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Kultur

Geteilte Geschichte, gemeinsames Leiden

Erst langsam taucht die Geschichte von Deutsch-Südwest Afrika, dem heutigen Namibia, wieder aus dem Nebel des historischen Vergessens auf. Jetzt nimmt sich einen Ausstellung in Köln des Themas an.

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Aufmarsch deutscher Truppen zum Genozid gegen die aufständischen Herero 1904

Es mussten hundert Jahre vergehen, bis die brutale Niederschlagung des Herero-Aufstands wieder in den Blick der Öffentlichkeit zu rückt. Im Januar 2004 jährte sich der blutige Aufstand gegen die weiße Kolonialherrschaft im damaligen Deutsch-Südwest zum hundertsten Mal. Er führte zu einem Massaker, das einem Völkermord gleichkam. Erst jetzt ist etwas mehr Licht in die dunkle Vergangenheit der Deutschen und ihrer Kolonialherrschaft in Namibia gekommen. Eine Ausstellung in Köln untersucht mit rund 640 Exponaten die ambivalente deutsch-namibische Geschichte vom 19. Jahrhundert bis in die Jetztzeit.

"Namibia-Deutschland: eine geteilte Geschichte" zweideutelt der Titel der Kölner Ausstellung. Denn der Blick auf die Geschichte des ehemaligen Deutsch-Südwest, das heute Namibia heißt, bedarf in der Tat mehrerer Perspektiven. Schließlich handelt es sich sowohl um eine Geschichte, die einen tiefen Keil zwischen die schwarz-namibische und die weiße Land-Bevölkerung getrieben hat. Zum anderen leiden beide Bevölkerungsgruppen bis heute an diesem gemeinsamen traurigen Schicksal. Ein Schicksal, das hierzulande noch immer wenig bekannt ist.

Weißer Fleck Kolonialgeschichte

Michael Bollig ist Professor für Völkerkunde an der Kölner Universität. Seit fünf Jahren leitet er ein Sonderforschungsprojekt, das die Geschichte Namibias untersucht. Er glaubt, dass die deutsche Kolonialgeschichte unter den beherrschenden Fragestellungen von Nationalsozialismus und Holocausts lange zu wenig beachtet wurde. "Ich stelle das auch in unserer Fakultät fest: Da gibt es Fachleute, die detailiert die politischen Strukturen des Kaiserreiches bearbeiten - die ehemaligen Kolonien und deren Geschichte werden jedoch selten mitbetrachtet."

Am 12. Januar 1904 erhoben sich die Afrikaner gegen die deutsche Kolonialmacht im ehemaligen Deutsch-Südwest. Tausende von Kindern, Frauen und Männer wurden damals massakriert, in so genannten Konzentrationslagern gefangen genommen und dem Tod durch Hunger und Zwangsarbeit ausgeliefert. Historiker bewerten diesen Krieg deshalb als Vorspiel der nationalsozialistischen Genozids.

Drei Jahre Krieg

Die Kölner Ausstellung setzt vor diesem Völkermord ein. Sie spürt den Anfängen des Kolonialismus im 19. Jahrhundert nach. Fotos und Schriftstücke erzählen von den ersten Versuchen der Missionare, die schwarze Bevölkerung Namibias zu christianisieren. Dazu sammelten sie auch Zeugnisse des heidnischen Glaubens wie Grabmale aus Rinderschädeln, um ihre Erfolge zu belegen. Alte Karten beschreiben den Kriegsverlauf des Massakers, das 1904 begann. Erst 1907 erklärten die Deutschen den Krieg gegen die Hereros offiziell für beendet.

Hererotag in Namibia

Eine Gruppe Hereros marschiert in Uniformen am Herero-Tag in Okahandja. Im Hintergrund als Zuschauer Herero-Frauen in wilhelminischer Tracht, Aufnahme von 1999. An jedem ersten Sonntag nach dem 23. August findet in Okahandja der Herero-Tag statt. Aus allen Landesteilen kommen Hereros in Uniformjacken aus der Zeit der deutschen Schutztruppen.

In zwei Erzählstränge unterteilt, bekommen die deutsche und die Namibische Perspektive den gleichen Stellenwert eingeräumt. So pendelt der Besucher von schwarzer zu weißer Perspektive und landet schließlich im Namibia von heute. Der Karneval, das Oktoberfest mit deutschem Bier, die Schwarzwälder Kirschtorte, deutsche Lieder, eine deutsche Tageszeitung, die Wohnzimmerschränke à la Gelsenkirchner Barock - in Namibia sind die Spuren deutscher Lebenskultur noch immer unübersehbar. Zumindest, was den besser situierten Mittelstand angeht, teilen Schwarze und Weiße heute einen sehr ähnlichen Alltag, feiern die gleichen Feste und drücken gemeinsam die Schul- und Universitätsbänke: "Auf dem Land sind die sozialen Schranken aus der Apartheit vor der Unabhängigkeit noch erhalten", sagt die Ethnologin Larissa Förster. "Dort gibt es eine starke Trennung: Weiße Leben auf den kommerziellen Farmen, schwarze Familien in den Kommunalgebieten, die während der Apartheit die Reservate waren."

Neue Zeiten, alte Ungerechtigkeiten

Fünf bis sechstausend weiße Farmer gibt es noch immer in Namibia. Auf bis zu zehntausend Quadratkilometer großen Ländereien betreiben sie Viehzucht. Die schwarze Landbevölkerung muss mit einem Bruchteil der Weidefläche auskommen. "In den Kommunalgebieten gibt es kein Privateigentum, das ist staatliches Land. Mit Nutzungsvereinbarungen, müssen die Leute in den Dörfern aushandeln, wer das Land wie nutzt", sagt Förster.

Die letzte Station der Ausstellung schlägt den Bogen zurück zu den Aufständen der Hereros. Einmal im Jahr veranstalten die Afrikaner Gedenkfeiern, um an den Krieg zu erinnern. Dazu ziehen sie ausgerechnet genau die Uniformen und Gewänder an, die damals auch die deutschen Kolonialherren trugen. Für die namibische Bevölkerung ein Weg, sich über die Attribute kolonialer Machtausübung lustig zu machen - und es zeigt sich so einmal mehr, wie sehr die schwarze und weiße Bevölkerung die gleiche Geschichte teilt.

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