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Asien

"Gewalt gegen Friedensgespräche in Pakistan"

Schwere Anschläge haben Pakistans Metropole Peschawar erschüttert. Die Konflikte in der Region sind vielschichtig, sagt Pakistan-Experte Christian Wagner. Er schließt eine weitere Eskalation der Gewalt nicht aus.

DW: Bei dem jüngsten Anschlag auf einem Markt der nordwestpakistanischen Millionenstadt Peshawar sind am Sonntag (29.09.2013) mehr als 40 Menschen getötet und über 100 verletzt worden. Kurz zuvor waren bei Bombenattentaten auf einen Bus mit Mitarbeitern der Regierung und auf eine christliche Kirche mehr als hundert Menschen ums Leben gekommen. Besteht zwischen diesen Anschlägen ein Zusammenhang?

Christian Wagner: Das ist schwer zu sagen, denn wir haben in der Region sehr unterschiedliche Konfliktgruppen. Der jüngste Anschlag auf dem Markt in Peschawar soll eine Vergeltungfür die jüngsten Drohnenangriffe der USA gewesen sein. Der Anschlag auf die christliche Gemeinde könnte im Zusammenhang mit einer Reihe von Übergriffen auf religiöse Minderheiten stehen. Und es gibt innerhalb der pakistanischen Taliban einen Streit um Friedensgespräche zwischen den Taliban-Gruppen und der Regierung. Manche Anschläge zielen darauf ab, diese Gespräche zu torpedieren. Also es ist eine komplexe Konfliktkonstellation, die es sehr schwer macht, die Anschläge entsprechend zuzuweisen.

Pakistans Premier Nawaz Sharif hatte den in Pakistan aktiven Taliban kürzlich Friedensgespräche angeboten. Inwieweit überschatten die Anschläge die Bemühungen um Friedensgespräche mit den Taliban?

Auf einer Allparteienkonferenz, zu der die Regierung vor einigen Tagen geladen hatte, gab es einen großen Konsens über solche Gespräche. Unklar ist aber, wie die pakistanischen Taliban dazu stehen. Offensichtlich hat man Interesse an Verhandlungen über eine mögliche politische Lösung, aber es gibt auch Gruppen, die Gespräche ablehnen. Ihnen dienen solche Anschläge auch dazu, die Gesprächsbereitschaft zu sabotieren und solche Verhandlungen zum Scheitern zu bringen.

Peshawar liegt an der Grenze zu den pakistanischen Stammesgebieten, die als Rückzugsgebiet für islamistische Aufständische wie die Taliban oder das Terrornetzwerk Al Kaida gelten. Wie viel Einfluss hat die Regierung in dieser Region?

Islamabad hat in den letzten Jahren sicherlich einige militärische Erfolgen in den Stammesgebieten erzielt. Mit Ausnahme der Bergregion Nord-Wasiristan hat das Militär dort mittlerweile eine gewisse Kontrolle. Andererseits gelingt es der zivilen Verwaltung nicht wirklich, dauerhafte Strukturen aufzubauen. Immer wieder kommt es zu Kämpfen zwischen verschiedenen Fraktionen der militanten Gruppen mit immer neuen Gewalttaten.

Darüber hinaus beobachten wir auch in den Stammesgebieten die - häufig gewalttätigen - Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Religionsgruppen, also zwischen der mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung und der schiitischen Minderheit. Also, der Einfluss der Regierung in den Stammesgebieten hat sicherlich zugenommen in den letzten Jahren, aber er ist noch weit davon entfernt, so etwas wie gute Regierungsführung hervorzubringen - dazu fehlt es weiterhin an Entwicklung und Infrastruktur in der Region.

Wie ist zur Zeit die Situation der christlichen Minderheit in Pakistan?

Es gibt immer wieder Anschläge auf christliche Einrichtungen und Ausschreitungen gegenüber der christlichen Minderheit. Man muss das Ganze im Gesamtkontext sehen: In den letzten Monaten hat in Pakistan die Gewalt gegenüber religiösen Minderheiten, also gegen Schiiten, Hindus und Christen zugenommen. Es ist aber im Einzelfall immer schwer, herauszufinden, wer hinter diesen Anschlägen steht. Denn die militanten sunnitischen Gruppen haben ihre eigenen Netzwerke, aber sie stehen auch in Verbindung zu den pakistanischen Taliban und arbeiten immer wieder zusammen, wenn es zum Beispiel um Ausbildung und Logistik geht. Die religiösen Minderheiten haben in Pakistan momentan einen schweren Stand, weil es ein Klima der Gewalt gibt, dem sie zunehmend zum Opfer fallen.

Steht zu befürchten, dass die Gewalt weiter eskalieren wird?

Ich denke, gewaltbereite Taliban-Gruppen werden versuchen, die Friedensgespräche mit Islamabad zu verhindern. Das zeigt auch die Schwierigkeiten, denen die Regierung gegenübersteht. Sie hat keinen Ansprechpartner, und es gibt auf der Gegenseite keine klare Politik, über die man verhandeln könnte. Die pakistanischen Taliban fordern die Einführung einer Scharia-Gesetzgebung im ganzen Land, das ist natürlich nicht mehrheitsfähig. Sie fordern auch die Freilassung von Gefangenen, auch da wird man sich von Seiten der Regierung schwer tun. Bisher hat man sich noch nicht mal auf einen Waffenstillstand einigen können, der die Grundvoraussetzung für Gespräche sein müsste. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Anschläge in den nächsten Wochen noch weitergehen werden.

Wer könnte oder müsste in dieser Situation Einfluss nehmen, um mäßigend zu wirken?

Gemäßigte islamistische Führer haben sich gegen die Gewalt ausgesprochen. Eigentlich müsste die Führung der pakistanischen Taliban mäßigend oder auch sanktionierend auf die Abweichlergruppen einwirken. Das würde dann in den Stammesgebieten allerdings neue Gewalt zur Folge haben. Also, es ist eine schwierige Situation. Die Regierung wird wohl mit einer Mischung aus Gesprächsangeboten und einer verstärkten Präsenz von Militär und Polizei versuchen, der Gewalt in Peschawar und der Region Herr zu werden.

Christian Wagner leitet die Forschungsgruppe Asien bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.