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Wirtschaft

Getrennt und doch vereint

Die Schwellenländer galten lange Zeit als Motor der Weltkonjunktur. Doch nun werden auch Staaten wie China, Brasilien oder Indien von der Schuldenkrise eingeholt. Von den Industriestaaten erwarten sie dringend Lösungen.

G20 Treffen in Paris am 15. Oktober 2011 (v.l. Australiens Finanzminister Wayne Swan, Russlandsr Siluanov, Braziliens Mantega, Kanadas Finanzminister Flaherty und Japans Finanz-Minister Jun Azumi, Frakreichs Finanzministerr Baroin, Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble, Chinas Xie Xuren und Mexikos Finanzminister Jose Antonio Meade (Foto: Imago)

G20 Treffen Paris Oktober 2011

Ihre Rolle in der Weltwirtschaft ist im letzten Jahrzehnt kontinuierlich gewachsen. Die BRICS-Staaten, Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika gehören, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, heute zu den zwölf größten Volkswirtschaften der Welt. Sie erwirtschaften zusammen knapp 25 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Kein Wunder also, dass die Schwellenländer innerhalb der G 20 ihre Forderungen nach einer Regulierung der Schuldenkrise deutlicher als zuvor an die Adresse der Europäer richten. Schließlich wäre mit dem Abgleiten in eine weltweite Rezession auch ihr Aufschwung bedroht.

Das Logo des Internationalen Währungsfonds in Washington (Foto:dpa)

Das Logo des Internationalen Währungsfonds in Washington

"Die Ansteckungseffekte für die Schwellenländer sind schon jetzt relativ groß. Das gilt für die Aktienmärkte, ebenso wie für die Währungen und auch für die Preise für Anleihen in diesen Ländern, und zwar unabhängig von den Fundamentaldaten und Wachstumsperspektiven der einzelnen Länder", sagt Maria Lanzeni, Leiterin des Bereichs Emerging Markets bei Deutsche Bank Research im Gespräch mit DW-WORLD.DE.

IWF als Retter in der Krise?

Im Rahmen der G20 haben die Schwellenländer deshalb schon im Vorfeld des Cannes-Gipfels versucht, den Internationalen Währungsfond (IWF) ins Spiel zu bringen. Der Plan: Der IWF soll schlagkräftiger werden und die Bemühungen der Eurozone bei der Krisenabwehr unterstützen. So soll der IWF künftig Staatsanleihen überschuldeter Staaten kaufen und an die Schwellenländer ausgeben. So könnten diese Europa helfen, ohne direkt Staatsanleihen von Krisenstaaten erwerben zu müssen. Der Vorteil: Die Schwellenländer entgingen auf diese Weise der Gefahr, Verluste einzunehmen. Heribert Dieter, Experte für globale Finanzfragen bei der Stiftung Wissenschaft und Politik hält diesen Vorschlag allerdings für wenig praktikabel. "Liquidität bereitstellen, dass kann und soll der IWF. Aber einen Schuldenerlass für Griechenland mitzutragen, dass wird in den USA nicht auf Zustimmung stoßen und ist ein eher durchsichtiges Manöver, dass uns in der Diskussion nicht weiterhilft", so Dieter gegenüber DW-WORLD.DE.

Maria Laura Lanzeni, Expertin für Schwellenländer bei Deutsche Bank Research (Foto: Deutsche Bank)

Maria Laura Lanzeni, Expertin für Schwellenländer bei Deutsche Bank Research

Ein Manöver, mit dem die Schwellenländer vor allem den eigenen Einfluss im IWF vergrößern möchten, sagt Dieter. Finanzmarktexperten wie Maria Lanzeni sehen die Funktion des IWF denn auch eher darin, akute Liquiditätsengpässe überbrücken zu helfen."Im globalen Maßstab kann der IWF durch flexible Kreditlinien helfen, bei denen Länder ohne weitere Auflagen Zugang zu Krediten erhalten. Das hat man schon einmal erfolgreich im Falle Mexikos, Polens und Kolumbiens im Jahr 2009 gemacht und das könnte auch künftig ein Vorbild sein."

China als Gläubiger

Von den sogenannten Schwellenländern hat sich bisher vor allem China als Retter in der Euro-Krise anerboten. Das Land, das über enorme Währungsreserven in Höhe von schätzungsweise drei Billionen US-Dollar verfügt, scheint grundsätzlich bereit, einen Teil dieser Gelder für den Kauf von Staatsanleihen einzusetzen, sofern diese vom IWF oder der Europäischen Zentralbank abgesichert sind. Doch derartige Finanzspritzen bergen auch die Gefahr, dass sich Europa ähnlich wie die USA in eine starke Abhängigkeit begibt. "Die Amerikaner betreiben dieses Spiel seit vielen Jahren, sie sind abhängig von chinesischem Kapital. Ob die Europäer das wollen, wage ich zu bezweifeln", gibt der globale Finanzmarktexperte Heribert Dieter zu bedenken.

Lösungsansätze warten auf ihre Umsetzung

Drei Aktivistinen der globalisierungskritischen Organisation Attac sitzen am Mittwoch (27.02.2008) als reiche Steuerflüchtige verkleidet auf einer aufblasbaren Steueroase vor dem Bundeskanzleramt in Berlin und protestieren gegen die Steuerflucht. (Foto: dpa)

Demonstranten fordern die Trockenlegung von Steueroasen vor dem Bundeskanzleramt

Bei aller geforderten Fantasie zur Lösung der gegenwärtigen Krise, dürfe nicht in Vergessenheit geraten, was schon 2008 nach der Bankenpleite von Lehman in den USA international auf der Tagesordnung stand, sagt Gerhard Schick, Bundestagsabgeordneter der Grünen. Der Fachmann für globale Finanzen sieht vor allem internationalen Regulierungsbedarf. Zum Beispiel bei der von vielen Europäern vorgeschlagenen Besteuerung von Finanztransaktionen in aller Welt, der sich die USA und Großbritannien allerdings beharrlich widersetzen."Ein weiterer ganz wichtiger Punkt ist die Regulierung der Schattenbanken. Also von Fonds und Zweckgesellschaften, die ja auch zur Instabilität beitragen." Aus Sicht Schicks braucht es für die steuerlichen Fragen, die mit dem Bankgeheimnis an bestimmten Standorten zu tun haben, einen neuen Anlauf der internationalen Staatengemeinschaft, damit "die guten Vorsätze von 2008 endlich vorankommen." Ein Seitenhieb auf Steueroasen wie die Schweiz, Liechtenstein oder Monaco.

Alle in einem Boot

Bei allem Regulierungsbedarf: In letzter Instanz sitzen Industrie- und Schwellenländer auch in dieser Krise wieder in einem Boot. Muss es doch beiden gelingen, ein Abrutschen der Konjunktur in eine weltweite Rezession zu verhindern. Von daher, so Maria Lanzeni von Deutsche Bank Research, lägen die Forderungen der Schwellenländer nach verstärkten Anstrengungen zur Lösung der Krise im ureigenen Interesse der führenden Industrienationen: " Letzendlich gibt es deutliche Rückkoppelungseffekte. Im Rahmen der Kaufkraftparität machen die Schwellenländer schon jetzt die Hälfte der Weltwirtschaft aus. Von daher gilt, wenn die Krise in den Schwellenländern vermieden wird, ist das auch gut für die Eurozone und die USA."

Autor: Daniel Scheschkewitz
Redaktion: Henrik Böhme

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