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Deutschland

Giftige Dämpfe im Flugzeug-Cockpit

Ein Germanwings-Airbus entkam 2010 offenbar nur knapp einer Katastrophe. Giftige Dämpfe hatten die beiden Piloten beinahe ohnmächtig werden lassen. Der Vorfall wurde jedoch erst jetzt bekannt.

Es schien ein ganz normaler Flug zu werden am 19. Dezember 2010. Die Maschine der Linie Germanwings war in Wien gestartet – einige Stunden verspätet, weil dichtes Schneetreiben am Zielflughafen herrschte. Beim Anflug auf den Flughafen Köln/Bonn bemerkten beide Piloten plötzlich einen "seltsamen, stark ausgeprägten, unangenehmen" Geruch im Cockpit. Sie vergewisserten sich beim Chefsteward, in der Flugzeugkabine mit den Passagieren war jedoch kein Geruch bemerkbar.

Kurz darauf wurde dem Co-Piloten so übel, dass er zur Sauerstoffmaske griff, auch der Pilot bemerkte wie er später aussagte, dass ihm "im wahrsten Sinne des Wortes die Sinne schwanden." Er verspürte ein starkes Kribbeln in Händen und Füßen, sein Gesichtsfeld schränkte sich schlagartig ein, ihm wurde schwindelig. 

Mit letzten Kräften brachten die beiden Piloten das Flugzeug sicher zu Boden, beide sagten später aus, sie hätten extreme Schwierigkeiten gehabt, sich zu konzentrieren und überhaupt noch einen klaren Gedanken zu fassen, alles sei ihnen "surrealistisch und wie in einem Traum" vorgekommen.

Offensichtlich war der Airbus mit 149 Menschen an Bord an diesem Tag nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Doch erst jetzt, fast zwei Jahre nach dem Vorfall, wurde der Beinahe-Unfall überhaupt erst publik.

Giftige Dämpfe aus den Triebwerken

Portraitfoto des Pressesprechers der Vereinigung Cockpit, Jörg Handwerg (Foto: Vereinigung Cockpit e.V)

Jörg Handwerg: "Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art"

Jörg Handwerg von der Pilotenvereinigung Cockpit erläutert im Gespräch mit der Deutschen Welle seine Sicht des Vorfalls: "Für uns deutet alles sehr stark darauf hin, dass es sich hier um einen Öldampf-Vorfall gehandelt hat. Öldämpfe sind aus dem Triebwerk über eine defekte Dichtung in die Kabinenluft gelangt."

Seit den 1960er Jahren wird bei den meisten Flugzeugen die Luft für das Cockpit und den Passagierraum über die beiden Triebwerke angesaugt. Und diese Art der Luftgewinnung berge Risiken, so Hendwerg: "Wenn hier eine Dichtung kaputt geht, dann können größere Mengen Öldampf in die Kabinen gelangen. Konstruktiv bedingt ist es sogar so, dass diese Dichtungen nie hundertprozentig schließen, es gelangen immer geringe Mengen von Öldampf in die Kabine."

Problemlage schon länger bekannt

Leider sei es nicht der erste Vorfall dieser Art, allerdings sei er in seiner Dramatik "extrem selten". So sei in derselben Germanwings-Maschine im Mai 2008 ein Flug von Dublin nach Köln abgebrochen worden, nachdem der Pilot über Empfindungsstörungen im Arm und leichtes Unwohlsein geklagt hatte.

Das Flugzeug, in dem sich der jetzt bekannt gewordene Vorfall ereignete, war im Dezember 2010 nach der Landung sofort von Germanwings-Technikern überprüft worden. Sie bemerkten ebenfalls den Geruch im Cockpit und führten ihn auf die Enteisungsflüssigkeit zurück, mit dem der Airbus an diesem Tag mehrfach behandelt worden war.

Zwei Piloten in einem Cockpit (Foto: Fotolia)

Öldämpfe können Piloten vollkommen handlungsunfähig machen

Jörg Handwerg hält wenig von dieser Erklärung. Im Winter komme es immer mal wieder vor, dass Enteisungsflüssigkeit in die Kabine gelange, der verdampfende Alkohol erzeuge eine Art "weißen Nebel", der aber nicht solche gravierenden Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit der Piloten habe. "Diese Auswirkungen, die wir hier gesehen haben, das Kribbeln in den Fingern, die Lähmungserscheinungen und auch eingeschränkte Denkfähigkeit - das deckt sich genau mit den Erfahrungen, die wir mit Öldampf-Vorfällen hatten und nicht mit den Erfahrungen bei Enteisungsflüssigkeit".

Wirtschaftsinteressen vor Sicherheit?

Die Pilotenvereinigung Cockpit fordert deshalb schon seit Jahren, wieder auf Systeme umzusteigen, die die Luft nicht über die Triebwerke generieren: "Neue Flugzeuge dürfen technisch nicht mehr so gebaut werden, das etwas derartiges vorkommen kann und für die bestehenden Flugzeuge brauchen wir eine Filtertechnik oder Sensorik, um das Problem weitgehend reduzieren zu können."

Der Sitz der Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) in Köln. (Foto: dpa)

Die EASA ist nicht davon überzeugt, dass ein ernsthaftes Sicherheitsproblem besteht

Scharfe Kritik übt Handwerg in diesem Zusammenhang nicht nur an Germanwings, die den Vorfall verharmlose, sondern auch an der EASA, der europäischen  Agentur für Flugsicherheit. Die EASA hatte Anfang 2012 öffentlich erklärt, sie sehe keinen kausalen Zusammenhang zwischen Gesundheitsbeschwerden einiger Piloten, Crewmitglieder und Passagieren und Verunreinigungen der Flugzeugluft durch Öldämpfe.

Die Fluglinie Germanwings verwehrt sich gegen Vorwürfe mit dem Hinweis, sie habe den Vorfall ordnungsgemäß an die zuständigen Stellen, das Luftfahrtbundesamt und das Bundesamt für Flugunfalluntersuchung gemeldet. Allerdings wertete Germanwings den Zwischenfall als weit weniger dramatisch: "Der Kapitän hat Germanwings gegenüber gesagt, er habe trotz körperlicher Beeinträchtigung 'jederzeit alles unter Kontrolle' gehabt."

Die Aussagen, die beide Piloten vor der Behörde für Flugunfalluntersuchung gemacht haben, bestätigen jedoch das Gegenteil.

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