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Wissen & Umwelt

Gewalt bei Hitze – Einbrüche bei Dunkelheit

Seit Jahrhunderten fragen sich Ermittler, wie das Wetter Verbrechen beeinflusst. Jetzt haben Hamburger Kriminologen Wetter- und Kriminalitätsstatistiken verknüpft. Können die Daten bei der Vorbeugung helfen?

Polizist verhaftet Verbrecher (Foto: fotalia)

Andreas Lohmeyer leitet den Bereich der Verbrechensbekämpfung bei der Hamburger Polizei. Er versucht herauszufinden, wie sich das Wetter auf bestimmte Straftaten auswirkt. Neu sei seine Idee nicht, erklärt der Kriminologe, denn schon im frühen Mittelalter habe zum Beispiel das Gesetz der Friesen, die Lex Frisionum, eine Ausrichtung des Strafmaßes an der Wetterlage gefordert. Schließlich führe "eine bestimmte Wetterlage zu einer höheren Wahrscheinlichkeit bestimmter Verbrechen."

Porträt von Baron Charles de Secondat Montesquieu (Foto: Picture alliance/ dpa)

Schon Montesquieu rechnete mit dem Wetter

Ostwind begünstigt Selbstmord und Revolten

Auch der französische Staatsphilosoph Baron Montesquieu habe 1748 – also gut ein Jahrtausend später – vorgeschlagen, dass sich Gesetze nach dem Klima richten müssten, weil sich die verschiedenen Wetterlagen unterschiedlich auf Straftaten auswirkten. Insbesondere dem Ostwind schrieb Montesquieu eine verheerende Wirkung zu. Dieser treibe viele Engländer in den Selbstmord.

Sein Zeitgenosse, der Aufklärer Voltaire, schrieb diesem Witterungsphänomen sogar die Absetzung zweier englischer Herrscher zu. So wäre Karl I nicht geköpft und Jakob II nicht abgesetzt worden, wenn nicht der Ostwind zu jener Zeit "einen verheerenden Einfluss" gehabt hätte.

Ende des 19. Jahrhunderts setzten sich die Pioniere der heutigen Gerichtsmedizin bereits wissenschaftlicher mit den Auswirkungen des Wetters auseinander. So verglich der italienische Professor Cesare Lombroso 836 Revolutionen und Aufstände, die zwischen 1791 und 1880 stattgefunden hatten, und errechnete daraus ein "deutliches Sommermaximum."

Oder der deutsche forensische Psychiater Gustav Aschaffenburg. Er berechnete 1913, dass es im Monat Juni zu besonders vielen "unzüchtigen Handlungen komme und im Juli zu Sexualverbrechen aller Art."

Es gibt kein "kriminogenes" Wetter...

Andreas Lohmeyer, Leiter der zentralen Verbrechensbekämpfung der Polizei in Hamburg (Foto: DW/Fabian Schmidt)

Kriminologe Andreas Lohmeyer

Heutzutage fließt der tägliche Wetterbericht in die Arbeit der Polizei ein. Dienstvorschriften verlangen sogar, dass das Wetter bei einer polizeilichen Lagebeurteilung berücksichtigt werden muss. Auch Tatorte verändern sich erheblich unter dem Einfluss der Witterung. Aber lassen sich auch Rückschlüsse darauf ziehen, ob Kriminelle durch das Wetter beeinflusst werden? Um das herauszufinden, hat Lohmeyer unzählige Wetterdaten mit der polizeilichen Kriminalitätsstatistik zusammengeführt.

Zur Verfügung standen ihm dazu zweihundert Wettervariablen, heruntergebrochen auf Stundenbasis für jeden einzelnen Tag der letzten zwanzig Jahre. "Da kommen Sie ganz schnell auf etwa 36 Millionen Daten plus etwa 175.000 Daten aus der polizeilichen Kriminalstatistik", erklärt der Kriminologe.

Um den Überblick nicht zu verlieren, haben Lohmeyers Kollegen aus diesem Datenwust etwa zwei Millionen Daten ausgewertet. Daraus haben sie Einzelaussagen zu verschiedenen Delikten generiert. Dabei kam heraus, dass es kein Wetter gibt, das Verbrechen allgemein begünstigt. Dafür gebe es aber zwei Arten von Delikten. Solche, deren Häufigkeit durch das Wetter nicht beeinflusst wird - dazu gehören vor allem Raub, Ladendiebstahl, Autodiebstahl, Betrug und Rauschgiftdelikte. Andere dagegen häufen sich bei bestimmten Wetterlagen. Dazu gehören unter anderem Rohheitsdelikte, wie Körperverletzung.

Symbolbild: Eine Schlägerei bahnt sich an. Ein Mensch ruft per Telefon um Hilfe (Foto: dpa)

Schlägereien häufen sich an warmen Sommerwochenenden

...aber wetterfühlige Delikte

Je wärmer es wird, sagt Lohmeyer, desto häufiger wird zugeschlagen. Man könne es sogar relativ genau ausrechnen, allerdings nur statistisch. "Pro Grad Celsius haben wir 0,7 Delikte mehr am Tag." Würde man zusätzlich noch die Wochentage und die Sonnenscheindauer mit einberechnen, käme es an einem sonnigen, warmen Samstag im August zu 82 Rohheitsdelikten, an einem grauen, kühlen Dienstag im März zu 51 Rohheitsdelikten. "Das ist ein erheblicher Unterschied", betont der Kriminologe.

Auch Sexual- und Sittlichkeitsverbrechen häufen sich an warmen Tagen. Die Erkenntnis, "wenn es wärmer wird, wird's gefährlicher für die Damen" sei zwar nicht neu, aber jetzt durch die Forschung bestätigt.

Einbrecher mögen es dunkel und warm

Auch Einbrecher sind wetterfühlig, doch die Tendenz sei schwieriger zu berechnen, sagt Lohmeyer. Zwar gelte: Je kürzer die Tage, desto mehr Einbrüche - jede Stunde mehr Dunkelheit bringe "rein rechnerisch einen Einbruch mehr pro Tag". Doch das gilt nur bei gutem Wetter. Je kälter es wird, desto weniger Einbrüche werden verübt. "Werden die Tage kürzer und kälter, wird es schon schwierig zu erkennen, wie sich das entwickelt", erklärt der Ermittler sein statistisches Dilemma. Klar sei aber: "Gibt es eine Schneedecke, haben wir pro Tag etwa sechs Taten weniger."

Symbolbild: Ein Einbracher vergreift sich an einem Tresor (Foto: Bilderbox)

Einbrecher sind wetterfühlig

So habe es in der besonders kalten Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 2011 in ganz Hamburg nur zwei Diebstähle von Auto-Rückspiegeln und einen Einbruch in einen Schuppen gegeben, erinnert sich der Kriminologe, "ansonsten war in der ganzen Großstadt in dieser Nacht nichts los, sie war sozusagen wie eingefroren."

Polizei-Modellversuch in den U.S.A.

Wie statistische Daten zur verlässichen Vorhersage von Verbrechen genutzt werden können, macht die Polizei in der U.S. Metropole Memphis/Tennesee vor. Sie arbeitet bereits mit Computersimulationen.

Durch die Nutzung bekannter Daten aus der Vergangenheit versuchen die Ermittler, sinnvolle Aussagen über die Zukunft zu treffen. Sie bedienen sich dazu der IBM Software Blue-Crush. Crush steht dabei für Criminal Reduction utilising Statistical History, also für die Kriminalitätsbekämpfung unter Nutzung von Statistiken.

Dieses Programm ermittelt für ausgewählte Orte die Wahrscheinlichkeit von Einbrüchen, Bandenkriegen, Drogengeschäften und anderen illegalen Aktivitäten auf der Grundlage von Daten aus der Kriminalitätsstatistik, ökonomischen Indikatoren, Informationen über öffentliche Ereignisse, wie Konzerte und Zahltage sowie aus Wettervorhersagen. "Seit die Software dort 2005 eingeführt wurde, meint der Kriminologe Lohmeyer, sei die Kriminalitätsrate in Memphis angeblich um 30 Prozent gesunken."

Autor: Fabian Schmidt
Redaktion: Judith Hartl