zum Kapitalismus

Panoramabild von Rio de Janeiro, am Zuckerhut (Foto: picture alliance/dpa)

Skepsis gegen die UNO beim "Gipfel der Völker"

Die Veranstalter des "Gipfels der Völker" indes geben sich als Antikapitalisten. Sie befürchten, dass der Ansatz der UNO, einen am Markt orientierten Ausweg zu finden, nur dazu diene, die Produktion weiter zu steigern und die natürlichen Ressourcen zu vermarkten.

Die Liste der Lösungsvorschläge der "Cúpula dos Povos" beinhaltet eine solidarische Wirtschaftspraxis, in der Dienstleistungen und Güter in Kooperativen bereitgestellt werden. Soziale Technikprojekte wie der Bau von Zisternen und die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder, aber auch soziale Bewegungen sollen darin mehr Raum erhalten.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Immerhin sei der UN-Gipfel eine Chance, eine striktere Regulierung zugunsten nachhaltiger Entwicklung auszuarbeiten, meint Batista, doch sind seine Erwartungen gedämpft: "Ein Großteil des Problems besteht eben darin, dass die Staaten ihre Versprechen nicht einhalten. Die UNO verfügt noch nicht einmal über Mittel, um Regierungen abzustrafen, die nicht umsetzen, was sie selbst vereinbaren."

Dennoch: Die Veranstalter des Gipfels der Völker wollen eine Liste mit Handlungsempfehlungen entwickeln, um sie den Teilnehmern des Gipfels der Vereinten Nationen bei Rio+20 zu überreichen.

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