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Deutschland

Getrennt oder gemeinsam lernen?

Hamburg steht vor der Wahl: Ob Grundschüler künftig sechs Jahre oder wie gehabt vier Jahre gemeinsam lernen. Die CDU-GAL-Koalition wirbt für die längere "Primarschule". Eine Elternitiative will sie verhindern.

Plakat der Reformbefürworter, die sich für die Primarschule einsetzen (Foto: DW/ Kathrin Erdmann)

25 Mädchen und Jungs stehen im Halbkreis im Klassenraum und singen ein Lied auf Latein. Die Viertklässler besuchen eine von 23 Hamburger Grundschulen, die sich bereits jetzt intensiv auf das längere gemeinsame Lernen vorbereiten. Dazu gehört das sogenannte Sprachkarussell, so Schulleiter Rainer Kühlke: Die Kinder lernen je neun Wochen Latein, Spanisch und Französisch sowie neun Wochen Schriftsprache Englisch. Das soll ihnen die Auswahl für eine Fremdsprache in der 5. Klasse erleichtern.

Vorgesehen sind zudem Englisch ab der ersten Klasse und in den Klassen 5 und 6 eine stärkere Ausrichtung auf die Naturwissenschaften. Anders als in Berlin, wo Grundschüler schon lange sechs Jahre gemeinsam lernen, sollen in Hamburg nicht Grundschul-, sondern Gymnasiallehrer die Klassen 5 und 6 unterrichten.

Gymnasien auf den Barrikaden

Wahlplakat der Reformgegner (Foto: DW/ Kathrin Erdmann)

Werbung der Reformgegner

Vor allem die humanistischen Gymnasien der Stadt fürchten durch die Neuordnung jedoch um ihr besonderes Profil. Das werde mit der Reform beschnitten, lautet der allgemeine Tenor. Schulleiter und Eltern werfen der Hamburger Schulsenatorin Christa Goetsch von den Grünen "Gleichmacherei" vor. Sie können nicht verstehen, dass es für altbewährte Schulen keine Ausnahme gibt. Allen Protestlern voran steht Walter Scheuerl. Der erfahrene Medienanwalt hat vor zwei Jahren die Initiative "Wir wollen lernen" gegründet und die Anfangsfehler des schwarz-grünen Senats geschickt für sich genutzt. Im November 2009 gewann die Initiative souverän ein Volksbegehren. Innerhalb weniger Wochen sammelten die Unterstützer 180.000 Unterschriften gegen die anstehende Reform.

Zulauf für die Befürworter

Nach diesem Sieg verhandelten CDU und GAL wochenlang über einen möglichen Kompromiss, um einen Volksentscheid abzuwenden. Ein Kompromiss wurde zwar dort nicht gefunden, aber dafür verständigten sich die Bürgerschaftsparteien auf einen zehnjährigen Schulfrieden. Gemeinsam stellten sie sich hinter die Primarschule.

Auch die Gewerkschaften und Kammern sowie zahlreiche Migrantenvereine haben sich inzwischen für die Primarschule und das längere gemeinsame Lernen ausgesprochen. "In meiner Heimat ist es selbstverständlich, sechs Jahre zur Grundschule zu gehen, und wenn ich das nicht gekonnt hätte, wäre mir in Deutschland sicher das Studium verwehrt geblieben", sagt Panis Drossinakis. Der gebürtige Grieche spielt auf die zahlreichen Bildungsstudien an, die belegen: Das deutsche Schulsystem selektiert zu stark nach Herkunft. "Selbst bei gleicher Leistung haben Kinder aus Arbeiterfamilien eine vielfach geringere Chance auf das Gymnasium zu kommen als ein Akademikerkind", sagt zum Beispiel der Hamburger Erziehungswissenschaftler Johannes Bastian.

In Hamburg hat jedes zweite Kind unter 15 Jahren einen Migrationshintergrund und genau diese Jungen und Mädchen sind es, die oft zu den sozial Schwachen gehören und auf der Strecke bleiben.

Monatelanger Schulkampf

Die Stadt verschenke Potenzial, das sie aber mit Blick auf den demographischen Wandel und den zu erwartenden Fachkräftemangel brauche, wird Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust, CDU, nicht müde zu betonen. In den Schulen haben Jugendliche in den vergangenen Monaten für die Reform mobil gemacht und sogar einen Protestzug durch die Innenstadt organisiert. Eine pro Schulreform Initiative gründete sich und zog ebenfalls durch die Stadt. Plakate der Befürworter und Gegner hängen längst in der ganzen Stadt.

Christa Goetsch blickt in eine ungewisse Zukunft (Foto: DW/ Kathrin Erdmann)

Schulsenatorin Christa Goetsch

In Schulen werden Teile der Reform bereits umgesetzt. Über tausend Lehrer wurden bereits für das individualisierte Lernen geschult, doch alles könnte umsonst gewesen sein. Wenn sich die Hamburger gegen die Reform entscheiden, bliebe die Grundschule wie sie ist. Neu wäre nur die Zweigliedrigkeit. Künftig gibt es nur noch Gymnasien und die Stadtteilschule, ein Zusammenschluss aus Haupt-, Real- und Gesamtschule, die ebenfalls zum Abitur führt. Für die CDU-GAL-Regierung würde das aber wohl das Aus bedeuten. Die Schulsenatorin wäre dann wohl kaum noch zu halten, wenn ihre Vision von einer anderen Schule scheitert. Und auch der Bürgermeister hat in den vergangenen Monaten Sympathiepunkte eingebüßt.

Autorin: Kathrin Erdmann

Redaktion: Matthias von Hein

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