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Europa

Gibraltar will um keinen Preis spanisch werden

Die Tage der britischen Kronkolonie Gibraltar scheinen gezählt zu sein. Großbritannien hat offenbar nichts mehr dagegen, den "Affenfelsen" am Südzipfel der Iberischen Halbinsel schrittweise an Spanien zurückzugeben.

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Proteste vor dem Parlament in Madrid

Madrid und London setzten sich eine Frist von sechs Monaten, in der sie ihren 300 Jahre alten Streit beilegen wollen. Die Rückgabe der 6,5 Quadratkilometer großen Felsenzunge am Eingang des Mittelmeeres stößt allerdings noch auf ein großes Hindernis: Die knapp 30.000 Bewohner Gibraltars wollen um keinen Preis zu Spanien gehören.

Sie fühlen sich nun nicht nur von den Spaniern bedrängt, sondern auch von den Briten im Stich gelassen. "Die Engländer haben Hongkong mit mehr als sechs Millionen Einwohnern an China verkauft. Da werden sie mit uns, die wir nur ein paar Leutchen sind, nicht anders verfahren", sagt ein Händler in Gibraltars Main Street (Hauptstraße).

Sorge um das Steuerparadies

Die Bewohner des Felsens argwöhnen, dass London und Madrid sich insgeheim längst geeinigt haben. Die Rede ist davon, dass Spanien und Großbritannien die Souveränität für 50 Jahre teilen und die Besitzung danach ganz an Spanien gehen soll. Gibraltars Regierungschef Peter Caruana wies eine Teilnahme an den britisch-spanischen Verhandlungen empört mit den Worten zurück: "Wir wurden eingeladen, als hätte man eine Gans zu einem Weihnachtsessen geladen."

Was haben die Gibraltarer nur gegen Spanien - gegen ein Land, das Millionen von Touristen und Appartement-Besitzern aus aller Welt als ein Traumziel betrachten? Zunächst haben sie handfeste wirtschaftliche Gründe für ihre starre Haltung. Sie verdienen doppelt so viel wie die Spanier in der angrenzenden Region Andalusien. Zudem profitieren sie davon, dass Gibraltar ein Steuerparadies ist. Auf dem winzigen Areal sind angeblich 50.000 Firmen gemeldet.

Eher britisches als spanisches Lebensgefühl

Aber es geht nicht allein ums Geld. Die Bewohner des Felsens haben in ihrer 300-jährigen Abgeschiedenheit eine eigene Identität entwickelt. Sie sind ein buntes Völkchen britischer, spanischer, portugiesischer, maltesischer, italienischer und marokkanischer Abstammung. Katholiken, Protestanten, Moslems und Juden leben friedlich nebeneinander und halten bedingungslos zusammen.

Die Gibraltarer gehen lieber in einen englischen Pub als in eine spanische Tapa-Bar, und sie wollen als Polizisten auf der Straße lieber ihre Bobbys sehen als die spanische Guardia Civil. Sie fahren zwar rechts im Autoverkehr, aber sie messen in Fuß, Yards und Meilen.

In ihrer Abneigung gegen Spanien sehen sie sich immer dann bestärkt, wenn die Spanier zu Schikanen greifen und die Grenzkontrollen verschärfen. Von 1969 bis 1986 war die Grenze ganz geschlossen und Gibraltar nur per Flugzeug oder per Schiff zu erreichen. "Hier wird weder morgen noch in 300 Jahren die spanische Flagge wehen", prophezeit Ex-Regierungschef Joe Bossano.

Die Bewohner sollen entscheiden

Großbritannien und Spanien sind sich jedoch einig darin, dass es mit Gibraltar nicht so weitergehen kann wie bisher. Die Besitzung ist die letzte Kolonie in Europa. Ihr Status bedeutet einen Verstoß gegen Resolutionen der UN. In Zeiten europäischer Einigung und offener Grenzen ist Gibraltar zu einem absurden Anachronismus geworden. Spanien und Großbritannien sind keine rivalisierenden Mächte mehr, sondern NATO-Verbündete und EU-Partner.

Allerdings will London die Souveränität über Gibraltar nur abtreten, wenn die Bewohner zustimmen. Damit steht Spanien vor der schweren Aufgabe, dass es die Herzen der Gibraltarer gewinnen muss. London wiederum muss die Bewohner seiner Kolonie davon überzeugen, dass sie allein aus wirtschaftlichen Gründen umdenken müssen. Steueroasen sollen in Europa nämlich keine Zukunft haben. (pg)