1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Welt

Gewalt gegen Gotteshäuser

Der Angriff auf die Kirche in der Normandie ist in Europa ein Novum. Gotteshäuser anderer Konfessionen stehen bereits länger im Fokus. Besonders gefährdet sind die heiligen Stätten in Afrika und dem Nahen Osten.

Zerstörte koptische Kirchen in Ägypten (Foto: Reuters)

Diese koptische Kirche im Süden von Kairo wurde im Jahr 2013 angegriffen

Sie werden beschmiert, beschädigt, ihre Außenwände als Toiletten missbraucht. Mutwillige Beschädigungen von Synagogen, Moscheen und Kirchen sind in Europa fast an der Tagesordnung. Die Grausamkeit bei dem Anschlag aber, den gestern zwei Terroristen auf die Kirche von Saint-Étienne-du-Rouvray in der Normandie verübten, hat Europas Katholiken geschockt. Die Täter nahmen Geiseln, verletzten sie und töteten den Priester der Gemeinde brutal.

Schon einmal, zu Ostern 2015, war eine französische Kirche das Ziel eines dschihadistischen Attentäters. Damals plante ein seit fünf Jahren in Frankreich lebender algerischer Student ein Attentat auf zwei Kirchen am Stadtrand von Paris. Das Vorhaben wurde nur durch einen Zufall entdeckt: Der Terrorist verletzte sich mit seinem Gewehr selbst, die behandelnden Ärzte meldeten den Vorfall der Polizei.

Bislang standen in Europa vor allem Synagogen und Moscheen im Zentrum von Angriffen. Meist entstammten die Täter rechtsradikalen oder fremdenfeindlichen Kreisen. In den letzten Jahren steigt vor allem die Zahl der Angriffe auf Moscheen stark. Verzeichnete man 2010 noch 23 Angriffe gegen die muslimischen Gotteshäuser, waren es im Jahr 2015 schon 75.

Europaweit häufen sich aber auch Anschläge radikaler Islamisten auf jüdische Einrichtungen. Im Februar 2015 wurde beispielsweise in Kopenhagen ein jüdischer Wachmann vor einer Synagoge getötet. Im Juli 2014 kam es im Umfeld zweier Synagogen in Paris zu Ausschreitungen antisemitisch gesonnener Muslime.

Nach dem Anschlag bewachen Soldaten die Synagoge von Kopenhagen (Foto: picture alliance/Geisler-Fotopress/M. Golejewski)

Nach dem Anschlag bewachen Soldaten die Synagoge von Kopenhagen

Attacken in Nahost und Afrika

In anderen Teilen der Welt sind Gotteshäuser häufiger Ziele von Angriffen. Dort stehen neben Moscheen vor allem christliche Kirchen im Zentrum der Attacken.

Zu den bekanntesten gehört der Angriff auf eine koptische Kirche im Kairoer Stadtteil Imbala im Mai 2011. Auf das Gerücht hin, die Kopten hielten eine zum Islam konvertierte Frau fest, attackierte ein muslimischer Mob das Gotteshaus, legte im Inneren der Kirche ein Feuer und tötete fünf Kopten. Im selben Jahr attackierte ein Terrorist die Teilnehmer eines koptischen Neujahrsgottesdienstes. Er tötete 23 Menschen, knapp hundert wurden verletzt.

Im September 2013 sprengten sich im pakistanischen Peschawar zwei Terroristen auf dem Areal einer christlichen Kirche in die Luft. Sie rissen über 135 Menschen mit in den Tod. Anfang Juli dieses Jahres sprengte sich ein vermutlich zur Terrorgruppe Boko Haram gehörender Dschihadist während eines christlichen Gottesdienstes in der Stadt Potiskum im Nordwesten von Nigeria in die Luft; er tötete sechs Besucher der Messe.

Eine zerstörte koptische Kirche im ägyptischen Minya (Foto: VIRGINIE NGUYEN HOANG/AFP/Getty Images))

Nach einem Angriff auf eine koptische Kirche im ägyptischen Minya

Angriffe treffen alle Konfessionen

Auch in Syrien und im Irak kommt es immer wieder zu oft tödlichen Anschlägen auf christliche Kirchen. Sie - wie auch viele Attentate in Nigeria - ereignen sich im Rahmen dschihadistischer Gewalt, die sich nicht nur gegen Christen, sondern gegen alle als "ungläubig" deklarierte Gruppen handelt. Dies trifft vor allem Muslime selber, allen voran Schiiten, aber auch den Dschihadisten distanziert gegenüberstehende Sunniten.

Der ehemalige Al-Kaida-Kommandant Abu Musab al-Zarqawi ließ im Irak Anschläge gegen schiitische Moscheen ausführen, bei denen teils über hundert Menschen starben. Anschläge dieser Art werden im Irak immer wieder verübt.

Umgekehrt attackieren Schiiten auch Sunniten. Ende Juni dieses Jahres riss ein Attentäter vor einer sunnitischen Moschee in Bagdad neun Menschen in den Tod. 30 weitere Personen wurden verletzt. Statistiken über derartige Anschläge gibt es im Irak schon seit Langem nicht mehr.

Politischer und sozialer Druck

Im Jahr 2013 veröffentlichten die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland die Studie "Ökumenischer Bericht zur Religionsfreiheit von Christen weltweit". Darin unterscheiden sie zwischen Restriktionen durch Regierungshandeln und Restriktionen durch soziale Anfeindungen. Auffallend dabei ist, dass beide Formen der Einschränkungen in zahlreichen Ländern zusammenfallen: "In der Gesamtschau beider Indices gehören Ägypten, Indonesien, Saudi Arabien, die Russische Föderation, Myanmar, Iran, Vietnam, Pakistan, Indien, Bangladesch und Nigeria zu den Ländern mit den höchsten Werten an Beeinträchtigungen der Religions- und Weltanschauungsfreiheit."

Gläubige schaffen nach einem Anschlag auch eine schiitische Moschee in Bagdad die Trümmer beiseite (Foto: AL-SAADI/AFP/Getty Images))

Gläubige schaffen nach einem Anschlag auf eine schiitische Moschee in Bagdad die Trümmer beiseite

Die Gründe für die Spannungen, heißt es in dem "Ökumenischen Bericht", seien vielfältig. Das zeigt sich etwa in Nigeria. Dort gehe die meiste Gewalt von der Terrorgruppe "Boko Haram" aus. Aber: "Das offensive Werben von Pfingstkirchen trägt zur Polarisierung ebenso bei wie die Konflikte um Landrechte zwischen Einheimischen und Siedlern, zwischen Hirten der meist muslimischen Fulani und christlichen Bauern sowie Erfahrungen mit Diskriminierung am Arbeitsplatz wegen des Tragens eines Kopftuchs im Süden des Landes. Einige Konflikte gehen von politischen und ethnischen Rivalitäten aus. Staatliche Einrichtungen bestärken und nutzen solche Rivalitäten für eigene Zwecke."

Flächendeckend verhindern lassen sich Angriffe wie der in der Normandie kaum: Allein in Frankreich gibt es rund 45.000 Kirchen, dazu mehrere tausend Synagogen und Moscheen. Langfristig lässt sich ihre Unversehrtheit nicht allein durch Sicherheitskräfte garantieren.

Die Redaktion empfiehlt