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Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

Gewalt gegen Frauen in der Türkei wächst

Knapp 14 Millionen Frauen haben in der Türkei Gewalt von nahestehenden Männern erlebt. Seit dem Putschversuch ist die Rate weiter gestiegen. Viele suchen Schutz in Frauenhäusern, doch davon gibt es viel zu wenige.

Seit März 2015 ist Handan Askin in Behandlung. Mit Hilfe der Physiotherapie, hofft sie, bald wieder ein paar Schritte laufen zu können. Doch noch fällt es ihr schwer, sich ohne Hilfe zu bewegen. Sie ist von der Hüfte abwärts gelähmt, seit ihr Ehemann auf offener Straße einen Kugelhagel auf sie abfeuerte, weil sie sich von ihm scheiden lassen wollte. Und obwohl Askin nur knapp dem Tod entkam, wird ihr Mann nicht wegen versuchtem Mord angeklagt, sondern wegen Körperverletzung.

Besonders ihre Familie helfe ihr, trotz ihrer bitteren Lage irgendwie zurechtzukommen, erzählt die 30-Jährige. Ihre beiden Kinder, 11 und 9 Jahre, leben derzeit bei ihrer Schwester. Im Moment könne sie keinerlei Pläne machen - weder für sich noch für ihre Kinder: "Ich kann mich nicht alleine bewegen, ich kann nicht mehr an mein Zuhause denken", erzählt Askin. Nicht einmal die Scheidung sei abgeschlossen, aber wichtig seien derzeit allein das Krankenhaus und ihre Genesung: "Ich werde die Behandlung bis zum Ende durchziehen. Das ist das einzige woran ich denken kann." Wie lange das dauern wird, kann sie nicht sagen. Vielleicht Monate, vielleicht Jahre?

Vier von zehn Frauen sind Gewalt-Opfer

Handan Askin ist eines von vielen Opfern von Gewalt. Nach Angaben des türkischen Statistikinstituts erleben vier von zehn Frauen physische Gewalt durch ihre Ehemänner oder ihre Lebensgefährten. Allein im Jahr 2015 wurden insgesamt 303 Frauen von ihren Ehemännern oder Geliebten ermordet, berichtet die Plattform "Wir werden die Frauenmorde stoppen", die auch die gelähmte Askin unterstützt. Die Organisation fordert, dass eine offizielle Behörde für Frauen gegründet wird, die dafür sorgt, dass in jeder Provinz genügend Frauenhäuser errichtet werden.

Türkei Handan Askin - türkische Opfer von Gewalt (H. Askin)

Niedergeschossen vom eigenen Ehemann: Handan Askin kämpft gegen die Lähmung ihrer Beine

Denn in der ganzen Türkei gibt es nur 130 solcher Schutzunterkünfte, die insgesamt etwa 3500 bis 4000 Frauen aufnehmen können. Dabei gehört die Einrichtung von Frauenhäusern zu den Maßnahmen der "Istanbulkonvention" - des "Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt", eines völkerrechtlichen Vertrags, den auch die Türkei als Europarat-Mitglied unterzeichnet hat.

Asli Elif Sakalli von der Frauenorganisation Mor Cati (Dt.: "Das Lila Dach") erklärt, dass die Frauenhäuser an das Ministerium für Familie und Soziales, an die Kommunen und an Nichtregierungsorganisationen gekoppelt sind. Laut Gesetz muss es in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern mindestens ein Frauenhaus geben, so Sakalli. Die Realität sehe jedoch anders aus, sagt die Frauenrechtlerin: "Es gibt zwar Gesetze, aber es hat das keine Konsequenzen, wenn sie nicht eingehalten werden."

Große Nachfrage trotz Problemen in Frauenhäusern

Probleme gebe es aber auch in bestehenden Frauenhäusern: Ihre Adressen sowie die Identitäten der Frauen müssen eigentlich streng geheim gehalten werden. Allerding, sagt Sakalli, nähmen es manche Mitarbeiter mit dieser Regel nicht sehr genau, weil sie keine hinreichende Ausbildung erhielten. Aus diesem Grund gelinge es immer wieder Männern, ihre geflüchteten Frauen zu finden.

Türkei Asli Elif Sakalli – türkische Frauenaktivistin von Frauenhaus in İstanbul Mor Cati (Lila Dach) (A. Elif Sakalli )

Asli Elif Sakali, Aktivistin der Frauenorganisation Mor Cati

Zudem würden die Frauen in machen Häusern sehr streng kontrolliert, sagt Sakalli: "Sie dürfen Telefon und Internet nur eingeschränkt benutzen und bei den Regeln des Hauses nicht mitbestimmen. Es ist wie ein halboffener Strafvollzug."

Dennoch steigt die Anzahl der Frauen, die sich an Frauenhäuser wenden. Und schon lange reichen die Kapazitäten nicht mehr, um jedem Fall gerecht zu werden: Alleine in dem Frauenhaus von Mor Cati in Istanbul beantragten in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 493 Frauen die Aufnahme. Doch nur 42 Kinder und Frauen konnten aufgenommen werden. Von den 695 Frauen, die 2015 dort einen Antrag stellten, kamen nur 44 unter.

Gewalt gegen Frauen stieg nach dem 15. Juli

Seit 2012, als die letzten Änderungen im Sinne der Istanbulkonvention vorgenommen wurden, ist nichts mehr geschehen, um Frauen stärker gegen Gewalt zu schützen. Laut Sakalli liegt das an "mangelndem politischen Willen", geltendes Recht durchzusetzen.

Türkei Gülsüm Kav (G. Kav)

Gülsüm Kav kämpft dafür, dass in jeder türkischen Provinz genügend Frauenhäuser errichtet werden

Inzwischen scheint sich das Rad sogar wieder zurückzudrehen, sagt Gülsüm Kav, Vertreterin der Plattform "Wir werden die Frauenmorde stoppen": Nach Putschversuch am 15. Juli hätten Gewalttaten gegenüber Frauen drastisch zugenommen: "Den Zahlen entnehmen wir, dass sich die Fälle seither verdoppelt haben", erklärt Kav. Die Aktivistin sieht eine ganze Reihe von Gründen für diese Entwicklung: "Zunächst einmal ist die gesamte türkische Gesellschaft angespannt. Und es gibt eine ernstzunehmende Verletzung von Rechten." Der ganze politische Diskurs entferne sich immer weiter von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Laizismus. Und das spiegele sich auch im Umgang der Menschen miteinander wider, sagt Kav: "So wie der Putschversuch sehr gewalttätig war, so sind es auch die Reaktionen darauf. Das bekommen Frauen unmittelbar zu spüren. Gewalt wird quasi zu etwas Normalem."

Frauen- und Kinderorganisationen wurden geschlossen

Unter den Dekreten, die während des Ausnahmezustands erlassen wurden, sind viele, mit denen die Regierung Nichtregierungsorganisationen kaltstellt. Unter den nun verbotenen Organisationen, sagt Asli Elif Sakalli von der Frauenorganisation Mor Cati, seien viele, die sich um Frauen und Kinder kümmern.  Diese NGOs seien nun nicht mehr handlungsfähig, ihre Türen wurden versiegelt. Allerdings, versichert Sakalli, wollen sie auch unter den Bedingungen des Ausnahmezustands weiter für ihre Sache zu kämpfen.

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