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Wirtschaft

Geteiltes Echo auf Brüsseler Beschlüsse

Finanzmärkte und Analysten haben erleichtert auf das zweite Rettungspaket für Griechenland reagiert. Nur der Steuerzahlerbund und das Münchener Ifo-Institut ärgern sich über die "Sozialisierung der Schulden".

Ein Händler im Frankfurter Börsensaal (Foto: dapd)

Zweigeteiltes Echo auf die Beschlüsse des Euro-Krisengipfels in Brüssel: Während die Finanzmärkte auf das zweite Rettungspaket für das hochverschuldete Griechenland überwiegend positiv reagierten, sind nicht alle Experten vom Erfolg überzeugt: "Griechenland ist damit noch nicht aus dem Schlamassel", meint zum Beispiel Urich Kater, Chefökonom der Deka-Bank. "Die Sozialisierung der Schulden geht munter weiter", ergänzt Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener Ifo-Instituts.

Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Presse nach dem Sondergipfel in Brüssel (Foto: dapd)

Immer eine Beteiligung privater Gläubiger gefordert: Kanzlerin Merkel

Die Staats- und Regierungschefs der Eurozone hatten sich am Donnerstag in Brüssel auf ein zweites Rettungspaket in Höhe von mindestens 109 Milliarden Euro geeinigt - erstmals mit Beteiligung der Banken und Versicherungen. Bei den Finanzmärkten kam dieser Beschluss am Freitag (22.07.2011) gut an. In Tokio kletterte der Nikkei-Index auf ein Zweiwochenhoch. Auch am deutschen Aktienmarkt stiegen die Kurse, und der Euro kletterte deutlich auf 1,44 Dollar. Trotz der erwogenen privaten Beteiligung am Rettungspaket - mit knapp 50 Milliarden Euro - legten die Bankaktien im Handelsverlauf deutlich zu: Commerzbank-Papiere stiegen in der Spitze um fast zehn Prozent, auch Deutsche-Bank-Aktien legten deutlich zu. Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann hatte den Gipfelbeschluss mit den Worten kommentiert: "Das trifft uns hart."

Banken halten Abschreibungen für verkraftbar

Die privaten Gläubiger hatten sich bereit erklärt, Griechenland auf einer freiwilligen Basis mit einer Reihe von Optionen zu unterstützen. Dazu gehört auch der Umtausch von griechischen Anleihen in neue Bonds mit längeren Laufzeiten. Das führt zu einer Einbuße von etwa 20 Prozent für die Geldinstitute. Die privaten Banken in Deutschland erwarten denn auch keine übermäßigen Belastungen aus den Brüsseler Beschlüssen. "Ich glaube, es ist verkraftbar", sagte Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Privatbankenverbandes BdB. "Ich glaube, dass die Krise damit eingedämmt ist", so Kemmer weiter. "Es ist zumindest ein so großer Wurf, dass wir für nächste Zeit Ruhe haben werden."

Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann (Foto: DW TV)

Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann: "Das trifft uns hart"

Auch der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) begrüßt die Einigung auf dem Sondergipfel der Euro-Länder. "Mit dem Ergebnis ist ein wichtiges Signal an die Märkte gegeben worden. Der Euro bleibt eine starke Währung. Auch wenn das Verhandlungsergebnis einen Kompromiss darstellt, enthält das Gesamtpaket viele richtige und gute Elemente", so der Präsident des DSGV, Heinrich Haasis. Der Bund der Steuerzahler hat dagegen das zweite Rettungspaket scharf kritisiert. Den Steuerzahlern seien weitere Haftungsrisiken aufgebürdet worden, sagte Verbandsvizepräsident Reiner Holznagel. Es sei fraglich, ob eine freiwillige Beteiligung der Banken ausreichend sei: "Hier muss notfalls nachgebessert werden, damit die Steuerzahler nicht immer weiter mit neuen Haftungsrisiken konfrontiert werden."

Weichen richtig gestellt

Deutsche Wirtschaftswissenschaftler haben dagegen unterschiedlich auf die Brüsseler Beschlüsse des Brüsseler Euro-Gipfels reagiert. Jürgen Pfister, Chefvolkswirt der Bayern LB, sieht "die Weichen richtig gestellt". Besonders freut ihn, dass der europäische Rettungsfonds EFSF nun auch Staatsanleihen auf dem Sekundärmarkt aufkaufen darf, um Griechenland zu stabilisieren. "Bislang hat die Europäische Zentralbank diese Papiere gekauft. Das war nicht der beste Weg, denn das ist keine Aufgabe der Geldpolitik", so Pfister in DW-TV. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, begrüßt vor allem, "dass der Werkzeugkasten zur Bewältigung der Krise erheblich flexibilisiert und erweitert wurde. Wichtig ist nun, dass die Umsetzung der Beschlüsse rasch vorankommt und nicht durch den Streit um Details verzögert wird."

Hans-Werner Sinn, Praesident des ifo Instituts fuer Wirtschaftsforschung (Foto: dapd)

Hans-Werner Sinn: "Die Sozialisierung geht munter weiter"

Scharfe Kritik kommt dagegen von Hans-Werner Sinn, dem Chef des Münchener Ifo-Instituts. "Es geht hier um einen Verteilungskonflikt zwischen den Steuerzahlern Europas und den Investoren. Deshalb ist das eine schlechte Nachricht für die Steuerzahler", sagte Sinn zu Reuters TV. "Die sind hier zusätzlich in die Haftung genommen worden." Der streitbare Wirtschaftsforscher tritt seit längerem für einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone und eine anschließende Abwertung ein. Die am Donnerstag getroffene Einigung nehme die Griechen indirekt aus der Verantwortung. "Deutschland und Frankreich sollten keine Politik machen, die auf eine Vergemeinschaftung der Schulden in Europa hinausläuft", mahnte er.

Autor: Rolf Wenkel (mit dapd, dpa, rtr)
Redaktion: Henrik Böhme

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