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Aktuell Amerika

Gil Troy: Zu wenig für die Amerikaner

Präsident Obama hat in seiner letzen Rede zur Lage der Nation keine Visionen entwickelt. Stattdessen klang manches wie eine Wahlkampfrede, meint Gil Troy im Interview mit der Deutschen Welle.

Deutsche Welle: Was waren für Sie die wichtigsten Punkte in Präsident Obamas letzter Rede zur Lage der Nation?

Gil Troy: Ich habe nach einer Vision Ausschau gehalten, nach einer übergeordneten Idee von dem, was Barack Obama getan hat. Nach einem Branding seiner Präsidentschaft. Stattdessen habe ich das wiedergefunden, was ich bereits in früheren Reden zur Lage der Nation gehört habe: Eine Einkaufsliste nach dem Motto - ich tue dies, ich tue das. Aber ich habe nicht diese tiefreichende Philosophie gehört, die die Amerikaner brauchen und die sie auch vom Präsident hören sollten. Stattdessen rechtfertigt er alles. Er macht das logisch und gut. Aber er verbindet das nicht mit einer Philosophie, wie das etwa Reagan und Clinton getan haben.

Aber Obama hat sich doch intensiv mit der politischen Blockade Amerikas auseinandergesetzt und wie man das beheben kann. War das nicht eine zentrale Passage seiner Rede?

Ja, er hat über das große Geld, das Fundraising und die Reorganisation der Wahlkreise geredet, die auf Parteimehrheiten zugeschnitten sind und eine Radikalisierung der Politik begünstigen. Es gibt sicherlich wichtige Themen in dieser Rede. Aber er versprach schon im Jahre 2008, die amerikanische Politik wieder funktionstüchtig zu machen. Wenn er jetzt 2016 kommt und wieder davon redet, ohne irgendwelche Verantwortung dafür zu übernehmen, dass das Problem nicht gelöst wurde, dann ist er wenig greifbar in seiner Rede.

Präsident Obama hat viel darüber geredet, wie man die Beteiligung der Bürger am politischen Prozess verbessern und ihre Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung stärken könnte. Ist das nicht eine Art Vision?

In dieser sehr langen, fast einstündigen Rede gab es viele Ideen und Einladungen. Aber was es nicht gab, war eine übergreifende Vision. Und das ist auch kennzeichnend für seine Präsidentschaft. Ein Teil ist reagierend, das passiert natürlich. Aber Führung heißt auch, pro aktiv zu sein. Und A, B und C zu addieren und zu sagen, darum geht es, das reicht nicht. Er hat sicherlich recht in der Außenpolitik, wenn er sagt: Wir können nicht überall eingreifen. Er hat die Lektion erwähnt, die wir aus Vietnam und Irak gelernt haben. Sicherlich hat Barak Obama Meinungen und Ideen. Aber er hat nicht diese übergreifende Herangehensweise, die wichtig ist, um die Politik zu erklären und die Debatte nach vorne zu bringen.

Obama wollte mit seiner Rede offensichtlich auch den aufziehenden Wahlkampf mit beeinflussen. Ist ihm das gelungen, hat er die Wähler erreicht?

Ein Teil der Rede klang wie eine Wahlkampfrede. Er hat den Republikanern ein paar gelungene Seitenhiebe verpasst und manche Positionen von Hillary Clinton aufgenommen. Es ist schwer vorherzusagen, wie das aufgenommen wird. Aber die Rede war nicht wirklich bahnbrechend – in keiner Beziehung. Wenn ich etwa an Franklin Delano Roosevelts "Four Freedoms Speech" aus dem Jahre 1941 denke: Jeder redet heute noch von den vier Freiheiten. Obamas vier Punkte aus seiner jetzigen Rede sind morgen vergessen. Da ist keine Poesie drin, nur viele knackige Überschriften.

Offensichtlich wollte Obama die Debatte darüber mitbestimmen, wer sein Nachfolger wird und wohin das Land steuert. Ist ihm das gelungen?

Aus Sicht der Demokraten hat er gute Arbeit geleistet. Er hat die Republikaner mit Spott bedacht. Er hat das nicht auf hässliche Art gemacht, sondern sehr elegant. Er zeigte, wie man mit Donald Trump umgehen muss. Er nannte ihn nicht beim Namen, machte aber starke Aussagen. Der bewegendste Teil seiner Rede war die Verurteilung der Diskriminierung von Muslimen. Er machte sehr klar, wo er da steht.

Glauben Sie, dass diese Rede zumindest eine Standortbestimmung seiner Präsidentschaft war?

Ich glaube dafür war das nicht ausreichend genug. Es ging um Rechtfertigung, um politische Erfolge wie die Wirtschaftspolitik und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Für einen Journalisten, der ein paar Zitate braucht, die Barack Obamas Stolz auf seine Produkte zeigen, ist das genug. Aber für amerikanische Bürger, die eine Stunde vor dem Fernseher saßen, war das nicht genug. Ich denke nicht, dass die Rede mobilisiert oder inspiriert hat. Nirgendwo gab es einen transzendenten Moment, bei dem man spürte, dass da gerade Geschichte geschrieben wird.

Der Amerikaner Gil Troy ist Professor für Geschichte an der McGill-Universität in Montreal und Experte für die Geschichte amerikanischer Präsidenten.

Das Interview führte Gero Schließ

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