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Deutschland

Gewalt gegen Helfer und Lebensretter

Eigentlich wollen sie nur helfen, doch meist werden sie am Ende selbst zum Opfer. Eine neue Studie der Ruhr-Universität Bochum belegt: Über die Hälfte der Rettungskräfte erlebt im Einsatz massive körperliche Übergriffe.

"Wir haben eine Person gehabt, die musste ihre Kung-Fu-Künste ausleben. Der hat einen Kollegen ganz massiv mit dem Fuß, mit schweren Stiefeln, gegen das Gesicht getreten", berichtet Gottfried Wingler-Scholz, Leiter der Abteilung Prävention von der Berufsfeuerwehr Bochum von den extremsten Beispielen, wie es im täglichen Notdienst im schlimmsten Fall zugehen kann.

Die Bochumer Feuerwehr verfügt über 15 Rettungswagen, die durchschnittlich pro Tag zu 100 Notfalleinsätzen ausrücken. Doch die Helfer, sagt Wingler-Scholz, sind nicht immer willkommen. "Unter anderem haben wir auch Fälle, dass Patienten mit Blut oder mit Spritzkanülen unsere Einsatzkräfte bespritzen, um sich einfach zu wehren oder sich zu entziehen".

Beschimpfungen und Beleidigungen sind an der Tagesordnung

Ein Krankenwagen

Nach einem Notruf bleibt den Helfern nicht viel Zeit

Julia Schmidt vom Lehrstuhl für Kriminologie an der Ruhr-Universität Bochum wollte es genau wissen, wie es in der Realität der Rettungskräfte wirklich aussieht. Das Ergebnis: Fast jeder Rettungsdienstler hat schon einmal verbale Gewalt erfahren. "Beschimpfungen oder Beleidigungen, das sind 98 Prozent der Fälle". Rund die Hälfte der Helfer hat nach dieser ersten repräsentativen Untersuchung aber auch schon tätliche Übergriffe wie Anspucken, Wegschubsen oder Tritte erlebt.

Über 2000 Mitarbeiter von Rettungsdiensten sowohl in Großstädten als auch in ländlichen Regionen hat Julia Schmidt nach ihren Erfahrungen befragt. Nach deren Angaben bleibt es aber definitiv nicht nur bei Beschimpfungen oder Handgreiflichkeiten. In manchen Fällen kommt es auch zu gewaltsamen Übergriffen mit Messern oder anderen gefährlichen Gegenständen.

Ein Rettungssanitäter fährt in einem Rettungswagen der Malteser durch Essen (Foto: dpa)

Bei Notfalleinsätzen wissen die Rettungskräfte vorher nicht, was sie erwartet

Auch massive Attacken kommen vor

Von den über 2000 Rettungskräften, die Julia Schmidt befragt hat, trugen 16 bleibende Schäden davon. Zum Teil dauerhafte seelische Traumata wie Angstzustände, Panikattacken oder körperliche Beeinträchtigungen. Nach den Angaben der Rettungskräfte konnte Julia Schmidt auch einen typischen Tathergang ermitteln. So passieren die meisten Übergriffe während der Diagnose oder der Therapie.

In der Regel handelt es sich bei den Tätern um Männer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Manchmal agieren die "Täter" quasi aus Panik, stehen unter Schock. In den meisten Fällen sind Alkohol und Drogen im Spiel.

Übergriffe können überall auftreten

Einen Zusammenhang mit Großereignissen wie Fußball-Bundesliga-Spielen, Demonstrationen oder Volksfesten konnte Julia Schmidt in dieser Untersuchung übrigens nicht erkennen. Aggressionen gab es zu 45 Prozent auch im privaten Bereich. Auch die sogenannten sozialen Brennpunkte sind bei weitem nicht die hervorstechenden Tatorte. Mehr als jeder vierte Übergriff gegen Helfer und Lebensretter ereignet sich in bürgerlichen Wohngegenden.

Gleichwohl geraten Rettungskräfte nicht selten in brenzlige Situationen, die sie gar nicht abschätzen können. So manche, die Hilfe benötigen, sagt Gottfried Wingler-Scholz von der Feuerwehr Bochum, wollen niemand an sich heran lassen, "weil sie eventuell eine Straftat begangen haben und durch diese Straftat zum Beispiel sich oder andere verletzt haben. Eine Schlägerei zum Beispiel".

Paar im Training (Foto: Peter Atkins)

Viele Helfer wünschen sich Selbstverteidigungskurse, um auf Konfliktsituationen besser vorbereitet zu sein

Insofern, das liest Julia Schmidt auch aus den Reaktionen heraus, fühlen sich Rettungskräfte vor Ort oft überfordert. Mit dem Ergebnis: 77 Prozent der Befragten wünschen sich Selbstverteidigungskurse. Weitere 68 Prozent halten ein Deeskalationstraining für erforderlich. "64 Prozent wünschen sich tatsächlich auch noch theoretische Seminare zu Drogen, Suchtmitteln und deren Auswirkungen auf die Psyche eines Menschen", fügt Julia Schmidt hinzu. Die Rettungskräfte wollen in Zukunft besser darauf vorbereitet sein, in den entscheidenden Momenten richtig helfen zu können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.

Provokationen bei Konflikten vermeiden

In der Ausbildung und Fortbildung der Helfer und Lebensretter ist nach dieser Untersuchung noch einiges zu verbessern. In Bochum hat man die Signale erkannt und führt für die Rettungskräfte jährlich ein Deeskalationstraining von 30 Stunden durch. Dazu gehört unter anderem das Erlernen von Selbstverteidigungsgriffen.

Letztlich, sagt Gottfried Wingler-Scholz, geht es darum, in kritischen Situationen kühlen Kopf zu bewahren, "indem man dem Patienten viel mehr erklärt, was man macht. Und dass man einfach auch das Bewusstsein hat: jede Provokation erzeugt eine Gegenprovokation". Und das zu vermeiden, darauf kommt es im Rettungsdienst immer öfter an.