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Gewalt gegen Frauen

"Gewalttätige Männer müssen ihre Gefühle und ihre Verantwortung erkennen"

Seit 2004 untersucht das Bundesfamilienministerium das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen. Demnach haben in Deutschland 40 Prozent der Frauen über 16 Jahre körperliche, sexuelle oder psychische Attacken durch Männer erlebt.

Die Täter sind oftmals Partner oder ehemalige Lebensgefährten. Die Folge sind langjährige psychische Beeinträchtigungen. Einer, der die Täter therapeutisch betreut, ist der Psychologe und Gewalttherapeut Stefan Waschlewski aus Herne. Im DW-Interview gibt er Einblicke in eine Schattenwelt, die jedem bekannt ist, die aber oft tabuisiert wird - auch von den Opfern.

Deutsche Welle: Was sind das für Männer, die in Ihren Therapiestunden sitzen?

Stefan Waschlewski: Männer aus allen Schichten kommen in unsere Therapien. Wir haben Klienten, die als Selbstzahler zu uns kommen, die stammen dann meist aus der Mittel- oder Oberschicht. Da, wo es Zuzahlungen gibt, erreichen sie auch den Arbeitslosen oder den Hartz-IV-Empfänger.

Porträt von Stefan Waschlewski (Foto: Privat)

Gewalttherapeut Stefan Waschlewski

Von welchen Formen der Gewalt sprechen wir, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht? Wo fängt Gewalt an?

Wir arbeiten mit Männern, die ihre Partnerinnen schlagen oder treten. Das ist kein Verhalten, das isoliert auftritt, dazu gehört je nach Tätertyp auch das Demütigen und Kontrollieren der Frauen.

Wie lange dauert eine Therapie?

Zwischen einem halben Jahr und eineinhalb Jahren je nach schwere des Falls. Eine Therapie bei einem jungen Mann, der Gewalt ausübt, kann kürzer sein, als die bei einem Mann, der seit 20 Jahren zuschlägt.

Wie hoch ist die Zahl der Wiederholungstäter?

Das kann man nicht wirklich sagen. Wann sprechen wir von Wiederholung? Da ist es schwierig seriöse Aussagen zu machen. Ich kann aber sagen: Es ist eine lohnende Arbeit und es gibt viele Fälle, bei denen die Männer der Gewalt entsagen.

Wie gehen sie in ihren Therapien vor?

Die Gewalt, die ein Täter ausübt, ist wie eine Sprache, die wir versuchen zu verstehen: Wie ist die Motivlage, was ist der Auslöser, wie geht der Täter vor, was tut er vorbereitend, was macht er danach? Daraus leiten wir ab, wie wir mit dem Mann arbeiten. Ein Beispiel für einen klassischen Konflikt ist, dass der Mann die Gewalt dazu nutzt, um Defizite zu kompensieren. Er ist nicht in der Lage, Gefühle auszudrücken. Das führt zu einem inneren Druck, einer Ohnmacht, und dann halten es diese Männer nicht mehr aus und schlagen zu. Diese Männer müssen lernen, ihre Gefühle zu erkennen. Daraus leiten wir dann eine Hypothese ab, wie wir mit ihnen arbeiten können. Aber letztlich bleibt es bei den Männern, an sich zu arbeiten. Sie haben die Verantwortung für sich selbst.

Wie sind diese Männer geprägt, was sind deren Probleme?

Viele üben Gewalt aus, um Gefühle zu kompensieren und damit Konflikte aus ihrer Sicht zu beenden. Ein Typ, der häufig in der Beratung sitzt, ist derjenige, der keinen guten Zugang zu seinen Emotionen hat. Es ist oft das Gefühl, Enttäuschung, Kränkung und Angst gar nicht wahrnehmen und nicht ausdrücken zu können. Sie schaffen es nicht, das mit ihrem Männlichkeitsgefühl zu verbinden. Da kommen Fragen auf, wie: Bin ich ein starker Mann, wenn ich über meine Hilflosigkeit rede? Sie haben häufig ein geringes Selbstbewusstsein.

Es gibt aber auch andere Tätertypen, denen es wichtig ist, die Beziehung zu kontrollieren. Die durch negative Bindungserfahrungen nicht daran glauben, dass es sichere Beziehungen gibt. Sie tun alles, um Liebe zu erhalten und zu kontrollieren. Therapeutisch muss man dann gucken, wo das Verhalten herkommt und welche Möglichkeiten es gibt, es nach und nach aufzulösen. Wir haben auch noch einen dritten Typ, doch der taucht in unserer Arbeit weniger auf. Das ist der Typ, der mit den Normen und Werten der Gesellschaft nicht kompatibel ist. Aber das sind eher Männer, die von den Kollegen in den Justizvollzugsanstalten betreut werden.

Gibt es zwischen diesen Gruppen denn Übereinstimmungen?

Eins ist bei allen Männertypen gleich. Sie sehen die Verantwortung für ihre Taten nicht bei sich, sondern bei anderen. Ein Beispiel: Ein Mann kommt nach Hause und das Essen ist nicht fertigt, es kommt zum Konflikt und der Mann schlägt zu. Er begründet das so: Wäre das Essen fertig gewesen, hätte er nicht zugeschlagen. Er gibt somit die Verantwortung für die Tat nach außen ab. Er sieht sich als Opfer der Umstände. Ein erster Schritt in der Beratung ist nun, dass der Klient erkennt, dass er selbst für sein Handeln verantwortlich ist. Erst wenn das klar ist, kann man weiter arbeiten. Und auch nur so können die Männer die verlorene Kontrolle über ihr Handeln wiedererlangen.

Können Sie sich in einen Täter hineinversetzen, oder wie schafft man es, möglichst objektiv an einen Fall heranzugehen?

Wir lehnen die Gewalt ab, aber wir lehnen nicht diese Männer ab. Wir respektieren sie als Person, als Mensch und wertschätzen sie. Wir machen uns aber nicht zu Komplizen des Täters. Wir sind für sie da und arbeiten mit ihnen. Wir ergreifen auch keine Partei. Wir sehen natürlich auch das Leid der Opfer und der Opferschutz hat absoluten Vorrang. Keine Beratung darf zu einer erneuten Belastung der Betroffenen führen. Wichtig ist die klare Haltung gegen Gewalt, sonst kann man nicht therapeutisch arbeiten. Das ist der Schlüssel, warum Beratung letztendlich funktioniert.

Wie gehen Sie persönlich mit solchen Belastungen um?

Der Austausch mit Kollegen ist wichtig. Supervision hat einen hohen Stellenwert, damit man mit Problemen nicht allein bleibt. Wichtig ist es, aktive Psychohygiene zu betreiben, um Bilder aus dem Kopf zu kriegen. Also Sport, Bewegung allgemein und Ruhe. Aber am effektivsten ist ein funktionierendes Team, das einen auch selber berät.

Das Interview führte Carsten Grün.

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