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Wissen & Umwelt

Giftiges Gas strömt in die Nordsee

Aus der havarierten Gasplattform Elgin treten zahlreiche gefährliche Substanzen aus: Mit dabei sind neben leicht entzündlichem Erdgas vermutlich auch dünnflüssiges Erdöl und Schwefelwasserstoff - ein sehr starkes Gift.

Elgin-Gasplattform des französischen Energiekonzerns Total in der Nordsee. (Foto: Total dpa)

Leck an Plattform in der Nordsee - Gas strömt weiter

Eines ist sicher: Seit Sonntag strömt ein Gemisch von Kohlenwasserstoffverbindungen aus einem Bohrloch in die Nordsee aus. Welche Zusammensetzung das austretende Gemisch genau hat und welche Folgen daraus resultieren können, ist bisher weniger klar.

Eine offizielle Bestätigung zur chemischen Zusammensetzung des Leckgases gibt es noch nicht. Aber höchstwahrscheinlich treten aus der Bohrung Sauergas und flüssiges Erdgaskondensat aus. Denn beides werde auf dieser Bohrinsel gemeinsam gefördert, sagt Jürgen Messner, Erdgas-Experte bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover.

Kondensat ist dünnflüssiges Erdöl, es enthält nur leichte Kohlenwasserstoffe recht kurzer Kettenlänge, ähnlich Benzin. "Wir vermuten, dass dieses Kondensat auch den Ölteppich auf der Wasseroberfläche gebildet hat", sagt Messner. Beobachter sprechen von einem 4,8 Quadratkilometer großen Ölfilm auf der Meeresoberfläche rund um die Bohrinsel.

Sauergas wiederum besteht hauptsächlich aus Erdgas und zu wenigen Prozent aus dem giftigen Gas Schwefelwasserstoff. Beides kommt oft zusammen in einer Erdgaslagerstätte vor und tritt gemeinsam an die Oberfläche. Schwefelwasserstoff stinkt nach faulen Eiern und ist sehr giftig.

Akute Explosionsgefahr

"Das Sauergas-Luftgemisch ist hochexplosiv und brennt sehr gut", sagt Messner. Wenn die richtige Konzentration des Gases im Verhältnis mit Sauerstoff vorliegt, kann sich das Gemisch entzünden. "Man sollte in der Nähe von ausgetretenem Sauergas nie ohne Atemschutz agieren und eine offene Flamme immer vermeiden", fügt Messner noch hinzu. Trotzdem hatten die Plattformmitarbeiter beim Verlassen der Insel eine Flamme brennen lassen, mit der Erdgas abgefackelt wird. Das sei in diesem Fall nur deshalb gutgegangen, da der Wind günstig stehe. 

Extrem giftiges Gas in unbekannten Mengen

"Am problematischsten für die Organismen in der näheren Umgebung ist sicher der Schwefelwasserstoff", sagt Ulrich Sommer, Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Der brennbare, farblose und extrem stinkende Schwefelwasserstoff zerstört beim Menschen den roten Blutfarbstoff, der den Sauerstoff durch den Körper transportiert und wirkt daher schon in sehr geringen Konzentrationen tödlich - auch bei anderen Lebewesen.

Krabben an Bord eines Kutters (Foto: AP Photo/Herbert Knosowski)

Auch für Krabben kann Schwefelwasserstoff tödlich sein

Stephan Lutter, Meeresschutzexperte bei der Umweltstiftung WWF, sagt: "Bei einem, wie von Experten befürchteten, langandauernden Gasaustritt könnten Todeszonen in der Umgebung entstehen und das Ökosystem der Nordsee schädigen."

Welchen Schaden der Schwefelwasserstoff tatsächlich anrichtet, hängt vor allem davon ab, wieviel von der Substanz sich im Wasser löst, sagt Sommer. Das wiederum bestimmt unter anderem die Blasengröße, mit der das Sauergas vom Meeresboden an die Oberfläche steigt: Große Blasen steigen schnell auf und können weniger gut und lange mit dem Wasser wechselwirken. Dann löst sich nur verhältnismäßig wenig im Wasser, um unter den Meerestieren Schaden anzurichten.

Erreicht Schwefelwasserstoff die Wasseroberfläche, verdünnt es sich an der Luft sehr schnell. Das ist dann nichts anderes, als wenn ein Vulkan Schwefelwasserstoff abgibt. Gefahr für die Menschen in den Küstengebieten besteht nach Ansicht von Experten jedenfalls nicht. Auch Lutter vom WWF geht davon aus, dass weder giftiges Gas noch Öl das Ufer erreichen kann. Die Plattform ist 240 Kilometer vom Festland entfernt.

Bakterien fressen Gas und Öl

Kohlenwasserstoffe, die ins Meer geraten, richten oft unmittelbaren Schaden an: Fische beispielsweise bekämen Embolien in den Kiemen, wenn sie in die austretenden Gasblasen gerieten, erläutert Lutter. Und Ölfilme an der Oberfläche seien gefährlich für Wasservögel.

Aber Kohlenwasserstoffe verbleiben zum Glück nicht auf alle Zeit im Meer, sondern werden langsam abgebaut: "Kohlenwasserstoffe sind eine Nahrungsquelle für Bakterien", sagt Sommer. Die nützlichen Mikroorganismen zersetzen die Verbindungen zu Kohlendioxid und Wasser oder anderen kleinen, ungiftigen Molekülen und gewinnen so Energie. Das machen sie auch nach Erdölunglücken wie nach der Explosion der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko im Jahr 2010. Günstig für die jetzige Situation dürfte sein, dass Erdgas und Erdgaskondensat nur kurze Kohlenwasserstoffketten enthält, die von Mikroorganismen meist sehr schnell zersetzt werden können.

Trotzdem können sich dabei gefährliche Nebenprodukte bilden - vor allem, wenn die Bakterien Substanzen mitverdauen, die Schwefel oder Stickstoff enthalten. Dann können gut wasserlösliche Verbindungen entstehen, die von größeren Meeresorganismen aufgenommen werden und immensen Schaden anrichten.

Und zu guter letzt gibt es da noch ein anderes Problem, denn der Hauptbestandteil von Erdgas ist Methan. "Methan ist ein Treibhausgas und zwar zwanzigmal so stark wie Kohlendioxid", sagt Sommer. Wenn es in großer Menge in die Atmosphäre gerät, hilft es dabei, Wärmeenergie auf der Erde zu behalten und die Erdatmosphäre aufzuheizen.

Hoffnung auf ein schnelles Ende

"Es ist in jedem Fall eine äußerst unangenehme Situation", sagt Jürgen Messner. Aber es besteht Hoffnung, dass sich das Problem in absehbarer Zeit von selbst erledigt könnte, wie auch der britische Staatssekretär Charles Hendry glaubt: "Wir sollten in Erinnerung behalten, dass es sich hier um eine aufgelassenen Gasquelle handelt, deren Gas weitgehend ausgebeutet ist."

Jürgen Messner bestätigt, dass es durchaus sein könnte, dass der Erdgasfluss bald von alleine versiegt. "Wir müssen in jedem Fall erst mal abwarten, bevor wir Langzeitfolgen einschätzen können."

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