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Afrika

Gewalt in Zentralafrika reißt nicht ab

Während die Welt auf die Ukraine und den Irak schaut, erschüttert neue Gewalt die Zentralafrikanische Republik. Fast jeder Zehnte ist außer Landes geflüchtet. Eine der Milizen will nun eine Partei gründen.

Die Angreifer kamen auf Motorrädern: Sie schossen auf jeden, dem sie begegneten. Dann machten sie kehrt und rasten wieder davon. Zurück blieben mindestens drei Tote und viele Verletzte. So schildert ein Augenzeuge den Angriff im Dorf Kouki bei der Stadt Bossangoa im Westen der Zentralafrikanischen Republik vor wenigen Tagen.

Etwa 140 Kilometer weiter westlich, in Paoua, an der Grenze zum Tschad, beteten Muslime gerade in der Moschee, als Unbekannte eine Granate in das Gebäude warfen. Mehr als 30 Menschen wurden verletzt, vier von ihnen schwer.

Überfälle, Massenerschießungen und Geiselnahmen - davon berichteten Augenzeugen aus der Region Mbrés im Zentrum des Landes der Nachrichtenagentur AFP. Mindestens neun Dörfer hatten Angehörige der Anti-Balaka-Miliz überfallen, rund 12.000 Menschen sind auf der Flucht.

Kampf um die Macht

Drei Beispiele aus den vergangenen Tagen - sie stehen stellvertretend für die Gewalt, die die Zentralafrikanische Republik auch fast anderthalb Jahre nach dem Putsch gegen den damaligen Präsidenten Francois Bozizé erschüttert.

Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik (Foto: REUTERS/Goran Tomasevic)

Hunderttausende Zentralafrikaner sind aus ihren Dörfern geflohen

Der politische Konflikt um die Macht im Staat und die Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen um die knappen Ressourcen haben sich in weiten Teilen des Landes zu religiös verbrämten Kämpfen zwischen Christen und Muslimen ausgeweitet. Geführt wird er von zwei bewaffneten Gruppen: den mehrheitlich muslimischen Séléka und den vorwiegend christlichen Anti-Balaka-Milizen.

"Die Lage in der Zentralafrikanischen Republik bleibt sehr unbeständig", unterstreicht Paul-Simon Handy vom Institute for Security Studies (ISS) in Südafrika. Handy ist einer der Experten, die für die Vereinten Nationen einen Bericht über die Zentralafrikanische Republik verfasst haben. Er betont: "Es sind nicht genügend internationale Einsatzkräfte vor Ort." Die Soldaten der französischen Sangaris-Mission und die MISCA-Truppen der Afrikanischen Union leisteten eine enorme und sehr komplexe Arbeit, die vielfach nicht genug geschätzt werde.

Bevölkerung auf der Flucht

Den hohen Preis dieses Konflikts zahle die Zivilbevölkerung, so Handy. Die UN-Nothilfekoordinatorin für die Zentralafrikanische Republik, Claire Bourgeois, zeigte sich am Dienstag (08.07.2014) schockiert über die neue Gewaltwelle: "Es gibt keine Worte, die stark genug sind, um diese Angriffe auf die Zivilbevölkerung zu verurteilen: Sie sind inakzeptabel", sagte sie. "Ich appelliere an alle, die mit dieser Gewalt zu tun haben, den Schutz der Zivilbevölkerung zu respektieren und ihre Sicherheit zu garantieren."

Die Gewalt hat den Flüchtlingsstrom in der Zentralafrikanischen Republik erneut ansteigen lassen: Nach Angaben der Vereinten Nationen flohen schon bei Beginn der neuen Gewaltwelle Ende Juni mindestens 20.000 Menschen in der Region Bambari im Süden des Landes aus ihren Häusern. Dort hatten Bewaffnete der Anti-Balaka-Milizen und Angehörige der Séléka nach Angaben der afrikanischen Friedenstruppe fast 50 Menschen getötet. Am Montag (07.07.2014) erst wurden in der katholischen Kirche Saint-Joseph mindestens 20 Menschen getötet. Augenzeugen berichten, sie hätten Séléka-Kämpfer als die Angreifer identifiziert.

Rohstoffe als Fluch

Bis vor wenigen Wochen war die Region Bambari von der Gewalt zwischen christlichen und muslimischen Milizen weitgehend verschont geblieben. Ende April waren mehrere hundert muslimische Zentralafrikaner in die Region gebracht worden, die bis dahin fast ausschließlich von Christen bewohnt war. Damit hatte die UNO sie vor der zunehmenden Gewalt in der Hauptstadt Bangui retten wollen.

Französischer Sangris-Soldat (Foto: PACOME PABANDJI/AFP/Getty Images)

"Enorme und komplexe Arbeit": Französischer Sangris-Soldat

In Bangui selbst hat sich die Lage laut UN hingegen etwas entspannt. Dennoch leben allein dort rund 110.000 Binnenflüchtlinge. Fast 150.000 Zentralafrikaner sind in den vergangenen sechs Monaten vor der Gewalt in ihrem Land in die umliegenden Staaten geflohen; insgesamt sind damit mehr als 370.000 Flüchtlinge außer Landes.

Für den Zentralafrika-Experten Handy ist der Rohstoff-Reichtum der Fluch für das Land: "Die bewaffneten Gruppen besetzen Gebiete, die besonders reich an natürlichen Ressourcen sind. Der illegale Export dieser Rohstoffe, vor allem Gold und Diamanten, trägt substanziell zu ihrer Finanzierung bei.“

Anti-Balaka will Partei werden

Die Verantwortlichen der beiden verfeindeten Bewegungen, Séléka und Anti-Balaka, distanzieren sich jedoch immer wieder von Angriffen und Gewalt. Denn Vertreter aus ihren Reihen gehören offiziell der Übergangsregierung an, die sich für den Frieden einsetzt. Während es bei den Séléka immer wieder heißt, es handele sich bei den Angreifern um "unkontrollierbare Elemente", betonen Führer der Anti-Balaka, es seien Kriminelle oder flüchtige Strafgefangene.

Anti-Balaka-Milizen in der Zentralafrikanischen Republik (Foto: AP Photo/Florence Richard)

Wollen eine Partei gründen: Anti-Balaka-Milizen in der Zentralafrikanischen Republik

"Es gibt Politiker, die Leute bezahlen, damit sie im Namen der Anti-Balaka Verbrechen begehen", betont Sylvestre Yagouzou, stellvertretender Koordinator der Anti-Balaka. Auflösen aber will er die Gruppe nicht. "Wir sind keine Miliz. Wir haben uns gegründet, um unsere Heimat zu verteidigen. Wieso sollten wir uns auflösen? Die Séléka sind noch immer im Land."

Im Gespräch mit der Deutschen Welle kündigte er an, man plane, eine politische Partei zu werden. "Wir werden eine Organisation gründen, die den Frieden in der Zentralafrikanischen Republik wiederherstellt", so Yagouzou. "Und da die Leute den Namen Anti-Balaka nicht mehr hören wollen, werden wir uns eben einen anderen Namen geben."

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